Rems-Murr-Kreis

Waiblingen: Nach der Aufregung um den Mann auf dem Dach - eine Einordnung, wie wir als Journalisten mit solchen Fällen umgehen

Onlinepolente
Polizei und Feuerwehr im Einsatz: Große Aufegung am Dienstagabend in Waiblingen - und was lernen wir daraus? © Benjamin Büttner

Große Aufwühlung durchpulste am Dienstagabend Waiblingen: Die Polizei musste gleich zweimal mit starkem Aufgebot ausrücken. Was war da los? Und: Haben wir online auf zvw.de verantwortungsvoll darüber berichtet? Eine Einordnung.

Gegen 17 Uhr schlugen die Wogen am Dienstag in Waiblingen erstmals hoch: Mehrere Polizei-Autos nebst Fahrzeug der Hundeführerstaffel rückten in die Straße Am Stadtgraben aus. Passanten hatten gemeldet, dass sie Hilfeschreie aus einer Wohnung gehört hätten. Die Beamten stellten fest, dass eine Frau von ihrem Partner, 27, verletzt worden war. Als die Polizisten dazwischengingen, wurde der Mann auch gegen sie aggressiv und musste mit Handschellen zur Räson gebracht werden.

Die Lage war kaum befriedet, da folgte der noch größere Aufreger. Gegen 19 Uhr mussten Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei mit mehreren Wagen in die Badstraße in Waiblingen eilen. Warum? Zitieren wir aus dem Polizeibericht vom Mittwoch.

Ein fliegendes Dachfenster, mehrere Brandstellen: der Polizeibericht

„Ein 36-jähriger Mann drang widerrechtlich in das Wohnhaus seiner ehemaligen Lebensgefährtin ein. Ihr gegenüber drohte er, das Haus anzuzünden und auch notfalls gegen die Polizei gewaltsam vorzugehen, falls diese gerufen werden sollte. Beim Eintreffen der Polizei gegen 19.15 Uhr war in dem Wohnhaus bereits Qualm feststellbar. Der Mann begab sich beim Eintreffen der Beamten aufs Dach des Gebäudes. Von dort warf er ein Dachfenster und Ziegel auf die vor dem Haus stehenden Polizisten. Die Gegenstände verfehlten glücklicherweise die Beamten, so dass niemand zu Schaden kam. Die Polizisten begaben sich ins Haus und forderten den betrunkenen Mann auf, vom Dach zu steigen. Dieser folgte der Anweisung, woraufhin er in der Wohnung vorläufig festgenommen wurde. Im Haus konnten mehrere Brandstellen festgestellt werden, die von der Feuerwehr gelöscht wurden.“

Darüber haben wir bereits am Dienstag um 21.09 Uhr online berichtet – ein schriftlicher Polizeibericht lag uns da noch lange nicht vor. Kernsätze aus unserer Erstmeldung: „Ein Mann drohte ein Haus anzuzünden. Als die Polizei den Mann aus dem Gebäude herausholen wollte, habe sich dieser verbarrikadiert, mit Dachziegeln geworfen, Fenster beschädigt und versucht, sich mit Ziegeln seinen Kopf zu verletzen, so ein Augenzeuge. Die Polizei konnte am Abend keine näheren Angaben zu diesem Fall und zur Person machen. Die Straße wurde gesperrt, da die Feuerwehr ihr Sprungkissen in Position bringen musste, für den Fall, dass der Mann zu springen drohte. Schließlich konnte der Mann laut Augenzeuge aber von der Polizei überwältigt werden.“

Diese Meldung aktualisierten wir online am Mittwoch um 9.32 Uhr folgendermaßen: „Auf Nachfrage unserer Redaktion am Mittwochmorgen bestätigte ein Polizeisprecher, dass es einen Vorfall gab. Nach Angaben des Polizeisprechers wurde der Mann vorläufig festgenommen.“

Am Mittwoch um 13.09 Uhr erhielten wir schließlich den ausführlichen Polizeibericht und veröffentlichten unsere noch einmal ergänzte Version um 13.38 Uhr.

War es ganz anders? Eine Protestmail

Auf die Erstmeldung vom Dienstagabend hin aber erhielten wir eine Protestmail, offenbar von einer weiteren Augenzeugin: Der Mann habe nie gedroht, sich mit Dachziegeln selbst zu verletzen, sondern habe lediglich Ziegel „so vom Dach“ geworfen, dass sie „etwa zwei Meter vor den Beamten“ aufprallten. Er habe sich dafür „noch auf dem Dach“ entschuldigt, „auch bei den Beamten: Er sehe ein, dass er Scheiße gebaut habe. Er komme jetzt mit erhobenen Händen runter, knie sich hin und lasse sich festnehmen.“ Und „genau so war es auch.“ Er sei nicht „überwältigt“ worden. Warum lüge die Zeitung?

Es empfiehlt sich, an dieser Stelle zu erklären, wie wir in solchen Fällen vorgehen.

Journalistische Entscheidungsprozesse: eine Offenlegung

Erstens: Die Person, die Spätdienst hat – dieser Dienst geht bis 23 Uhr – muss entscheiden, ob sie überhaupt noch am selben Abend aktuell online berichten sollte. Faustregel: Wenn ein Ereignis große Aufmerksamkeit auslöst und ob eines massiven Polizei-Aufgebots gar drängende Fragen nach einer Gefahrenlage für größere Bevölkerungsteile aufwirft, dann halten wir es für geboten, sehr schnell zumindest eine grobe Orientierung zu ermöglichen.

Zweitens: Dass die Lage zu diesem Zeitpunkt noch unübersichtlich ist, versteht sich. Deshalb ist es wichtig, kenntlich zu machen: Was wissen wir gesichert von der Polizei, was haben wir ohne Gewähr von Zeugen? Journalisten stecken da in einem Spannungsfeld: Sie sollen sowohl dem verständlichen Bedürfnis der Menschen nach schneller Information als auch dem ebenso nachvollziehbaren Wunsch nach verlässlichen Fakten gerecht werden.

Drittens gilt deshalb: Sobald sich Neues ergibt, sollte der Artikel ergänzt werden.

Wie wir selber den Fall vom Dienstag bewerten

All das mag nicht immer gleich gut gelingen, so sehr wir uns auch mühen – in diesem Fall aber lässt sich sagen: Ein derart auffälliges Ereignis mit Schweigen zu übergehen, wäre keine gute Lösung gewesen; in der Erstmeldung war sauber getrennt zwischen Augenzeugenberichten und noch fehlender Polizeibestätigung; und wir haben zweimal aktualisiert, sobald uns das möglich war.

In groben Zügen, wenn auch – den Umständen geschuldet – nicht in allen Details war bereits die Erstmeldung richtig. Und: Sie war nicht sensationslustig zugespitzt. Wie drastisch die Lage zu eskalieren drohte, als ein Mann offenbar nicht nur Ziegel, sondern gar ein Fenster warf und wohl einen Brand zu legen versuchte – das hat erst der Polizeibericht vom Mittwoch voll offenbart.

Selbstverständlich darf jede Leserin und jeder Leser sich zu all dem seine eigene Meinung bilden. Aber in aller Bescheidenheit gönnen auch wir uns die unsere: Die Spätdienst leistende Kollegin hat die schwierige Situation kompetent und verantwortungsvoll gemeistert.