Rems-Murr-Kreis

Warum es gerade Probleme auf Remsbahn gibt

Irre Panne: Go-Ahead hat Übergewicht_0
Dieses aussagekräftige Foto hat uns Leser Jonas Burkhardt aus Urbach geschickt: In einem überfüllten Go-Ahead-Zug versucht ein Techniker (rechts im blauen Anorak), eine Störung zu beheben. © Jonas Burkhardt

Waiblingen. Dass die Go-Ahead-Züge auf der Remsbahn-Schiene oft zu kurz und überfüllt sind, beklagen Pendler schon lange – die jüngste Panne aber lädt dringend zu sarkastischen Witzen ein: Weil ein Waggon unter Übergewicht litt, musste er auf Fahrgast-Diät gesetzt werden. Was steckt dahinter? Und gibt es Hoffnung auf Besserung?

Die Pendler, unterwegs am Dienstnachmittag von Stuttgart gen Aalen, trauten ihren Ohren nicht, als der Zug in Cannstatt anhielt und nicht weiterfuhr: „Die Gewichtssensoren des Zuges zeigen an“, so begann die Durchsage, „dass im vorderen Wagen zu viele Fahrgäste sind. Bitte steigen Sie in den hinteren Wagenteil um. Bitte circa 30 Fahrgäste den Bahnwagen wechseln.“

Überfüllter Wagen muss abspecken, indem er sein Kunden-Hüftgold wegschwitzt: Für Go-Ahead ist diese skurrile Panne ein Image-Debakel, das absolut zur falschen Zeit kommt. Das Unternehmen, das seit Juni die Remsstrecke bedient, stand ja von Anfang unter verschärfter Beobachtung. Viele Pendler, die aus Deutsche-Bahn-Zeiten heftige Ärgernisse gewohnt sind – Verspätungen, Ausfälle, klemmende Türen, defekte Toiletten –, bezweifelten, ob es mit den Neuen besser werden würde.

Es war ein Gebot der Fairness, dem Debütanten zunächst Welpenschutz zu gewähren. Und zumindest, was transparente und selbstkritische Öffentlichkeitsarbeit betrifft, schlug sich Go-Ahead ja auch anständig. „Da braucht man nicht drumrumzureden“, räumte Go-Ahead-Sprecher Eric Bethkenhagen im August ein: Die Startwochen auf der Remsschiene waren „nicht gut“, phasenweise habe er sich an „Murphy’s Law“ erinnert gefühlt – „alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“. Allerdings: Nicht alle Schwierigkeiten seien „von uns operativ zu verantworten“.

Die Fahrzeuge sind nicht ausgereift und deshalb fehleranfällig

Das stimmt: Die modernen Triebzüge des Typs „Flirt“, die der Schweizer Hersteller Stadler geliefert hatte – übrigens auf Bestellung des Landes –, wurden erst verspätet geliefert und entpuppten sich dann auch noch als technisch unausgereift. Es gab Probleme mit Bremsen und Türen. Immer wieder musste ein Wagen in die Werkstatt, „wir mussten teilweise mit kürzeren Zügen fahren“, sagte Bethkenhagen damals. Pendler litten unter drangvoller Enge.

In den Sommerferien zeichnete sich zwar Besserung ab – kein Wunder bei urlaubsbedingt niedrigeren Fahrgastzahlen. Ab September aber herrschte wieder Platznot. Erst am Dienstag haben wir in dieser Zeitung darüber berichtet. Überschrift: „Wie eine Heringsbüchse.“ Pendler aus Schwäbisch Gmünd erzählen: Morgens gegen 7 Uhr werde es im Zug schon ab Lorch derart schnuckelig, dass man nur ein aphrodisisches Parfüm versprühen müsste, um eine Massen-Orgie auszulösen. Sitzplätze? Mangelware. Wer in Plüderhausen zusteige, müsse sich die Beine in den Bauch stehen.

Am 27. September flüchtete sich ein Go-Ahead-Zugbegleiter deshalb in skurriles Krisen-Management – per Lautsprecher sagte er in Schorndorf durch: Wer es nicht eilig habe, solle auf die S-Bahn umsteigen.

Da drückt die biervolle Blase: Kein Klo zur Wasenzeit

Dieser Tage fuhr, wie es der Zufall will, der bundesweit bekannte Bahnexperte Arno Luik, Reporter des Magazins „Stern“, zur Wasenzeit gegen 22.30 Uhr von Stuttgart nach Aalen. Er habe sich wie in einer „verlängerten Straßenbahn“ gefühlt, „sehr kurz für einen Zug, er war rappel-rappel-voll“, obendrein habe eine Tür nicht funktioniert – und „ein Klo war gesperrt“; was etliche Reisende, die auf dem Wasen „gut getankt“ hatten, besonders peinigte. Der Zug sei so „vollkommen überbelegt“ gewesen, dass sich die Frage aufgedrängt habe: „Ist das noch von der Sicherheit zulässig?“

Nicht, dass in den vergangenen Jahren, als die Deutsche Bahn den Fahrbetrieb auf der Remsschiene organisierte, alles gut war. Aber mittlerweile, sagt Luik, offenbare sich: Der Fahrgast sei „vom Regen in die Traufe“ gekommen. Das Drama sei „absehbar“ gewesen – in England gelte Go-Ahead als „the worst operating Train Company in Britain“; übersetzt: das schlechteste Zugbetriebs-Unternehmen des Landes.

Oder ist doch Zughersteller Stadler schuld? Go-Ahead-Pressesprecher Eric Bethkenhagen sagt: Es gebe immer noch Probleme mit dem neuen Wagenmaterial. Er könne aktuell leider nicht mehr dazu sagen, „als dass wir dran arbeiten“.

Im November Ersatzbus-Verkehr wegen Bauarbeiten

Derweil ist Überfüllung nicht das einzige Problem: Am Mittwoch wollte unser Redaktionsmitglied Joachim Mogck morgens von Schorndorf nach Waiblingen zur Arbeit – der 8.14er sei „wegen eines vorausfahrenden Zuges“ 25 Minuten verspätet gewesen; der 8.44er bummelte dem Fahrplan auch noch zehn Minuten hinterher. Zeitungsleser berichten regelmäßig Ähnliches.

Im November wird sich dem Kladderadatsch eine weitere Tücke hinzugesellen – dafür kann Go-Ahead aber nichts: Wegen Bauarbeiten der Deutschen Bahn auf der Remsschiene ist von Donnerstag bis Sonntag, 7. bis 10. November, der Streckenabschnitt zwischen Schorndorf und Gmünd gesperrt. Statt Zügen pendeln Ersatzbusse.


Die Ursache des Elends

Zwei Gründe für die Probleme von Go-Ahead nennt der Fahrgastbeirat Baden-Württemberg:

Erstens: „Die neuen Fahrzeuge“, die der Schweizer Hersteller Stadler auf Bestellung des Landes geliefert hat, funktionieren „nicht wie geplant“ – um die Probleme zu beheben, seien „Software-Änderungen notwendig“; dafür fehle „aber noch die Freigabe durch das Eisenbahn-Bundesamt“.

Zweitens: „Auch Personalengpässe“ spielen laut Beirat eine Rolle.

Der Beirat bezweifelt, ob all das in näherer Zukunft besser wird. Auch ab Dezember sei weiterhin „mit einer angespannten Fahrzeugverfügbarkeit zu rechnen“, die Hersteller haben offenbar Liefer-Engpässe.

Matthias Lieb, Vorsitzender des Fahrgastbeirates, fordert, dass „die Fahrgäste wenigstens rechtzeitig über die Störungen informiert werden“.