Rems-Murr-Kreis

Was Ärzte aus dem Rems-Murr-Kreis zur Diskussion sagen

KINA - Kurzer Pieks, langer Schutz: Fachleute reden über Impfungen
Soll es eine Impfpflicht geben? Der Ethikrat diskutiert. © dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Waiblingen. Die Regierungskoalition prüft, ob eine Masern-Impfpflicht gesetzlich durchzusetzen ist. Der deutsche Ethikrat diskutiert grundsätzlich, ob eine Impfpflicht möglich ist. Denn einer Umfrage zufolge fordern 80 Prozent der Eltern diese. Ein höchst umstrittenes Thema, bei dem der Grünen-Politiker und Rudersberger Mediziner Peter Höschele vor Jahren schon eine 180-Grad-Wende vollzogen hat.

Damals, als die Kinder geboren wurden, er selber noch sehr jung und die in Studienzeiten bevorzugten alternativen Bewegungen ihm noch ganz nah waren, entschied sich Peter Höschele, Arzt aus Steinenberg, dagegen, seine Kinder zu impfen. Bis sein Sohn an Masern erkrankte. Dem Kind ging es damals so schlecht, dass Höschele fortan davon überzeugt war: Impfen schützt Leben.

Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich, so heißt es auf der Homepage der Institution, „mit den großen Fragen des Lebens“ und gebe Orientierung für die Gesellschaft und die Politik. Seit etwa einem Monat diskutiert ein Gremium des Ethikrats die Frage, ob Impfen zur Pflicht werden sollte. Eine interessante Wendung, alldieweil bislang eher Impfgegner im Licht der Öffentlichkeit standen. Doch jetzt hat eine unter mehr als 2000 Bürgern geführte und damit repräsentative Umfrage einer Krankenkasse ergeben: Acht von zehn Bundesbürgern befürworten nicht nur das Impfen, sondern fordern explizit eine Impfpflicht.

Impfen ist ein Paradox

Peter Höschele und sein Sohn Philipp sind hier vorsichtig. Das vor Krankheiten schützende Impfen ist rechtlich gesehen ein Paradox: Um ihn gesund zu halten, wird einem gesunden Menschen erstens mit der Nadel eine Verletzung zugefügt und dann bekommt er einen Wirkstoff verabreicht, der potenziell krank macht. Hinzu kommen psychologische Faktoren: Die üblichen Nebenwirkungen – Schwellung und Schmerzen, Schlappheit, Unwohlsein, leichtes Fieber – werden als sehr viel schlimmer wahrgenommen, weil sie aktiv zugefügt wurden.

Deshalb versuchen die Höscheles, ihre Patienten zu überzeugen. Aktuell – der Ethikrat nahm die Krankheit ebenfalls zum Anlass, um sich um das Thema zu kümmern – drohen mal wieder die Masern. Auch im Rems-Murr-Kreis gab es schon wieder einen Fall. Masern können eine Spätfolge nach sich ziehen, die immer tödlich endet: SSPE, subakute sklerosierende Panenzephalitis, heißt die Entzündung des Gehirns, bei der ungefähr fünf bis zehn Jahre nach der vermeintlich überstandenen Erkrankung Masernviren im Gehirn Nervenzellen angreifen.

Das Gehirn wird zerstört. Es gibt keine Rettung. Der Mensch stirbt. Besonders gefährdet sind Kinder, die sich als ganz kleine Babys mit Masern infizierten. Babys aber können erst ab dem Alter von zehn Monaten gegen Masern geimpft werden. Deshalb brauchen sie den sogenannten Herdenschutz: Wenn drumrum alle gegen Masern geimpft sind, kann sich das Kleine nicht anstecken, weil die Krankheit nirgendwo ausbricht.

Eine Impfpflicht wollen die beiden Mediziner nicht. „Die Gegner werden auf die Barrikaden gehen“, sagen sie. Und irgendwie fände sich immer ein Weg zum Attest, das bescheinigt, dass dieses Kind auf gar keinen Fall geimpft werden darf.

„Eine gesetzliche Impfpflicht ist politisch nicht durchzusetzen“

Zu überzeugen versucht auch die Waiblinger Kinderärztin Annette Weimann. Früher war sie radikaler: Sie schickte Eltern, die ihre Kinder nicht impfen wollten, aus der Praxis. Heute argumentiert sie. Doch die Impfpflicht erscheint ihr durchaus als bedenkenswert, die Forderung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte BVKJ nach einem entsprechenden Gesetz, „das die gefährlichen Desinformationen der Impfgegner wirkungslos machen würde“, findet sie zumindest nicht falsch. Denn, sagt sie, manche Menschen kann man tatsächlich nicht impfen. Krebspatienten etwa. Oder Patienten, deren Immunsystem aus therapeutischen Gründen unterdrückt wird. Diese Menschen sind nur vor schweren Infektionskrankheiten geschützt, wenn die anderen sie nicht mehr bekommen.

Doch: „Eine gesetzliche Impfpflicht ist politisch nicht durchzusetzen“, sagt Wolfgang Weigold, Allgemeinmediziner aus Schorndorf und FDP/FW-Lokalpolitiker, und ist damit einer Meinung mit Ralf Rauch, Leiter der Kinderklinik im Rems-Murr-Klinikum Winnenden. Rauch schreibt: „Natürlich gibt es Nebenwirkungen von Impfungen, die werden im Beipackzettel genannt, aber sie sind meist unbedeutend“. Und: „In den 26 Jahren, die ich nun in der Kinderheilkunde arbeite, habe ich kaum Kinder mit solchen Nebenwirkungen gesehen. An ungeimpfte Kinder, die bei einer Masern-Lungen-Entzündung um Atem rangen oder sich wochenlang mit Keuchhusten quälten, erinnere ich mich dagegen schon.“

Krankenkassen raten zu Impfungen

Ob in Deutschland eine Impfpflicht kommen wird, diese Diskussion beobachten auch die Krankenkassen. Die AOK rät zu allen Impfungen, die von der Ständigen Impfkommission STIKO empfohlen werden, und übernimmt auch die Kosten. Die Krankenkassen zahlen aber auch die medizinische Behandlung von schweren Infektionskrankheiten im vollen Umfang. Hiltrud Nehls, Geschäftsführerin der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr, erklärt: „Konsequenzen beispielsweise in Form einer Eigenbeteiligung aufgrund einer nicht durchgeführten Impfung sind ausgeschlossen.“


Impfschäden? Schwerste Erkrankungsfolgen?

Das Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, herausgegeben vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, befasste sich schon im Jahr 2013 mit der Sicherheit von Masernimpfstoffen.

Die Autoren des Artikels werteten alle Meldungen von Impf-Nebenwirkungen aus, die dem Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe, von 2001 bis 2012 gemeldet worden waren. Es gab in diesen Jahren 1696 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen mit 5297 Reaktionen.

Bei 53,7 Prozent der gemeldeten Verdachtsfälle wurden die Kinder wieder vollständig gesund. „Bei 0,9 Prozent der gemeldeten Verdachtsfälle wurde ein tödlicher Ausgang berichtet.“ Das waren insgesamt 15 Fälle, wobei der direkte Zusammenhang mit der Impfung nicht ein einziges Mal nachgewiesen wurde.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Fieber, Ausschlag, Masern durch die Impfung und Reaktionen an der Einstichstelle.

Aus dem Artikel geht nicht hervor, wie viele Kinder in den zwölf Jahren gegen Masern geimpft worden waren.

Die Autoren weisen auch auf eine Studie hin, in der berichtet wurde, dass die SSPE, die tödliche Hirnerkrankung nach einem Maserninfekt, häufiger auftritt als bisher angenommen. Es wird geschätzt, dass eines von 1700 bis eines von 3300 Kindern, die sich mit Masern infizieren, später an SSPE erkranken und daran sterben.