Rems-Murr-Kreis

Was für und gegen eine private Pflegeversicherung spricht

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© Tomaschoff
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Nurse consoling senior woman holding her hand
Helfende Hände. © siehe Bildtext

Fellbach/Waiblingen. Die Versicherungswirtschaft beklagt, dass sich die Deutschen zu wenig privat gegen das Pflegerisiko absichern. Bundesweit haben rund 3,5 Millionen Menschen eine private Vorsorge getroffen. Die unabhängige Stiftung Warentest rät den meisten Menschen indes von einer privaten Pflegezusatzversicherung ab.

Die Stiftung Warentest ist nicht grundsätzlich gegen private Vorsorge. Allerdings eigne sich die Pflegezusatzversicherung nur für Leute, die sich sicher sein könnten, „dass sie die hohen und in Zukunft weiter steigenden Beiträge auch im Rentenalter zahlen können“.

Wie viele Menschen im Rems-Murr-Kreis benötigen Pflege?

Der demografische Wandel ist im vollen Gange. Die Menschen werden älter, das Pflegerisiko steigt. Im Rems-Murr-Kreis wurden im Jahr 2015 laut Kreispflegeplan schätzungsweise 7000 Personen von Pflegediensten betreut. Bis zum Jahr 2020 wird die Nachfrage weiter steigen – um rund 200 Personen pro Jahr. Die Hochrechnung ergibt etwa 9000 Pflegebedürftige im Kreis.

Darüber hinaus gibt es mehr als 4000 Senioren, die in einem Pflegeheim leben. Das Risiko, pflegebedürftig zu werden und eines Tages in einem Pflegeheim zu wohnen, steigt mit dem Alter. In der Altersgruppe der 80- bis 85-Jährigen werden rund ein Drittel der Senioren in einem Heim versorgt. Bei den über 95-Jährigen ist es schon die Hälfte. Diese Zahlen verdecken jedoch eine durchaus positive Entwicklung des Altwerdens: Das individuelle Pflegerisiko sinkt. Die Menschen sind länger gesund und fit. Und der Zeitraum, in denen Senioren pflegebedürftig sind, sei kürzer als früher.

Was spricht gegen eine private Vorsorge?

So eine Extra-Vorsorge müsse gut überlegt sein, so der Deutsche Pflegerat. Statt die Pflegebedürftigen durch steigende Eigenanteile stärker zu belasten, müsse die gesetzliche Pflegeversicherung mehr Leistungen übernehmen. Skeptisch beurteilt der Bund der Versicherten die private Vorsorge: Er empfiehlt, sich nicht erst dann mit dem Thema zu beschäftigen, wenn man pflegebedürftig ist, sondern frühzeitig auszurechnen, „ob die Renten und Vermögen ausreichen, um eine Pflege oder einen Platz im Pflegeheim bezahlen zu können“. Mit einer privaten Pflegezusatzversicherung könne man etwaige Versorgungslücken schließen. „Sie sollte jedoch schon in jüngeren Jahren abgeschlossen werden, denn Alter und Gesundheitszustand beim Abschluss wirken sich auf die Prämienhöhe aus.“

Was ist vom „Pflege-Bahr“ zu halten?

Kein gutes Haar lässt die Stiftung Warentest am „Pflege-Bahr“: „Die staatlich geförderte private Pflegezusatzversicherung empfehlen wir nicht. Sie ist verhältnismäßig teuer und schließt die Versorgungslücke nicht.“

Wie viel kostet eine Pflegezusatzversicherung?

Die Stiftung Warentest hat diese Zusatzversicherungen kürzlich unter die Lupe genommen und kommt zu folgendem Ergebnis: „Private Pflegepolicen sind nicht für alle sinnvoll. Nur wer die Beiträge lebens–lang aufbringen kann, hat etwas davon.“

Es gibt laut Warentest zwei Typen von Versicherung: die Pflegetagegeldversicherung, bei der Versicherte je nach Pflegegrad Geld erhalten, über das sie frei verfügen können, und die Pflegekostenversicherung, die sich vor allem für Menschen eignet, wenn sie sich von professionellen Kräften pflegen lassen wollen. Bei allen Policen müssten sich Versicherte aber die Frage stellen, ob sie sich sie leisten können. „Denn Kunden müssen die Beiträge immer weiter zahlen – oft sogar, wenn sie pflegebedürftig sind.“ Die Kosten einer Pflegezusatzversicherung hängt vom Alter ab, in dem sie abgeschlossen wird. Wer sich erst mit 55 Jahren versichere, muss mit ungefähr 87 Euro im Monat rechnen und stopft die Versorgungslücke, die je nach Pflege bei ambulanter Pflege zwischen 125 Euro (Pflegegrad 1) und 2200 Euro (Pflegegrad 5) beträgt beziehungsweise bei stationärer Pflege 1500 Euro. Wer sich mit 45 für eine Police entscheidet, zahle rund 30 Euro weniger. Der Beitrag werde aber im Lauf der Jahre weiter steigen. Pflege sei teuer. Wer privat 100 000 Euro angespart habe, komme damit nur gut drei Jahre lang aus, falls er beispielsweise 2500 Euro im Monat für eine 24-Stunden-Betreuungskraft braucht.

Lohnt es sich denn, sich schon mit 30 abzusichern?

Am billigsten kommt man davon, wenn man mit 30 die Versicherung abschließt. „Trotzdem ist es nicht zu empfehlen, die Versicherung bereits so früh abzuschließen“, so die Stiftung Warentest. Zum einen brauchen Menschen in diesem Alter ihr Geld für andere Dinge wie die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit und den Aufbau einer privaten Altersvorsorge. Außerdem lässt sich das Leben nicht auf 40 oder 50 Jahre vorausplanen. Wer mit 65 Jahren sich privat gegen den Pflegefall absichern will, habe meist schlechte Karten. Versicherungen haben kein Interesse an Senioren.