Rems-Murr-Kreis

Was ist dran an den Vorwürfen gegen die Abfallwirtschaft?

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Die Biovergärungsanlage Neuschöntal. © Ralph Steinemann

Waiblingen. „Tricksereien“, „Schildbürgerstreiche“, „schwachsinniges Treiben“: Brachiale Vorwürfe erhebt ein Anonymus gegen die Abfallwirtschaft Rems-Murr – was ist dran?

Von „Finanzjonglierereien“ ist die Rede, von „Millionen“, die „zum Fenster“ hinausgeworfen würden: Solche anonymen Briefe trudeln seit Monaten in unsere Redaktion. Der Anonymus verfügt erkennbar über Insiderkenntnisse aus der Abfallbranche. Ob die Vorwürfe aber stimmen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier ein Überblick – und Gegenreden dazu von Abfallwirtschaftschef Gerald Balthasar.

Vowurfskomplex eins: Deponie-Abdichtung Steinbach

Die Situation: Die Mülldeponie Steinbach wurde 1994 stillgelegt. Solange so eine Alt-Deponie aber offen liegenbleibt, dringt Regen ein und schwemmt Schadstoffe aus – damit sie nicht ins Grundwasser gelangen, muss das kontaminierte Sickerwasser teuer gereinigt werden. Deshalb wird die Deponie jetzt abgedichtet.

Der Anonymus: Die Abdichtung hätte man bereits „fünf bis zehn Jahre“ nach der Stilllegung aufbringen können – viel früher wäre dann Schluss gewesen mit der Sickerwasserbehandlung, „mehrere Millionen Gebühren“ hätten gespart werden können.

Die Trödelei habe weitere Folgen gezeitigt: Seltene Tiere hätten sich auf dem besonnten Deponiegelände angesiedelt – und mussten, bevor die Abdichtungsarbeiten endlich begannen, kostspielig umgesiedelt werden. Wenn die Abdichtung aber fertig und mit einer Erdschicht gekrönt sei, werde dort keine sonnige Wiese gepflanzt, die den Tieren erneut Heimat gebe; sondern Wald. „Kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, kann diese Posse verstehen.“

Balthasar: Der Wissensstand des Anonymus sei „veraltet“. Den Müllberg fünf bis zehn Jahre nach der Stilllegung abdichten? Motto: „Erdschicht drauf und fertig“? So sei das „vielleicht früher mal“ gelaufen. Aber „das dürfen wir gar nicht“. Heutzutage sei eine Abdichtung ein „sehr filigranes Bauwerk“, das „hundert Jahre halten“ muss. Kunststoff-Bahnen. Bentonit-Matten. Und so weiter. So ein Müllgebirge aber arbeitet nach der Stilllegung zunächst heftig: baut sich biologisch ab, gärt vor sich in. Es kommt zu „Setzungen“: Hier sackt was runter, da nicht. Verlegt man die Bahnen, während der Berg noch rumort, reißen sie unter der Spannung. Deshalb wird der „Setzungspegel jährlich vermessen“ – erst, wenn es nur noch Verschiebungen „im Millimeterbereich“ gibt, kann man abdichten.

Ja, Zauneidechse, Haselmaus, Schmetterlinge, Vögel lebten auf der besonnten Alt-Deponie. Diese Tiere vor der Abdichtung umzuquartieren, verlangt nun mal der Naturschutz. Warum aber am Ende aufforsten? „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind leider so“: Bevor die Deponie in Betrieb genommen wurde, gab es dort Wald – der muss wiederhergestellt werden. Immerhin: Im Süden des Areals bleibt eine sonnige Fläche frei, geeignet für Haselmaus & Co.

Vorwurfskomplex zwei: Biovergärungsanlage Neuschöntal

Die Situation: In Neuschöntal landet der gesamte Biomüll aus dem Landkreis, 36 000 Tonnen pro Jahr. Daraus wird Flüssigdünger gewonnen, der an den Maschinenring geht zur Ausbringung auf den Feldern; und das entstehende Biogas wird verstromt. Früher wurde der Biomüll in die neuen Bundesländer gekarrt: Jährlich fielen dafür mehr als eine Million Lkw-Kilometer an. Das stellte Neuschöntal auf null – und wirft dafür jährlich zehn Millionen Kilowattstunden grünen Strom ab. Genial. Aber . . .

Der Anonymus: Als 2010 der Baubeschluss fiel, sei von 10 Millionen Euro Baukosten die Rede gewesen, „tatsächlich wurden es rund 14“. Und nun, nur acht Jahre nach der Inbetriebnahme 2011, müsse die Anlage bereits für 7 Millionen aufgerüstet werden.

Die beiden Blockheizkraftwerk-Motoren für die Biogasverstromung werden ausgetauscht– sie seien „offenbar ständig an und über dem Anschlag betrieben und heruntergewirtschaftet“ worden. Die neuen aber seien größer und würden auch noch um einen Gasspeicher ergänzt. Was soll das?

Dazu werde jetzt auch noch ein dritter Tank für Flüssigdünger gebaut – wurden die ersten beiden 2010 zu klein kalkuliert, um „die Kosten schönzurechnen“?

Balthasar: Nie sollte Neuschöntal 10 Millionen kosten – die 10,8 Millionen, die ein Generalunternehmer kalkulierte für das Bauwerk, waren nur ein Los, wenn auch das größte, von acht. Immer war klar, das weitere Kosten – unter anderem für Erschließung, Außenbereich, Kanal, Fahrfläche – hinzukämen. 13,2 Millionen insgesamt: Das war die Prognose. Und so sei es gekommen.

Schon beim Kauf war bekannt, dass die Blockheizkraftwerk-Motoren „nach acht Jahren verschlissen“ sein würden. „Genau diesen Zeitpunkt haben wir jetzt. Hat alles gepasst“ und nichts zu tun mit „Überbeanspruchung“: Ausgelegt waren die Motoren für 8700 jährliche Betriebsstunden, genutzt wurden sie „8200 bis 8300 pro Jahr“.

Dass die neuen Motoren stärker sind und einen vorgeschalteten Gasspeicher bekommen, macht die Anlage „flexibler“: Wenn bei Sonnenschein viel Solarstrom ins Netz geht oder zu Zeiten, in denen die Bevölkerung wenig Strom abruft, wird das kontinuierlich in der Anlage anfallende Biogas zwischengelagert – und kann dafür an Regentagen oder zu Hochbedarfszeiten schnell en masse verstromt und eingespeist werden.

Der dritte Flüssigdünger-Tank aber habe mit einer Gesetzesänderung zu tun: Früher waren sechs Monate Speicherkapazität vorgeschrieben, mittlerweile sind es neun.


Da war mal was

Vorwürfe gegen die Abfallwirtschaft im Rems-Murr-Kreis, vorgebracht in anonymen Briefen – das gab es schon mal: Ende der 90er-Jahre ging es um Missstände bei der damaligen AWG, der Rechtsvorgängerin der heutigen AWRM. Die Affäre zog sich über Jahre und endete mit der Entlassung des damaligen AWG-Chefs und mehreren Gerichtsverfahren. Allerdings fand sich für die ganz großen Vorwurfskaliber – von Millionenschäden war die Rede – im Zuge der juristischen Aufarbeitung nie ein habhafter Beleg.