Rems-Murr-Kreis

Was lernt die katholische Kirche aus dem Missbrauchsskandal?

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Die Zeit einer strikt „von oben nach unten“ organisierten katholischen Kirche „müsste vorbei sein“, findet Dekan Manfred Unsin. © ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Was lernt die katholische Kirche aus dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan? Die Frage treibt viele Gläubige um – auch Manfred Unsin, den Dekan des Rems-Murr-Kreises. Er findet: Der Missbrauchsskandal müsse Anlass sein, die männerbündisch-autoritäre Struktur der Kirche zu hinterfragen.

Herr Unsin, wie schätzen Sie nach dem Anti-Missbrauchsgipfel die Lage ein?

Unser Bischof Fürst hat unverzüglich einen Tag später ein Schreiben an alle geschickt, wie er zu verfahren gedenkt, er hat ganz tüchtig die verschiedenen Maßnahmen aufgezählt: Genaue Aufarbeitung. Transparenz. Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden. Präventionsbeauftragte. Das ist alles notwendig und gut. Lauter Handlungsebenen operationaler Art. Der Bischof von Hildesheim ist weiter gegangen: Er hat den Machtmissbrauch als Ursache angesprochen. Bischof Heiner Wilmer hat erklärt: „Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“. Er hatte, soweit ich weiß, als einziger der deutschen Bischöfe den Mut, das so zu sehen – und vor allem auch zu formulieren.

Es geht aus Ihrer Sicht also nicht nur um die Aufarbeitung und Verhinderung von Einzelfällen, sondern um grundlegende Fragen der Kirchenstruktur?

Der Jesuitenpater Klaus Mertes bringt’s total auf den Punkt: Er spricht von „systemischen Ursachen“ des Missbrauchs. Mertes kritisiert die „männerbündische Struktur des Klerus“. Diese Männerbünde, diese Binnenzirkel müssten aufgebrochen werden. Denn in diesen Zirkeln entstehen Seilschaften.

Institutionen, die nach außen hermetisch abgeschottet und nach innen straff hierarchisch organisiert sind, sind besonders anfällig für Missbrauch und Vertuschung. Das ist nicht nur in der katholischen Kirche so, das hat auch der Skandal an der Odenwaldschule erschütternd gezeigt.

Richtig. Und die Kirche ist eindeutig von oben nach unten strukturiert. Schon die Struktur des Priester-Daseins ist davon geprägt, schon bei der Priesterweihe wird absoluter Gehorsam unter den Bischof verlangt. Das wird zwar jesuanisch begründet, hat aber auch eine sehr, sehr irdische, anfällige Seite.

Mertes problematisiert auch die katholische Sexualmoral, ihr „grundlegend problematisches Verhältnis zur Sexualität“.

Das ist ein wichtiges Stichwort. Unter Priestern herrschte lange Zeit einfach Schweigen in puncto Sexualität. Über die Rolle der Frau in der Kirche gibt es zudem in der Deutschen Bischofskonferenz keine einheitliche Meinung. Homosexualität wurde auch nicht gesehen, gleichwohl war und ist sie da. Stattdessen einfach lange: Sprachlosigkeit. Das Kirchenrecht müsste aus pastoralen Gesichtspunkten noch einmal überarbeitet werden, beim Eherecht angefangen.

Was letztlich auch zur Frage nach dem Sinn des Zölibats führt.

Wir müssen uns doch fragen: Wie geht’s denn weiter? Wir kriegen kaum mehr Pfarrer!

Wobei es falsch wäre, den Zölibat schlechterdings als Ursache von sexuellem Missbrauch zu betrachten. Es wäre krass verharmlosend, so zu tun, als gebe es Missbrauch außerhalb der Kirche nicht. Statistisch sind die wenigsten Sex-Täter Priester – Studien nennen einen Anteil von 0,1 Prozent – und die wenigsten Priester Sex-Täter, je nach Studie ein bis vier Prozent.

Dass der Zölibat zu Missbrauch führe, den Kurzschluss kann man nicht machen. Für uns Pfarrer ist das furchtbar: Wie gucken die Leute uns an? Die Gemeinden im Rems-Murr-Kreis springen, soweit ich das höre, zum Glück nicht so arg darauf an, weil sie bei ihrem Pfarrer Kindesmissbrauch schlicht nicht erleben.

Wenn es um Reformen geht – was gehört da sonst noch auf den Prüfstand in der katholischen Kirche?

Auch über das Frauenpriestertum müssen wir reden. Aber was die Rolle der Frauen betrifft, ist unser Papst ganz konservativ. In Rom beim Missbrauchsgipfel waren zwar Frauen dabei und hielten auch Reden, das ist gut. Aber der Papst sagte auch: „Jeder Feminismus endet als Machismo mit Rock.“ Es ist immer noch so, dass in der Kirchenstruktur Frauen nur am Rande vorkommen. Dabei glaube ich, gerade auch beim Thema sexueller Missbrauch, dass Frauen an Aufarbeitung und Prävention anders rangehen als Männer. Sie haben ein anderes Feeling. In Diözesen, wo Frauen stärker einbezogen wurden, hat sich gezeigt, dass sie das Männerbündische, das Unbeholfene der Männerriege durchbrechen.

Die Missbrauchsskandale haben die Kirche in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt. Gibt es da überhaupt einen Weg heraus?

Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat gesagt: Diese Krise sei historisch betrachtet „größer als das, was in der Reformation passiert ist“. Ich hoffe, dass – auf tragische Weise – in diesem furchtbaren Skandal die Möglichkeit von etwas Neuem aufkeimt. Bischof Wilmer hat gesagt: „Die Zeit ist vorbei, dass die Kirche von oben nach unten agieren kann.“ Ich glaube zwar nicht, dass die Zeit vorbei ist – aber sie müsste vorbei sein!


Der Skandal

Sexueller Missbrauch wurde in der katholischen Kirche lange Zeit weitgehend ignoriert und vertuscht. Erst ab Mitte der 1990er Jahre änderte sich das weltweit. Opfer – vor allem Schutzbefohlene und Untergebene – berichteten über Missbrauch durch Priester, Ordensleute, Erzieher oder andere Vertrauenspersonen.

Nach besonders drastischen Skandalen in Irland und den USA wurden seit 2010 auch in Deutschland Sexualdelikte in katholischen Einrichtungen in größerem Umfang bekannt. 2018 zeigte eine Studie: In Deutschland wurden zwischen 1946 und 2014 ingesamt 1670 Kleriker als Missbrauchsbeschuldigte innerhalb ihrer Kirche aktenkundig. 3677 Kinder und Jugendliche wurden nach Lage der Akten in Deutschland mutmaßlich zu Opfern.

Beim sogenannten „Missbrauchsgipfel“ im Vatikan diskutierten dieser Tage rund 190 Vorsitzende der Bischofskonferenzen, Ordensleiter aus aller Welt und Chefs von Vatikanbehörden vier Tage lang über Missbrauch und Kinderschutz in der katholischen Kirche. Auch Opfer nahmen teil.