Rems-Murr-Kreis

Was verbirgt sich hinter den Slogans der neuen Rechten?

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Demonstration der Identitären am 17. Juni 2017 in Berlin. © Christine Tantschinez
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Reinhard Neudorfer. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Glatze, Springerstiefel, Bomberjacke, Hitlergruß? Sind von gestern. Wer die rechte Szene heute verstehen wolle, müsse ihr Botschaften „dekodieren“: Ein Gespräch mit dem Waiblinger Reinhard Neudorfer, der sich in Programmatik und Strategie der „Identitären Bewegung“ eingearbeitet hat.

Er ist, da gibt’s nun wirklich nichts zu deuteln, ein alter Linker: Reinhard Neudorfer, 71, aus Waiblingen, ist politisch aktiv seit mehr als 50 Jahren, von der DKP über die PDS kam er zur „Linken“. Der Mann ist Partei – seine Überlegungen zur neuen Rechten sind dennoch erhellend; oder gerade deshalb: Mit geschultem Sensorium nimmt er wahr, was sich in der Szene tut.

„Wir müssen“, liest Neudorfer aus einem programmatischen Aufsatz der neuen Rechten vor, „unsere Aussagen so gestalten, dass sie nicht mehr ins Klischee der ,Ewig-Gestrigen’ passen.“ Der Text liefert ein Beispiel: „Die sollen doch heimgehen“? Schlecht. Gut: „Dem Großkapital muss verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Sinn bleibt der gleiche: Fremdarbeiter raus!“

So stand es bereits 1973 im „La Plata Ruf“, einer deutschsprachigen Zeitschrift in Argentinien. Herausgeber: Wilfred von Boven, vormals Mitarbeiter im NS-Propagandaministerium von Goebbels.

„Unverfängliche Sprache, Tarnstrategie“: Das hört Neudorfer auch bei einer der agilsten Bewegungen der neuen Rechten, den „Identitären“. Sie gehen mit dem Slogan hausieren: „0 % Rassismus, 100 % Identitär“. Deutschland den Deutschen, Ausländer raus? Nicht ihr Jargon – sie fordern lieber „ethnopluralistische Vielfalt“; klingt nach Multikulti, meint aber das Gegenteil: Jede Ethnie soll schön unter sich bleiben, damit das Eigene nicht verunreinigt wird vom Fremden.

Klug geklaut: Wie die Rechten linke Ideen kapern

Ziel der Identitären, schreibt ihr Chefideologe, der Österreicher Martin Sellner, sei die Herrschaft über die „Ideen und Begriffe“; die Eroberung „kultureller Hegemonie“. Kulturelle Hegemonie? Da wird der Linke hellhörig: Das Konzept stammt von einem kommunistischen Denker, von Antonio Gramsci! Tatsächlich: Er wird in identitären Texten als „bedeutender Philosoph“ gepriesen; und auf Rechts gedreht.

Kulturelle Hegemonie erlangt nach Gramsci, wer es schafft, gesellschaftlich zustimmungsfähige Ideen zu produzieren. Mit Hitlergruß geht das nicht, das verschreckt zu viele. Wer die Macht will, muss die Köpfe gewinnen und die eigenen Vorstellungen salonfähig machen – das ist der an Gramsci geschulte Kerngedanke der Identitären; oder wie sie im Internet schreiben: „Wir führen einen Kampf um Begriffe, um das Sagbare, letztlich auch um das Denken“, es gehe darum „neue Bilder und Narrative (Erzählungen)“ in den „gesellschaftlichen Diskurs einzuspeisen“.

Spartaner und „Invasoren“: Identitäre Deutungsmuster

Identitäre Narrative, identitäre Begriffe – konkret hört sich das so an: Die Deutschen werden überrollt von „Invasoren“, sollen ersetzt werden durch Zuwanderer und müssen sich diesem „Bevölkerungsaustausch“ entgegenstemmen. „Wir“, die bedrohte Minderheit, führen einen heroischen Verteidigungskampf gegen „die“: Das ist das Deutungsmuster, das die Identitären der Gegenwart überstülpen. Und sie versuchen, diese Lesart historisch zu veredeln, indem sie sich eine Ahnenreihe des Widerstands zusammenkonstruieren.

Das Symbol der Identitären: Der griechische Buchstabe Lambda – das Initial von „Lakedaimon“, dem mythischen Stammvater der antiken Spartaner, die einst dem persischen Riesenheer trotzten. Ein magisches Datum für die Identitären: Das Jahr 732 – in der Schlacht bei Poitiers stoppten die Franken die nach Gallien vorgestoßenen Araber. „Reconquista“, Rückeroberung: So nennen die Identitären ihr Projekt – in Anlehnung an den Kampf gegen die muslimische Macht im mittelalterlichen Spanien. „Deus vult“, Gott will es: eine beliebte Losung in der Szene – der Schlachtruf der Kreuzritter.

Pseudohistorische Wichtigtuerei? Pompöser Kinderkram? Nun ja. Die Bewegung ist jedenfalls, wie Neudorfer „ärgerlich“ einräumt, „nicht ganz erfolglos“: Viele Begriffe aus der rechten Subkultur sind längst in den parteipolitischen Raum eingesickert. Die Vokabel vom „Bevölkerungsaustausch“ hat es in eine Rede des AfD-Co-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen geschafft, das Raunen von der „Invasion“ gehört zum Standardrepertoire des völkischen AfD-Flügels.

Kampf um kulturelle Hegemonie

Zufall ist das kaum. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Petr Bystron etwa hat mal gelobt: Die Identitären seien eine „Vorfeldorganisation der AfD“. Pflichtschuldig mahnte ihn der Parteivorstand ab, offiziell gibt es einen „Unvereinbarkeitsbeschluss“. De facto aber ist der Verleger Götz Kubitschek, 48, der in Deutschland als wichtigster Stratege der neuen Rechten gilt, nicht nur ein Vertrauter von Alexander Gauland und Björn Höcke, sondern veranstaltet auch Schulungen für identitäre Aktivisten.

Er wolle die Identitären nicht überschätzen oder gar „dämonisieren“, sagt Neudorfer – der Verfassungsschutz geht von allenfalls hundert Aktiven in Baden-Württemberg aus. „Wir stehen nicht vor der Machtübernahme des Faschismus, es ist nicht so, als lebten wir im September 1932.“

Wer Programmatik und Strategien der Szene zur Kenntnis nimmt, kann aber manche aktuellen Phänomene klarer einordnen: Die regelmäßigen Versuche der AfD, Grenzen des rhetorisch Akzeptablen nach rechts zu verschieben – Gaulands Verharmlosung der NS-Zeit als „Vogelschiss“, Höckes Forderung einer „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, das rituelle Wettern gegen den „linksgrünversifften Zeitgeist“ – werden dann verstehbar als Nadelstiche im Kampf um kulturelle Hegemonie.


Lektüre-Tipp

Wer sich für Programmatik, Strategien, Vordenker und Ideengeschichte des modernen Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus interessiert, erhält einen guten ersten Überblick im Buch „Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ des Historikers Volker Weiß (Verlag Klett-Cotta, 304 Seiten).