Rems-Murr-Kreis

Wer ist eigentlich die Antifa?

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Diese Fahne fehlt bei so gut wie keiner Demo gegen rechts. © Ramona Adolf

Winnenden. Gegen Rechtsextremismus demonstrieren? Machen wir nicht, wenn die Antifa auch dabei ist, die sind uns zu radikal: Man hört derlei in bürgerlichen Kreisen. Aber wer ist überhaupt die Antifa? Eine Begegnung mit zwei jungen Rems-Murr-Aktivisten.

Was der Unterschied zwischen „radikal“ und „bürgerlich“ ist, lässt sich an einem Beispiel erklären. Viele haben die Bilder aus Chemnitz gesehen: Hitlergrüße, Neonazis, Jagdszenen und vorne weg ein Pegida-Volksverhetzer, der Zuwanderer als „Viehzeug“ bezeichnet hat, im Schulterschluss mit AfD-Promis. Die meisten haben danach den Fernseher ausgeschaltet: Schlimmschlimm, und jetzt ab ins Bett. In Stephans Kopf aber überblendeten sich diese Szenen mit Aufnahmen aus Rostock 1992: Ein rassistischer Mob belagerte tagelang eine Asylunterkunft und bewarf sie mit Molotow-Cocktails, Passanten standen zu Tausenden daneben und applaudierten. „Ich will nicht“, sagt Stephan, „dass so was wieder passiert. Als ich die Bilder aus Chemnitz gesehen habe, war mir klar, da muss ich hin, es ist einfach nötig. Da wurde ein jüdisches Restaurant angegriffen!“ Er fuhr los und reihte sich in die Gegendemo ein.

Stephan und Manuel: Beide sind 22, beide arbeiten in einem „mittelgroßen Industriebetrieb im Rems-Murr-Kreis“. Bitte kein Foto, sagen sie, wir wollen keine zerstochenen Autoreifen oder einen Fuchskadaver am Briefkasten, wie es anderen widerfahren ist hier im Landkreis. Was trinkt ihr, fragt die Wirtin. „Grünen Tee“, sagt Stephan. Manuel nimmt Pfefferminz. Das also sind zwei von der Antifa.

„Alerta, alerta, antifascista!“

Aber, Moment, gibt es überhaupt die eine Antifa? „Definitiv nein“, sagt Stephan. Es gibt viele eher lose organisierte und vernetzte Gruppen – und jede Menge „interne Diskussionen“ über Schwerpunkte, Strategien, Aktionsformen. Gemeinsamer Nenner: Die Antifa ist gegen Faschismus – Neonazismus, Rassismus, völkischen Nationalismus. Und, auch klar: Die Antifa ist links.

„Linksradikal“, sagen viele: Die wollen den Kapitalismus abschaffen, ziehen „Alerta, alerta, antifascista!“ (aufgepasst, die Antifaschisten kommen!) skandierend durch unsere schönen Straßen, als lebten wie im Italien Mussolinis; und die Randale beim G-20-Gipfel in Hamburg – das waren auch die! Manche Rems-Murr-Politiker hängen wie einst der alte Cato, der unbedingt Karthago zerstört sehen wollte, an jede routinierte Warnung vor dem Rechtsextremismus ein leidenschaftliches „Ceterum censeo“: Im Übrigen bin ich der Meinung, die Linken sind auch schlimm.

"Schutz von Minderheiten"

Rechte und Linke freuen sich womöglich aneinander, weil sie sich bei Demos so schön „einvernehmlich die Köpfe einschlagen“ und gemeinsam die Polizei in den Wochenend-Überstunden-Wahnsinn treiben können? Stephan und Manuel kennen den Verdacht. Sie antworten: „Es ist halt nicht so.“ Antifa „ist eine Abwehrreaktion, die dem Schutz von Minderheiten dient“.

Eins lässt sich schlechterdings nicht vernünftig bestreiten: Die Antifa leistet Aufklärung über rechte Umtriebe – die im Internet dokumentierten Erkenntnisse zu Neonazi-Netzwerken sind fulminant, Staatsschützer profitieren davon, auch wenn sie es eher nicht laut sagen, ebenso wie – geben wir’s zu – bürgerliche Journalisten. Manuel nickt. „Wichtiger Teilbereich von Antifa-Politik: Recherche.“

Wie halten sie es mit der Gewalt?

Über die „Identitäre Bewegung“, die hinter der Facebook-Gruppe „Rems-Murr wehrt sich“ steht, können Manuel und Stephan aus dem Stand ein Referat halten: Die Identitären sind nach außen hin „anschlussfähiger“ als der martialische „Glatze-Stiefel-Bomberjacken-Faschismus“ mit seinem „Ausländer raus!“-Gebrüll, pflegen lieber das lateinisch bildungsschwangere Motto „pugna pro patria“, kämpfe fürs Vaterland, und berufen sich statt auf Hitler auf dessen „ideologische Vordenker“. Kurz: „Neue Maske, alter Dreck.“

Die Gretchenfrage allerdings dürfen wir den beiden auffallend höflichen Teetrinkern nicht ersparen: Wie hältst du’s mit der Gewalt? Schließlich haben neulich am Rande der Winnender Demo gegen Rassismus fünf Vermummte einen selbst ernannten „Patrioten“ offenbar tätlich attackiert.

„Wir haben davon aus der Zeitung erfahren“, antwortet Stephan. Mit Pfefferspray gegen Rechte? „Finde ich falsch.“ Wir denken uns den unausgesprochenen Nachsatz hinzu: Kann aber sein, dass es darüber „interne Diskussionen“ gibt.

Emutigende Tage wie in Winnenden

Was passiert in diesem Land? Würden sie nur Facebook-Kommentare lesen, wären sie womöglich längst „demotiviert“: Hetzer „schaffen es, das gesellschaftliche Meinungsbild zu verzerren“; eine „Trollfabrik, die überall im Internet Posts absetzt“, bis man das Gefühl hat, es gebe niemanden außer ihnen. Und dass die AfD Gestalten mit belegbar rechtsextremer Vergangenheit, die bei öffentlichen Wahlen nicht vermittelbar wären, hinter den Kulissen in ihre Mitarbeiterstäbe integriert, scheint kaum jemanden zu kratzen.

Aber es gibt auch ermutigende Tage. Neulich in Winnenden: 400 Leute, die Antifa endlich mal nicht unter sich, eindeutig nicht nur „dezidiert Linke“. Sondern auch: „Familien mit Kinderwagen“. Und: Migranten; „einfach supertoll“, wenn die Leute, „für die man das macht“, sich einreihen. Stephan und Manuel verteilten Flyer, Passanten sagten: Gut, dass was geschieht, „ich habe schon drauf gewartet“. So langsam dämmere womöglich doch vielen, „dass es wirklich um was geht“.


Begriffsklärung

Antifa steht für „Antifaschistische Aktion“. Der Begriff etablierte sich um 1980 und knüpft an eine gleichnamige sozialistische und kommunistische Widerstandsbewegung von 1932 gegen das sich formierende NS-Regime an.

Die Antifa heute ist uneinheitlich. Manche Gruppen hängen der Theorie an, dass die Ursachen des Faschismus im kapitalistischen System liegen, grenzen sich deshalb betont vom „bürgerlichen“ Antifaschismus ab und bezeichnen sich als „autonom“. Der Verfassungsschutz ordnet diese autonomen Antifa-Gruppen dem „Linksextremismus“ zu und beobachtet einige davon. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 100 lokale und regionale Antifa-Gruppen. Eine Dachorganisation existiert nicht.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es momentan keine eigene Antifa-Gruppe, lediglich in Stuttgart. Manuel und Stephan wollen aber etwas aufbauen: Sie laden ein zum „Offenen antifaschistischen Treffen Rems-Murr“; jeden zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Waiblinger Haus der IG Metall, Fronackerstraße 60. Das Format richtet sich explizit nicht nur an betont Linke: „Wir möchten eine Anlaufstelle für alle aus dem Rems-Murr-Kreis sein, die sich gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck engagieren wollen.“