Rems-Murr-Kreis

Wie die Abfallwirtschaft Rems-Murr den Müll bekämpft

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Eine Gefahr? Plastik im Biokompost_0
Ein Blick auf den Inhalt mehrerer Biotonnen: Lutz Bühle (vorne), Abteilungsleiter bei der Abfallwirtschaft, und Albrecht Schick, Betriebsleiter der Vergärungsanlage in Backnang, sehen sehr viele Plastiktüten, Plastikbecher, Metallteile, Dosen. Das muss alles aussortiert werden. © Ralph Steinemann Pressefoto
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So sieht ein vergammeltes Kaffeepad aus. Die Kunststoffkammern verrotten nicht. Also ab in die Restmülltonne. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen/Backnang. Plastik, das Verhängnis der Meere, ist längst auch auf den Äckern angelangt. Die Abfallwirtschaft tut zwar alles dafür, dass der Biokompost aus der Backnanger Vergärungsanlage plastikfrei ist, doch kleinste Partikel kann auch sie nicht rausfischen. Um wirklich zu wissen, wie es im Biokompost aussieht und was für Folgen drohen, ist die AWRM jetzt bei einem Forschungsprojekt der Uni Bayreuth mit dabei.

Es fängt in der Biotonne an. Wenn die Biomüllabfuhr ihre Fracht in der Vergärungsanlage in Backnang-Neuschöntal ausschüttet, finden sich darin zum Beispiel: Plastiktüten vom Müllermarkt oder von Deichmann, ein Spülschwamm in einer kleinen Plastiktüte, ein Schmusehund, eine Kaugummitüte, Tetrapacks, ein Tischtennisball, ein Tennisball, Badelatschen, ein Puppenwagen, ungezählte Kaffeepads. Kaffeepads, sagt Gerald Balthasar, seien die Pest. Denn es sind eben nicht alle kompostierbar. Viele Produkte haben Plastikkammern.

Die meisten Bürger „sortieren gut“, doch es gibt schwarze Schafe

Rund 34 000 Tonnen Biomüll landen pro Jahr in der Vergärungsanlage. Es sind ausschließlich Küchenabfälle und Gartenabfälle aus Privathaushalten. Biomüll etwa aus Supermärkten - vergammelte oder abgelaufene Gurken, Tomaten, Paprika und so weiter, oft noch eingeschweißt – wird anders entsorgt. „Die meisten Bürger“, sind sich die Verantwortlichen einig, „sortieren gut.“ Doch es gibt schwarze Schafe.

Das, was die Biomüllabfuhr nach Backnang-Neuschöntal in die Vergärung fährt, soll nach dem vier Wochen währenden Bearbeitungs- und Vergärungsprozess zu hochwertigem Kompost und Flüssigdünger geworden sein. Beides kommt in die Gärten, auf die Felder.

Forscher haben in menschlichen Stuhlproben Mikroplastik nachgewiesen, schrieb Spiegel Online im Herbst des vergangenen Jahres. Forscher der Uni Bayreuth veröffentlichten ihre erste Studie zur Verschmutzung des Ackerlands durch Plastik. Sie untersuchten konventionell bewirtschaftetes Ackerland. Hochgerechnet fanden sie 206 Makroplastik-Teile auf einem Hektar, also auf 10 000 Quadratmetern. Als Makroplastik gilt ein Kunststoffteilchen, das größer als fünf Millimeter ist.

Als Mikroplastik bezeichnen die Forscher Plastikpartikel, die einen bis fünf Millimeter groß sind. Gefunden wurden hochgerechnet 150 000 Mikroplastikteilchen auf einem Hektar Ackerboden.

Höchstens 15 Quadratzentimeter Kunststoff pro Liter Komposterde

Zum 1. Januar 2019 hat die Uni Bayreuth einen durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit zehn Millionen Euro geförderten Sonderforschungsbereich zum Thema Mikroplastik eingerichtet. Die Abfallwirtschaft Rems-Murr ist mit ihrer Biovergärungsanlage in Backnang-Neuschöntal ebenfalls bei Forschungen mit dabei: Der Forschungsauftrag, mit rund einer Million Euro gefördert vom Umweltministerium, lautet „Bestimmung, Quantifizierung und Bewertung von Mikrokunststoffen in Komposten, Gärresten und Böden“. Durchgeführt werden die Untersuchungen vom Lehrstuhl für Bioprozesstechnik der Uni Bayreuth. Auch die Uni Hohenheim ist mit im Boot.

Der Biokompost der Abfallwirtschaft Rems-Murr ist schon zertifiziert gut. Er ist mit dem RAL-Gütezeichen Kompost des Güteausschusses der Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) ausgezeichnet. Das heißt: Regelmäßig untersucht ein Gutachter Kompostproben. Er breitet eine bestimmte Menge aus und fängt an zu sortieren. Alles, was Kunststoff ist, wird herausgesammelt, auseinandergezupft, nebeneinandergelegt. Gezählt werden Stücke bis höchstens zwei Millimeter Größe. Damit der Kompost das Gütezeichen bekommt, dürfen höchstens 15 Quadratzentimeter Kunststoff pro Liter Komposterde zusammenkommen. Der Rems-Murr-Kompost lag zuletzt bei zwei Quadratzentimetern pro Liter. Das allerdings, sagt Gerald Balthasar, sei schwankend. Der Kompost könne eben nur so gut sein, wie es der angelieferte Müll hergibt.

Damit diese Güte erreicht wird, durchläuft der Inhalt der Biotonnen diverse Sortierungen. Es kommen mehrere verschiedene Siebe zum Einsatz, die immer feiner werden. Sie können bei der Maschenweite auch nachjustiert werden, etwa wenn zu viele Fremdstoffe im Biomüll sind oder wenn, wie jüngst, die Grenzwerte hochgesetzt werden.

Alle Störstoffe gehen in die Müllverbrennung

Alles, was die Siebe separieren, Plastik in weicher, harter oder sonstiger Ausführung, Metallteile, Knochen, Steine, aber auch – je nachdem, wie engmaschig das Sieb eingestellt werden muss, größere und kleinere Äste oder Blätter, geht in die Müllverbrennung. Je mehr verbrannt werden muss, desto teurer. Am Ende zahlt der Bürger über die Müllgebühren.

Doch manche Plastikteilchen sind einfach zu klein für die Siebe. Und auch der Gutachter fürs RAL-Gütezeichen nimmt die Anzahl der winzigen Teilchen nicht mit auf. Inwieweit der Mensch mit seiner Gesundheit zahlt, wenn er Plastik über die Nahrung mit aufnimmt, ist wissenschaftlich noch unzureichend erforscht. Die österreichischen Forscher, die die Stuhlproben untersuchten, fanden „neun verschiedene Kunststoffarten“, deren Partikel eine Größe von 0,05 bis 0,5 Millimetern hatten.

Es ist auch noch nicht ausreichend erforscht, inwieweit kleinste Plastikteilchen im Ackerboden irgendwann im Menschen landen. Wenn die Mikroteilchen sich immer weiter fragmentieren und zu Nanoteilchen werden, können Pflanzen dieses Plastik über die Wurzeln aufnehmen. Dann kommt zusammen mit dem Salat oder der Rübe auch noch eine Portion Plastik mit auf den Teller.


Keine Bio-Müll Plastiktüten nehmen

Vom ökologischen Standpunkt aus gesehen ist die meist grüne Biomüll-Plastiktüte kein Vergehen. Sie besteht aus Maisstärke und ist damit kompostierbar. Eigentlich!

Denn die kompostierbaren Plastiktüten haben einen großen Nachteil: Sie brauchen sehr lang, bis sie wieder zerfallen. Die vier Wochen, die der Biomüll in der Kompostierungsanlage Zeit hat, zu Kompost zu werden, reichen für diese Maisstärke-Plastiktüten nicht aus.

Das heißt: Die Biomüll-Plastiktüten müssen in der Vergärungsanlage rausgesammelt werden. Sie gehören zu den Störstoffen, wie die normale Plastiktüte auch.

Alle diese Störstoffe müssen anderweitig entsorgt werden, kommen meist in die Verbrennung. Diese Entsorgung kostet Geld.

Das heißt: Wer auf die Maisstärke-Tüten verzichtet und stattdessen Papiertüten oder einfach alte Zeitungen nimmt, um den Biomüll zu verpacken, tut seinem und dem Geldbeutel aller einen großen Gefallen.