Rems-Murr-Kreis

Wie die Verpackungsindustrie im Rems-Murr-Kreis den Kampf gegen Corona aufnimmt

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Diese Fläschchen müssen mit Impfstoff befüllt, verschlossen, etikettiert und verpackt werden. Die Verpackungstechnik stammt von Unternehmen aus dem „Packaging Valley“ © Packaging Valley

Die Waiblinger Firma Syntegon (ehemals Bosch Verpackungstechnik) entwickelte Coronatests und liefert Anlagen zur Herstellung von Impfstoffen; die Anlagen von Harro Höfliger aus Allmersbach im Tal übernehmen die Verpackung der kleinen Fläschchen in Kartons: Zuführen, Befüllen, Verschließen, Etikettieren, Qualitätskontrolle - alles automatisch. Das sind nur zwei von einer ganzen Reihe von Beispielen, wie Unternehmen aus dem „Packaging Valley“ den Kampf gegen Covid-19 unterstützen.

„Packaging Valley“? Das ist das Silicon Valley der Automatisierungs- und Verpackungstechnik. Nirgends sonst auf der Welt finden sich so viele Firmen aus dieser Branche wie in der Region Stuttgart, dem Rems-Murr-Kreis und Hohenlohe. Die Herausforderungen sind enorm, heißt es in einer Pressemitteilung des Packaging Valley Germany, des Zusammenschlusses von rund 80 Unternehmen der Verpackungstechnik. Es sei ein Wettlauf gegen die Zeit. Nach dem Motto „Gemeinsam mehr erreichen“ werden in Rekordzeit neue Maschinen entwickelt, bestehende Anlagen an die neuen Anforderungen angepasst, geliefert und mit allen Qualitätsmerkmalen in Betrieb genommen. Lieferanten, Dienstleister und Verpackungsmaschinenhersteller zögen an einem Strang. „Sie entwickeln und produzieren verlässliche und leistungsstarke Komponenten und Anlagen für Hilfsprodukte, Diagnostik-Testkits und Impfstoffe“, schreibt das Packaging Valley weiter.

Produktion läuft auf Hochtouren, Extraschichten werden gefahren

Und das innerhalb kürzester Zeit. Braucht man für ein Projekt mehrere Monate, werden jetzt wenige Wochen als Ziel gesetzt. Die Produktion läuft auf Hochtouren. Extraschichten werden gefahren. Bestehende Projekte werden in Absprache mit dem Kunden neu terminiert, um Kapazitäten zu verlagern. Neue Arbeitswege seien gefunden, um Produktion und Lieferketten aufrechtzuhalten und trotzdem der Belegschaft maximalen Schutz zu garantieren.

Reisebeschränkungen und Quarantäne-Regelungen machen das „Vor-Ort-Sein“ zu einem Problem. Vieles läuft zwar digital ab, so zum Beispiel die Inbetriebnahme oder die Wartung der Anlage beim Kunden vor Ort. Anderes wiederum lasse sich über ein weltweites Netzwerk abdecken. Montage- und Servicereisen könnten zwar reduziert werden, nicht immer sind sie aber komplett ersetzbar. Schließlich geht es darum, wichtige Anlagen zur Ausweitung der Kapazitäten von Impfstoffherstellern schnellstmöglich aufzustellen und in Betrieb zu nehmen.

Syntegon baut Maschinen zur Impfstoff-Produktion

Technologien von Syntegon Technology kommen bei der Produktion von Impfstoffen zum Einsatz. Dazu zählen Anlagen zur Herstellung von Impfstoffsubstanzen und zum Abfüllen in Injektionsfläschchen sowie Inspektionsmaschinen zur Qualitätskontrolle. Aufgrund der Erfahrungen der ehemaligen Bosch-Verpackungssparte mit biotechnologischen Medikamenten sind die Technologien auch für die neuen und hochsensiblen "mRNA"-Impfstoffe geeignet. Zudem hat das Unternehmen die Serviceleistungen im Pharmabereich gleich zu Beginn der Pandemie hochgefahren, um den immensen Bedarf an schneller Wartung und Maschinenumbauten aufzufangen.

Ein schnelles und sicheres Abfüllen der sensiblen Stoffe garantiert die "coolBFS"-Technologie von Rommelag, die von Waiblingen aus ihre Anlagen und Maschinen vertreibt. Der Blow-Fill-Seal-Prozess gilt unter Experten als eine der sichersten aseptischen Abfüllmethoden überhaupt. Als einziges Unternehmen weltweit besitzt Rommelag in seinem Schweizer Lohnabfüll-Werk unweit von Luzern eine BFS-Pharmaproduktion, die nach den Anforderungen von Biosafety Level 2 (BSL-2) zertifiziert ist.

Anlagen von Harro Höfliger verpacken die Impfdöschen

Die Verpackung der kleinen Fläschchen in Kartons übernehmen die Anlagen von Harro Höfliger mit Sitz in Allmersbach im Tal. Zuführen, Befüllen, Verschließen, Etikettieren, Qualitätskontrolle - alles automatisch. Auch hier werden im Mehrschichtbetrieb innerhalb kürzester Zeit vollautomatische Verpackungslinien für den belgischen Produktionsstandort von Pfizer bereitgestellt. Markus Höfliger, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands, betont die Wichtigkeit eines Netzwerks: „Ohne Partnerfirmen und eine funktionierende Lieferkette ist eine solche Mammutaufgabe in einem so kleinen Zeitfenster nicht zu lösen.“ Darüber hinaus komme Prozesstechnologie des Unternehmens in der Herstellung von Tests zum Nachweis des Coronavirus zum Einsatz. Unterstützung bei der Automatisierung erhält Harro Höfliger auch von Heitec.

Eine der Partnerfirmen ist die Firma H.P. Kasser aus Leutenbach-Nellmersbach. Der Blechbearbeitungsspezialist stellte die maßgeschneiderten Metallgestelle her, die als Tragkonstruktionen für die Maschinen dienen. Bei H.P. Kaysser wurde dem Projekt höchste Priorität zugemessen, um Harro Höfliger sehr kurzfristig beliefern zu können. „Das gesamte Team hat hoch motiviert mitgezogen, um das Gestell in weniger als der Hälfte der normalerweise veranschlagten Zeit in bester Qualität abzuliefern“, so Geschäftsführer Thomas Kaysser.

Giesser liefert Messer für die Spritzenhersteller

Dass Firmen auch anders einen Beitrag leisten können, zeigt die Alfred-Giesser-Messerfabrik GmbH aus Winnenden. Kurzerhand stellt der Messerfabrikant dem örtlichen Impfzentrum seinen Ultra-Tiefkühlschrank bereit. Zudem liefert das Unternehmen Messer für Spritzenhersteller. Das macht momentan fast 50 Prozent mehr Umsatz aus. Das heißt aber auch: 50 Prozent mehr Leistung.

Der 2007 in Schwäbisch Hall gegründete Verein Packaging Valley Germany ist eigenen Angaben zufolge „weltweit das innovativste Cluster der Verpackungsindustrie“. Es ist aus einer Verschmelzung der Cluster Packaging Valley Germany und Packaging Excellence Region Stuttgart hervorgegangen. Es vernetzt rund 80 Unternehmen mit über 20 000 Mitarbeitern. Dazu zählen Hersteller von Verpackungsanlagen und Verpackungsmaschinen, Anbieter von Software und Automatisierungslösungen, Hersteller von Komponenten, Anbieter von Dienstleistungen rund um die Verpackungsindustrie sowie öffentliche Institutionen. Mit einem Exportanteil von über 80 Prozent ist die Technologievielfalt aus dem Packaging Valley auf der ganzen Welt vertreten. Internationale Marktführer aus den Bereichen Food, Getränke, Süßwaren, Pharma und Kosmetik zählen zu den Kunden. Der Sitz von Packaging Valley Germany ist in Waiblingen, mit einer weiteren Geschäftsstelle in Schwäbisch Hall. Ein Großteil der Mitglieder ist im Südwesten mit Schwerpunkt in den Regionen Stuttgart und Hohenlohe beheimatet.