Rems-Murr-Kreis

Wie die Witwen-Rente gekürzt wird

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„Unsere Männer haben jahrzehntelang gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt, auch damit es uns und den Kindern gutgeht“ – Birgit Ceko aus den Berglen und Michaela Saravanja aus Weinstadt. Abzüge bei der Witwenrente, wenn sie selbst zum Schaffen gehen, finden die beiden deshalb unfair. © Palmizi/ZVW

Berglen/Weinstadt. Birgit Ceko aus den Berglen und Michaela Saravanja aus Weinstadt sind Witwen. Für sie und ihre Kinder sei das Leben nach dem Tod des Ehemanns schon schwierig genug. Umso weniger verstehen sie, dass Witwen und Witwer durch ungerechte Steuerklassen-Einstufungen und viel zu geringe Freibeträge finanziell vom Staat eingeengt würden. Sie suchen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, um Politik und Gesetzgeber zum Umdenken zu bewegen.

„Es kann jede oder jeden treffen. Mein Mann war gesund, gerade einmal 45 Jahre alt. Es ging ganz plötzlich. Eines Morgens ist er einfach nicht mehr aufgewacht. Eine Lungenembolie“, sagt Michaela Saravanja. Das war im Februar 2017. Sie blieb geschockt und in überwältigender Trauer und mit zwei Kindern (18 und 21) zurück.

„Da konzentrierst du dich erst mal darauf, am nächsten Morgen selbst noch aufzuwachen, zu atmen und für die Kinder da zu sein. Da kannst du dich erst mal nicht kümmern, um irgendwelche komplizierten amtlichen Berechnungen. Erst wenn du später auf die Zettel draufschaust, was dir alles abgezogen wird, wird dir bewusst, wie ungerecht die Regelungen zur Hinterbliebenen-Rente sind.“

Kleine Witwenrente, Große Witwenrente - wo ist der Unterschied?

Michaela Saravanjas Witwenrenten-Anspruch war bis August 2018 mit zwei waisenrentenberechtigten Kindern gerade einmal 25 Prozent („Kleine Witwenrente) eines Berechnungsbetrages zwischen 37 und 174 Euro. Das kam auf ihre Arbeitszeit an. „Wir waren 23 Jahre verheiratet gewesen beim Tod meines Mannes und er hatte da 30 Jahre lang gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt.“

Seit 1. September 2018 hat sie zwar Anspruch auf die „Große Witwenrente“ von 55 Prozent, weil sie das Alter von 45 Jahren und sechs Monaten erreicht hat. Davon bleiben ihr jedoch trotzdem nur 433 Euro bei nur noch einem waisenrentenberechtigten Kind (unter 21). Und je mehr sie selbst arbeitet, desto mehr werden ihr gekürzt.

"Die Berechnung ist nach wie vor sehr unfair"

„Die Berechnung ist nach wie vor sehr unfair“, findet sie, zumal sie die eigene Arbeitszeit ab Januar 2019 weiter aufstocken möchte, was sich jedoch aufgrund der Abzüge eigentlich nicht lohne. Genau deshalb sitzt sie an diesem Nachmittag bei Birgit Ceko in den Berglen am Kaffeetisch. Denn Birgit Ceko (52) ergeht es ähnlich. Ihr Mann ist im Mai 2015 verstorben.


Wer Interesse hat, sich mit zu engagieren für eine gerechtere Berechnung der Hinterbliebenenrente, kann sich wenden an: witwen-witwer-renten@gmx.de. Die Mailbox haben Birgit Ceko und Michaela Saravanja eingerichtet. Die beiden überlegen, eine Petition anzustrengen, und brauchen dabei Unterstützung.


„Wir haben einen Freibetrag beim Arbeitslohn von gerade einmal 845,59 Euro plus 179 Euro beim waisenrentenberechtigten Kind. Alles, was darüber ist, wird auf die Witwenrente angerechnet beziehungsweise prozentual abgezogen“, sagt Birgit Ceko. Als Floristin werde ihr so viel vom Staat weggenommen, wenn sie 40 Stunden pro Woche arbeitet, „dass ich von meiner Arbeit nichts mehr habe. Wir wollen ja schaffen gehen. Aber es lohnt sich nicht.“ Rechnet man die Abzüge bei der Witwenrente dagegen sinke sie unter Mindestlohn-Standards. Zurzeit beziehe sie eine monatliche Witwenrente von 851 Euro.

Als Witwe hat man schließlich auch laufende Kosten

Anders gesagt: Als Hinterbliebene bekommen die beiden einen gewissen Prozentsatz des zum Todeszeitpunkt eingefrorenen Rentenanspruchs ihrer verstorbenen Ehemänner. Davon wird jedoch jeder Arbeitslohn, den eine Witwe über den Freibetrag von 845,59 Euro hinaus erwirtschaftet, angerechnet, also nach einem gewissen prozentualen Schlüssel abgezogen. „Das finde ich absolut ungerecht. Mein Mann hat 38 Jahre lang gearbeitet – auch für uns, und er hat in die Rentenkasse eingezahlt. Und wir waren 25 Jahre lang verheiratet“, sagt Birgit Ceko. Als Hinterbliebene mindere man aber diesen Anspruch sehr schnell, wenn man selbst arbeite.


"Absolut leistungsfeindlich"

Birgit Ceko und Michaela Saravanja haben sich bereits mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Joachim Pfeiffer getroffen. Der findet die Abzüge bei der Hinterbliebenen-Rente „absolut leistungsfeindlich“. – „Wir sollten Witwen ja nicht in die Schwarzarbeit treiben“, sagte er dieser Zeitung.

Joachim Pfeiffer hat den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU, Peter Weiß, darauf angesprochen. Der verwies auf die Historie: Aufgrund eines BVG-Urteils von 1975 wurde die Hinterbliebenenversorgung 1986 gesetzlich neu geregelt und an die Unterhaltsregelungen angepasst. Der Freibetrag für Witwer und Witwen sei mit Bezug zur „Düsseldorfer Tabelle“, in der mittlerweile ein Selbstbehalt von monatlich 880 Euro bei nicht erwerbstätigen Unterhaltspflichtigen festgeschrieben ist, auf heute 845,59 Euro angepasst worden. Peter Weiß habe aber versprochen, in der Rentenkommission noch einmal darüber zu diskutieren.


„Wollen Staat oder Politik nicht, dass Witwen und Witwer arbeiten, oder wollen die etwa, dass wir in Hartz IV abrutschen!? Das wollen wir nicht, und auch nicht, dass man uns in die Schwarzarbeit drängt. Nach dem Tod des Hauptverdieners sollte man doch den Lebensstandard zumindest in etwa halten können dürfen, oder!?“, fragt Birgit Ceko.

Nicht einmal der 450-Euro-Minjob steht ihnen offen

Als Witwe habe man schließlich dieselben laufenden Kosten. Der Kredit für die Wohnung ist abzuzahlen oder eben die monatliche Miete. Das Auto geht hin und wieder kaputt, die Heizkosten steigen, und, und, und. Da komme man heutzutage mit 1400 Euro netto kaum mehr durch, ohne an Lebensstandard zu verlieren. „Das Abi meiner Tochter konnte ich nur finanzieren, weil ich noch Erspartes hatte“, sagt Ceko.

Hinzu komme noch, dass Hinterbliebene in Lohnsteuerklassen eingestuft würden wie Singles, so Saravanja: „Da mein Sohn noch in meinem Haushalt lebt und Vollverdiener ist, bekomme ich die Steuerklasse eins. Erst wenn er auszieht, bekomme ich Steuerklasse zwei als Alleinerziehende.“ Und freilich müsse auch die Hinterbliebenenrente versteuert werden. „Ist das alles gerecht!?“, fragt Birgit Ceko.

„Wir dürfen ja noch nicht einmal mit einem steuerfreien 450-Euro-Minijob etwas dazuverdienen“, so Michaela Saravanja. „Wenn das mein verstorbener Mann sehen könnte, er wäre sicher traurig und wütend.“


Lösungsvorschläge

Michaela Saravanja und Birgit Ceko haben sich bereits mit anderen Hinterbliebenen-Initiativen vernetzt, zum Beispiel mit Witwen aus Sulz am Neckar, hoffen jedoch auf viele weitere Mitstreiter und Mitstreiterinnen aus dem Rems-Murr-Kreis.

Sie haben Lösungsvorschläge erarbeitet, die sie konzertiert der Politik präsentieren möchten, schließlich heiße es doch landauf landab: „Leistung muss sich wieder lohnen“:
 

  1. Erhöhung der Freibeträge, damit Hinterbliebene normal arbeiten können, ohne dass ihnen zuviel von der Hinterbliebenenrente abgezogen wird, für die ja schließlich der Partner/die Partnerin Ansprüche erworben hatte.
  2. Witwen und Witwer sollten nicht in Steuerklassen wie Singles eingestuft werden.
  3. Witwer und Witwen sollten wie alle anderen auch 450 Euro steuerfrei „dazuverdienen“ können.