Rems-Murr-Kreis

Wie es nach den Schulschließungen weitergeht

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Leere Mensa im Schulzentrum Rudersberg. © ZVW/Danny Galm

Rems-Murr-Kreis.
Neu-Infektionen, Schul-Schließungen, Veranstaltungsabsagen - Antworten auf Fragen zu den aktuellen Entwicklungen ...

Wie ist die Lage im Landkreis?

„Dynamisch“, wie es derzeit überall heißt. Am 3. März gab es die erste Infektion im Rems-Murr-Kreis. In den nächsten sieben Tagen kamen insgesamt sieben weitere hinzu. Allein am 11. März waren es fünf neue, am 12. März neun. Freitag, 13. März, Stand 19 Uhr: sechs Personen neu infiziert – eine in Oppenweiler, eine in Weinstadt, zwei in Fellbach; und bei zweien konnte das Landratsamt den Ort noch nicht nennen. Acht Infektionen in acht Tagen vom 3. bis zum 10. März, 20 Infektionen in drei Tagen vom 11. bis zum 13. März: Die Kurve strebt steil nach oben – so stellte sich der Verlauf auch in anderen Ländern dar, die früher als Deutschland mit Corona kämpften. Einen Überblick über die aktuellen Fallzahlen finden Sie hier.

Sind Schulschließungen und Veranstaltungsabsagen sinnvoll?

Eindeutig ja. Der Berliner Virologe Christian Drosten bezeichnet „kombinierte Maßnahmen“, also „Veranstaltungsstopps und Schulschließungen“, als „extrem effizient“ zur Verlangsamung der Corona-Ausbreitung – „vor allem dann, wenn man das mehr als vier Wochen durchhält“. Das belegt eindrücklich eine Studie zur Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919.

Wie ordnet das Schulamt die aktuelle Lage ein?

Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Staatlichen Schulamts in Backnang, ist erleichtert, dass es jetzt mit den Schulschließungen ab Dienstag eine einheitliche landesweite Regel gibt. Es sei aufreibend gewesen, in den vergangenen Tagen all die Einzelfälle abzuarbeiten. Es habe sich abgezeichnet: „So können wir es nicht lange durchhalten.“ Nun weiß jeder, worauf er sich einzustellen hat. Hagenmüller-Gehring ist auch „froh“, dass die Regel erst ab Dienstag greift – „eine kluge Entscheidung“. So können die Schulen alle Eltern erreichen und informieren. Angesichts der Lage hat die Stadt Schorndorf allerdings am Wochenende eine sofortige Schulschließung verfügt, so dass dort bereits am Montag die Schulen gar nicht mehr öffnen. 

„Die Schulen sind ganz gut vorbereitet“: Vielerorts wurden bereits E-Mail-Adressen und Aufgaben gesammelt, um mit den Schülern jetzt in Kontakt bleiben und Home-Office-Unterricht organisieren zu können. Am Rudersberger Schulzentrum, das im Kreis als erstes betroffen war, habe man damit „gar nicht so schlechte Erfahrungen gemacht“.

Sowohl Lehrer als auch Eltern hätten in den vergangenen Tagen „besonnen reagiert“, es habe „keine Ärgernisse“ gegeben. „Es weiß jetzt einfach jeder: Es hat ja seinen Grund, warum man es so macht, das muss jetzt sein. Deshalb kriegen wir es auch hin.“

Natürlich ploppen viele Fragen auf, und nicht alle lassen sich sofort beantworten. „Wir wissen momentan noch nicht, wie viele Eltern zu dem Kreis gehören“, der in Schlüsselberufen wie Krankenpflege arbeitet und deshalb für seine Kinder Betreuungsangebote unterbreitet bekommen soll – aber Hagenmüller-Gehring glaubt, dass viele Lehrer bereit sein werden, in solchen Betreuungsgruppen mitzuhelfen; und auch die Kommunen arbeiten mit Hochdruck an Lösungen. „Jeder sieht gerade, dass man da zusammenhalten muss.“

Und Prüfungen? Details „weiß man noch gar nicht. Prüfungen in kleineren Gruppen schreiben?“ Verschieben? „Was ist zu verantworten? Wir gehen sukzessive in Klärung. Ich bin zuversichtlich.“ Dieses Wochenende wird zwar „anders als sonst“, es gibt viel zu tun – aber, sie lacht, „das war letztes Wochenende auch schon so.“

Wie ordnen Elternvertreter die aktuelle Lage ein?

„Viele Eltern sind besorgt und verunsichert. Ich hatte viele Anrufe und E-Mails die vergangenen Tage, sogar in der Nacht auf Freitag. Die Frage nach der Kinderbetreuung steht an oberster Stelle, wenn die Schulen ab Dienstag geschlossen bleiben“, sagt Simona Lindacher, stellvertretende Gesamt-Elternbeiratsvorsitzende der Schulen in Schorndorf. Und: „Die Großeltern sollten eben nicht einspringen und auf die Kinder aufpassen, Senioren gehören doch zur Risikogruppe.“ Hinzu kommt: Nicht alle Eltern können Heimarbeit beantragen, weil entweder die Unternehmen nicht mitspielen oder die Leute in einer Branche tätig sind, in der die Arbeit am Ort vollbracht werden muss - das gibt Yvonne Bayer, Gesamt-Elternbeiratsvorsitzende der Kitas in Waiblingen, zu bedenken. „Jene Eltern, die finanziell gut dastehen, können jetzt vielleicht eine Privatbetreuung für die Kinder engagieren. Aber die meisten können sich das nicht leisten.“ Lindacher und Bayer hoffen deshalb, dass Land, Kreis und Kommunen Notbetreuungen für Kinder anbieten, deren Eltern beide berufstätig sind, insbesondere in Schlüsselberufen des Gesundheitssystems, der öffentlichen Verwaltung oder der Polizei.

Andreas Reichenauer, Gesamt-Elternbeiratvorsitzender der Schulen in Waiblingen, ergänzt: „Zudem sollten die nächsten Wochen keine lernfreie Zeit für die Schülerinnen und Schüler sein.“ Am Salierschulzentrum könnten die Lehrer über eine Internetplattform namens Moodle Unterrichtmaterialien mit den Schülern teilen und Hausaufgaben aufgeben. „Das wird sicher auch an anderen Schulen ähnlich ablaufen.“

Die Entscheidung der Landesregierung zur generellen Schul- und Kitaschließung sei richtig – da sind sich Reichenauer, Lindacher und Bayer einig. „Wir alle müssen jetzt Einschränkungen hinnehmen und können nicht Schlupflöcher suchen, doch wieder gedankenlos unserem gewohnten Alltag nachzugehen“, sagt Reichenauer.

Manche Eltern hätten jetzt gefragt, ob man die fünf Wochen einfach in den Urlaub fahren könnte, sagt Simona Lindacher. „Ich glaube, manche haben nicht verstanden, worum es hier geht. Nämlich darum: Sozialkontakte einschränken und lieber mal zu Hause bleiben“, so Simona Lindacher.

Können Eltern zu Hause bleiben, um ihre Kinder zu betreuen?

Das ist nach Paragraf 6161 des Bürgerlichen Gesetzbuches („Vorübergehende Verhinderung“) prinzipiell möglich, tendenziell wohl auch mit Lohnfortzahlung – aber nur für kurze Zeit und wenn es keine andere Betreuungsmöglichkeit für die Kinder gibt. Auf längere Sicht können zunächst bezahlter und dann unbezahlter Urlaub Optionen sein und natürlich Home-Office. Das Kind mit zur Arbeit zu nehmen, ist dagegen eher keine gute Idee, da es ja darum geht, Sozialkontakte zu reduzieren und nicht den Durchgangsverkehr in Betrieben und Behörden zu erhöhen. Faustregel: Nicht alles wird sich gesetzlich regeln lassen. Eltern wie Arbeitgeber werden bei der Suche nach für beide Seiten akzeptablen Lösungen findig und kooperativ sein müssen.

Was machen die Rems-Murr-Kliniken?

Nachdem sie in den vergangenen Tagen die Besuchszeiten bereits eingeschränkt haben, gilt ab Montag: keine Besuche mehr erlaubt; Ausnahmegenehmigungen im Einzelfall.

Wie geht es mit Veranstaltungen weiter?

Kommunen und Landkreis haben sich auf ein einheitliches Vorgehen verständigt – bis auf weiteres gelten folgende Ansagen:

Ab sofort und zunächst bis zum Ende der Osterferien sollten alle Veranstaltungen, die nicht zwingend nötig sind, abgesagt werden. Das gilt insbesondere für Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern, aber auch für Termine mit mehr als 100 Personen und ganz gewiss für Veranstaltungen, an denen ältere oder kranke Menschen teilnehmen würden (zum Beispiel Seniorennachmittage).

Veranstaltungen, die zwingend nötig sind, sollten nicht in engen Räumen mit schlechter Belüftung stattfinden. Zudem sollte es eine Teilnehmerliste geben, um im Zweifel später Kontaktpersonen ermitteln zu können.

Viele Absage-Nachrichten haben uns am Freitag erreicht – nur zwei Beispiele: In der Schorndorfer Manufaktur sind die nächsten Konzerte gecancelt und auch die 80er/90er-Disco am Wochenende. Bei der IHK Rems-Murr sind sämtliche Aus- und Weiterbildungsprüfungen abgesagt bis zum 24. April. Wir können an dieser Stelle nicht alle Absagen im einzelnen auflisten. Rechnen Sie bitte im Zweifelsfall mit einem Ausfall, kontaktieren Sie den Veranstalter – oder bleiben Sie einfach auf Verdacht zu Hause.


Kinder zu Hause: Was nun? Landratsamt gibt Ratschläge

„Uns war bewusst, dass sich nach der Schließung von Schulen und Kindergärten zahlreiche Fragen ergeben“, kommentiert Landrat Dr. Richard Sigel. Erste Empfehlungen – sie werden in den nächsten Tagen aktualisiert:

  • Indoor-Spielplatz, Fitness-Studio, Party: „Nicht notwendige“ Gemeinschaftstreffen sollten „in allen Lebensbereichen vermieden werden“.
  • Es sei nicht empfehlenswert, Kinder von älteren oder chronisch kranken Menschen betreuen zu lassen.
  • Aktivitäten im Freien ohne enge Kontakte seien unproblematisch, entsprechende Sportaktivitäten müssten nicht eingeschränkt werden. Sportliche Aktivitäten in geschlossenen Räumen sollten vermieden werden, ebenso Gruppenstunden etwa in Musikschule oder Sportverein.
  • Hygieneregeln sollten gewissenhaft eingehalten werden.