Rems-Murr-Kreis

Wie geht es weiter in der Pflege?

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Symbolbild. © Alexander Roth
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Kreisseniorenrat
Waltraud Bühl, die Vorsitzende des Kreisseniorenrats Rems-Murr. © Benjamin Büttner

Weissach im Tal. Wie schaffen wir es, in einer älter werdenden Gesellschaft den Bedarf an Pflegepersonal und Pflegeplätzen zu decken? Rundum-Sorglos-Antworten gibt es aktuell nicht auf diese Frage, das wurde bei einer Podiumsdiskussion des Kreisseniorenrats in Unterweissach deutlich.

Herausforderung Flüchtlingsintegration? Nun ja. Die wahre deutsche Epochenaufgabe ist der Umgang mit dem sogenannten demografischen Wandel: Wie gestalten wir das Leben in einer älter – und pflegebedürftiger – werdenden Gesellschaft? Pflegekräfte ächzen unter Überlastung bei mäßiger Bezahlung, Angehörige unter der zermürbenden Suche nach Pflegeplätzen.

Fünf Bewerber für die Kreistagswahl standen bei der Podiumsdiskussion des Kreisseniorenrats in der Unterweissacher Seniorenbegegnungsstätte Rede und Antwort, es ging um allerlei, vom Führerschein für Ältere über Bürgerbusse und die Arztversorgung im ländlichen Raum bis zur Barrierefreiheit (siehe Infobox) – das Schlüsselthema aber kristallisierte sich am Ende bei den Statements aus dem Publikum in aller Schärfe heraus. „Das Pflegepersonal wird verheizt“, klagte eine Frau. Eine andere: „Das drängendste Problem von allen – einen Pflegeplatz suchen.“ In mehreren Wortmeldungen ging es immer wieder um ähnliche Erfahrungen: Wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird, altersbedingt oder wegen Krankheit, ist es schwer, einen Pflegeplatz zu finden, sei es in der Tages-, sei es in der Dauerpflege.

20 Bewerber für einen Platz

Im Dezember 2016 erschien die Broschüre „Älter werden im Rems-Murr-Kreis“ – ein wichtiges Grundlagenwerk, das Zahlen und Tendenzen zusammenfasst. Es heißt darin: Bis zum Jahr 2020 werde der Bedarf im Kreis bei etwa 4160 stationären Pflegebetten und weiteren 370 Kurzzeit- oder Tagespflegeplätzen liegen. Aktueller Stand seinerzeit: „Gemessen an den Bedarfseckwerten bestehen keine quantitativen Versorgungslücken an Dauerpflegeplätzen“ im Rems-Murr-Kreis – „was aber nicht bedeutet, dass in jedem Fall der gewünschte Platz zur Verfügung steht“. Defizite zeichneten sich vor allem ab „in der Versorgung von bestimmten Zielgruppen“, zum Beispiel bei Schwerstpflegebedürftigen oder „schwer dementiell erkrankten Menschen mit Weglauftendenzen“.

Ein paar Minuten lang schien es in der Unterweissacher Podiumsdiskussion, als sei wenn schon nicht der Stein der Weisen, so doch ein wichtiges Mosaikstückchen gefunden – Vorschlag eines Mannes aus dem Publikum: Der Landkreis solle eine Online-Plattform einrichten, auf der jederzeit aktuell alle als frei gemeldeten Pflegeplätze im Kreis abrufbar sein müssten. Schluss mit der lästigen Sucherei, Info per Mausklick – eine Liste mit Pflegeheimen ploppt auf; wo ein grünes Lämpchen brennt, ist was frei, dahinter die Telefonnummer ... Auf dem Podium nickten alle: Klingt gut. Müsste machbar sein. Wäre hilfreich.

Nach der Veranstaltung: Waltraud Bühl, Vorsitzende des Kreisseniorenrats, lächelt hintersinnig. Doch, ja, sagt sie, das wäre hübsch – nur: Welche freien Plätze werden da aufleuchten, wenn es „keine freien Plätze gibt“? In manchen Heimen kämen „auf einen Platz 20 Bewerber. So sieht die Welt aus.“ Angenommen, wir begännen heute, „zwei oder drei neue Heime zu bauen – bis die fertig sind“, sagt Bühl, wären sie auch schon wieder voll.

Tipp: „Einen Platz reservieren“

Ihr konkreter Vorschlag: Ältere und ihre Angehörigen sollten sich über einen Pflegeplatz nicht erst dann Gedanken machen, wenn es nicht mehr anders geht. „Wenn jemand 70 ist“, sollte er beginnen, in seine Zukunftsplanungen auch die Gefahr der Pflegebedürftigkeit einzubeziehen, und versuchen, „einen Platz zu reservieren“. Wer „von heute auf morgen“ reagieren müsse, dem könne im Zweifel auch ein Online-Portal nicht ohne weiteres helfen.

Pflege: Die Herausforderung wird noch wachsen. Blick auf die Altersgruppe Ü 65: Im Jahr 1900 gehörten ihr weniger als fünf Prozent der Menschen in Deutschland an, im Jahr 1960 knapp zwölf Prozent, im Jahr 2011 mehr als 20 Prozent – im Jahr 2060 wird etwa jeder dritte Deutsche 65 und älter sein. Blick auf die Altersgruppe 80 plus X: Im Jahr 2013 gehörten ihr 4,4 Millionen Menschen in Deutschland an – 2050 werden es, je nach Prognose-Institut, neun bis zehn Millionen sein. Blick auf den Rems-Murr-Kreis: Etwa 20 000 Menschen, die 80 oder älter waren, lebten hier 2011 – 2020 werden es 30 000 sein.

Stürmische Dynamik ist für diese Entwicklungen ein eher blasser Ausdruck.


Die Diskussion

Jürgen Hestler (SPD), Jochen Haußmann (FDP), Albrecht Ulrich (Freie Wähler), Horst Reingruber (CDU) und Bernd Messinger (Grüne) saßen auf dem Podium bei der Diskussion in Unterweissach. Es zeigte sich: Ein ideologisch aufgeladenes Thema, bei dem hart an Parteigrenzen entlang diskutiert wird, sind Fragen der alternden Gesellschaft eher nicht. Der kontroverseste Vorschlag kam von Hestler: Er regte einen 2,5 Millionen Euro pro Jahr schweren „Gesundheitsfonds“ für den Rems-Murr-Kreis an, zu finanzieren über eine Erhöhung der Kreisumlage um einen halben Prozentpunkt. Reingruber antwortete: Es sei auch so schon schwer genug, das Millionendefizit der Kliniken zu handhaben.

Einigkeit bei allen: Der Kampf um Barrierefreiheit bleibt eine Daueraufgabe. Ein Ärgernis sei vor allem die Situation an Bahnhöfen, vom Einstieg in die S-Bahn bis zu fehlenden oder nicht funktionierenden Aufzügen. Eine Frau im Rollstuhl beklagte bei der abschließenden Publikumsrunde: Nicht mal im Winnender Gesundheitszentrum gebe es Türöffner – „nur an der Radiologie, und der ist kaputt“.