Rems-Murr-Kreis

Wie kommt der Wein mit dem Wetter klar?

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Gut sehen sie aus, die Spätburgundertrauben am Korber Kopf. Christian Escher ist zuversichtlich, dass es ein guter Jahrgang werden könnte. © Winterling / ZVW
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Christian Escher mit dem Kompost, den er in seiner neuen Müller-Thurgau-Anlage auf dem Korber Kopf ausbringt.

Schwaikheim/Weinstadt. Die Wengerter sind vorsichtig. Ganz nach dem Motto „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“. Der Abend ist die Lese, die heuer im Remstal Anfang September beginnt. Die Trauben, die derzeit an den Rebstöcken hängen, schauen vielversprechend aus. In diesen zunehmend schwülen Tagen drohen jedoch Gewitter, was die Hoffnungen der Weingärtner auf einen guten Jahrgang in Sekunden verhageln könnte.

Christian Escher schnappt sich eine Spätburgunder-Beere und schaut sich die Kerne an. Nicht allein die Öchsle-Grade, also der Zuckergehalt der Trauben, entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt für die Lese ist. Wichtig sei die Reife der Traube, die er an den Kernen erkennt, sagt der Schwaikheimer Wengerter. Der Spätburgunder sieht gut aus. Die wenigen grünen Beeren an der Traube werden bis zur Lese auch noch dunkel werden. Zufrieden zeigte sich Christian Escher beim Rundgang über den Korber Kopf auch mit seinem stark ertragsreduzierten Lemberger und dem Cabernet Franc am Südhang des Korber Kopfes, der zu den besten Lagen des Schwaikheimer Weingutes zählt.

Rebstöcke vertragen Trockenheit bisher gut

Die älteren Rebstöcke haben die Trockenheit bisher gut verkraftet, sagt Escher. Nur bei den jungen Anlagen am Korber Kopf zeigen sich hie und da gelbe Blätter. Ein deutliches Zeichen, dass es heuer viel zu wenig geregnet hat. Immerhin hat es im Remstal Niederschläge gegeben. Mehr als anderswo. Die Trockenheit hat sogar ihr Gutes: Denn die Beeren sind klein und besonders aromatisch.

Präsident des Weinbauverbands ist zuversichtlich

Hermann Hohl, Präsident des Weinbauverbands Württemberg, freut sich deshalb auf einen Superjahrgang: „Die Qualität wird hervorragend, weil die Erntemenge erheblich zurückgeht.“ Je weniger Früchte der Rebstock ernähren müsse, desto besser geraten sie. Und die Beeren lagerten viel Zucker ein. Christian Escher warnt aber vor dem Fehler im ähnlich heißen Sommer 2003, als viel zu spät geerntet wurde und die Weine zu regelrechten „Alkoholbomben“ wurden. Das hat den Freunden eines Württembergers den Spaß an ihren sonst frischen, fruchtigen Weinen gründlich verdorben. Nein, Anfang September wird beim Weingut Escher die Weinlese beginnen. „Wir sind vorbereitet, der Keller ist herausgeputzt“, sagt Christian Escher und grinst.

„Entscheidend für die Qualität sind die letzten zwei Wochen“

Die Remstalkellerei wird ihre Keltern am 3. September öffnen für die Lese des „Neuen Weins“, sagt Claus Mannschreck, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft. Wie gut dieser Jahrgang wird, darauf will sich Mannschreck nicht festlegen. „Das ist schwer zu schätzen.“ Der Ertrag schrumpft Tag für Tag zusammen, sagt der Strümpfelbacher Weingärtner angesichts der anhaltenden Trockenheit. In einzelnen Lagen mache sich zunehmend Trockenstress für die Pflanzen bemerkbar. Eine Prognose „getraue ich mir echt nicht zu“, sagt er auch wegen der angekündigten Gewitter in den nächsten Tagen. „Entscheidend für die Qualität eines Jahrganges sind die letzten zwei Wochen vor der Lese.“

„2018 kann ein Spitzen-Jahrgang werden

Andreas Ellwanger vom Remshaldener Weingut Doreas reiht sich in die Riege der vorsichtigen Optimisten ein. „Es kann ein Spitzen-Jahrgang werden.“ Die Betonung liegt auf Kann. Er hofft, dass die Lese wirklich erst im September losgeht. Allerdings könnte die Kirschessigfliege oder Dauerregen noch einen Strich durch die Rechnung machen. Angesichts des Klimawandels und der zunehmend trockenen Sommer überlegen sich viele Weingärtner, ob sie bei Neupflanzungen die Unterlagen für ihre Reben ändern. Also Sorten bevorzugen, die Trockenheit gut verkraften. Insgesamt sind aus seiner Sicht die Reben im Remstal bisher gut mit der Hitze klargekommen, von den jungen Anlagen abgesehen, die ab und zu gewässert werden mussten.

Kompost speichert Wasser in der Erde

Christian Escher hat in einer windigen Südwestlage am Korber Kopf neuen Müller-Thurgau gepflanzt. Müller-Thurgau? Ein Massenwein? Diese traditionelle Rebsorte, die remsauf, remsab abgeräumt wurde und wird? „Grad zum Bossa“, sagt Escher. Er wolle auch ein paar leichte, frische Weine im Sortiment des 14-Hektar-Weingutes, und der Müller-Thurgau sei ein idealer Sommerwein mit elf Volumenprozent Alkohol. Die Lage, sagt der junge Winzer mit Blick über Korb und den Sörenberg bis hinüber ins Neckartal, sei hier oben ideal für den Müller-Thurgau. Damit der Müller-Thurgau in Zukunft trockene Sommer wie diesen verträgt, düngt Escher den Wengert mit viel Kompost. Denn je kompostreicher die Erde ist, desto mehr Wasser könne sie speichern. Der Müller-Thurgau steht unweit des Spätburgunders. Mit dessen Entwicklung ist Christian Escher ausgesprochen zufrieden. Er hofft auf „kräftige Rotweine und säurearme Weißweine“ in diesem Jahr. Sofern ihm und seinen Kollegen das Wetter keinen Streich spielt.


Klimawandel

Die Weinlese in Württemberg und im Remstal beginnt tendenziell immer früher. Opa Escher habe Mitte Oktober mit der Weinernte begonnen, erzählt der Schwaikheimer Christian Escher mit Blick auf das Jahr 2018, in dem die Lese im Remstal voraussichtlich Anfang September beginnt.

Im Remstal wachsen heute mediterrane Weinsorten wie Syrah, Merlot oder Cabernet Sauvignon, von denen die Großväter nur träumen konnten. Die Weingrenze in Deutschland, bis zu der Wein angebaut wurde, verschiebt sich nach Norden. Mit den höheren Temperaturen kommen aber auch Schädlinge wie die Kirschessigfliege, die sich früher in diesen kühlen Regionen nicht blicken ließen. Aktuell ist es aber selbst der aus Südostasien stammenden „Drosophila suzukii“ hier zu heiß geworden.