Rems-Murr-Kreis

Wie sich Kinder schützen können

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Kinder, aufgepasst, ein Lkw!_0
Dekra-Mitarbeiter Tim Klein erklärt Joshua und Linus das Spiegel-System im Lkw. © Büttner / ZVW
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Wenn du direkt neben der Beifahrertür eines Lkw stehst, kann der Fahrer Dich nicht direkt sehen, sondern nur mit Hilfe von Spiegeln. Im Kleinen Spiegelbild bist du aber nur schwer zu erkennen.

Schorndorf. Der tote Winkel ist ein Schweinehund: Wie schwer es ein Lkw-Fahrer hat, Menschen vor, hinter, neben sich zu sehen, haben Experten Viertklässlern der Reinhold-Maier-Schule Weiler erklärt. Wobei: Die Kinder wussten schon vorher ziemlich gut Bescheid.

Fünf Minuten vor seinem Auftritt in Zimmer sieben hat der Mann von der Dekra noch recht nervös gewirkt: Wie wird das gleich sein in der Höhle der jungen Löwen? Werden die Kinder überhaupt zuhören?

Es gibt Spiegel, aber das Bild ist klein

Nun ja, die Sorge zerstreut sich binnen einer Minute: Kaum hat Julian Argauer losgelegt, sieht er sich von seinem Steppke-Publikum bereits in ein regelrechtes Kraftfahrzeug-Fachsymposium verstrickt.

Wisst ihr, was Dekra heißt? „Ich hab von euch schon mal was gehört.“ Was genau? „Tut die Dekra ... Autos kontrollieren?“ Volltreffer. Was ist ein toter Winkel? Finger gehen in solcher Fülle hoch, als erhebe das wilde Römerheer die Speere zum Angriff gegen die Gallier. „Wenn ein Fahrrad neben dem Lkw ist und der Fahrer sieht das Fahrrad nicht.“ Nahezu perfekt.

Ein Lkw-Fahrer sieht weniger, als du denkst, das ist die Kernbotschaft des Nachmittags. Der Kerl thront in zwei Metern Höhe – und kann von hier oben einen vor dem Laster stehenden Menschen nicht direkt sehen. Sicher, es gibt Spiegel, aber das Bild ist klein. Vom Fahrersitz aus ist auch ein Radler neben der Beifahrertür nicht direkt sichtbar. So weit klar? Blick in die Runde: Nicken.

Aber dann. Zwischenfrage eines Viertklässlers: „Wenn man da ‘ne Kamera installieren würde?“ Und sein Nebensitzer: „Da kann man doch Sensoren einbauen.“ Au Backe, Argauer ist einen Moment geplättet. „Ihr seid raffiniert“. Nur: Viele Lastwagen verfügen noch nicht über derart moderne Technologie. Und deshalb die Faustregel: „Wenn ihr dem Fahrer in die Augen sehen könnt, kann er euch auch sehen.“ Blickkontakt ist immer super, ob beim Anstoßen mit einem kühlen Bier oder im Straßenverkehr.

Achtung! Eine besonders heikle Situation

Besonders heikel ist folgende Situation: Du stehst mit dem Rad an der Ampel; wenn es grün wird, willst du geradeaus über die Kreuzung. Links neben dir: ein Lkw; er will gleich nach rechts abbiegen. Du bist im toten Winkel! Bleib lieber nicht neben dem Koloss stehen, sondern warte hinter ihm.

Noch Fragen? Ja, „was kostet ein Lkw?“ Argauer denkt nach und holt gerade Luft, als der Schüler auch schon nachschiebt: „Ich hab gehört, 200 000 Euro.“ Könnte hinkommen, sinniert der Experte.

Und jetzt, sagt der Dekra-Mann, gehen wir raus auf den Schulhof und steigen in den dort geparkten Lkw ein. Geballte Fäuste, „yessss!“, Begeisterung. Unten werde wahrscheinlich auch schon „Herr Oesterle“ warten. „Jaaa!“, ein Jubel-Orkan: Jürgen Oesterle vom Verkehrspräventionsteam des Polizeipräsidiums Aalen ist, weil er hier Fahrradunterricht gibt, offenbar schon so was wie eine lebende Legende.

„Im toten Winkel kann euch der Fahrer nicht sehen"

Unten vor dem Lastwagen bringt Oesterle noch mal alles auf den Punkt: „Im toten Winkel kann euch der Fahrer nicht sehen. Und wenn er euch nicht sehen kann, ist es ge?“ Die Antwort, ein Tosen: „fääährlich!“

Linus und Joshua wagen als Erste die Klettertour empor in die Fahrerkabine, oben lassen sich die Gipfelstürmer in die Sitze sacken und staunen: „Man sinkt ein! Weich wie ein Bett.“ Derweil versammelt sich unten vor der Motorhaube die Klasse – Linus muss sich die Nase an der Scheibe plattdrücken, bevor er das Victory-Zeichen machen kann: Ha, ich seh euch!

Und Oesterle prüft ein letztes Mal den Lernstoff ab, mit ohrenbetäubendem Erfolg: „Wenn ihr den Fahrer nicht sehen könnt, dann seid ihr im?“ – „To! Ten! Win! Kel!“


Eine Info-Offensive

„Aktion Abbiegeassistent“: So heißt ein Aufklärungsprogramm, das Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer angestoßen hat. Ziel ist es, möglichst viele Lkw mit Kameras, Sensoren und ähnlichen Techniken auszurüsten, um Abbiegeunfälle zu verhindern, bei denen Radler und Fußgänger in den toten Winkel geraten. Ergänzend bietet die Dekra als Sicherheitspartner des Ministeriums auch Info-Veranstaltungen für Schulkinder an.