Rems-Murr-Kreis

Wie steht es um die Pflege?

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„Wir dürfen uns nicht unattraktiver machen, als wir sind.“ Gaby Schröder vom Alexander-Stift und Tobias Bollinger von der Behinderteneinrichtung der Diakonie Stetten sorgen sich um das Image der Pflegeberufe. © Büttner / ZVW

Kernen. Gaby Schröder macht sich Sorgen um das Image der Pflegeberufe. Die Geschäftsführerin des Alexanderstiftes befürchtet, dass die Pflege viel zu häufig schlechtgeredet wird und die schönen Seiten dieser Berufe in den Hintergrund gedrängt werden. Der zweifellos vorhandene Fachkräftemangel werde auf diese Weise weiter verschärft.

Krankenhäuser wie auch Pflegeheime, Sozialstationen und Behinderteneinrichtungen suchen dringend Personal. Dass die evangelische Heimstiftung neue Mitarbeiter gerade mit einem Startgeld von 1000 Euro lockt, wird in der Branche mit Kopfschütteln registriert. Neue Mitarbeiter suchen sie aber alle. Die Jobbörsen quellen über vor Stellenangeboten. Die Chancen für Berufseinsteiger sind hervorragend, weiß Gaby Schröder.

Das hat Folgen. „Das Stellenhopping hat zugenommen.“ Schröder mag aber nicht in das allgemeine Jammern über die Arbeitsbedingungen und das Gehalt einstimmen. Sie verweist auf die Ausbildungsvergütung für Altenpflegerschüler im ersten Lehrjahr von über 1000 Euro und das Einstiegsgehalt von über 2800 Euro hin. Im Einzelhandel würden sich nicht nur die Berufsanfänger nach solchen Gehältern die Finger lecken. „Wir dürfen uns nicht unattraktiver machen, als wir sind“, sagt Gaby Schröder, die Chefin von rund 900 Mitarbeitern in den 20 Pflegeheimen des Alexander-Stiftes, das zur Diakonie Stetten gehört.

Was spricht denn für einen Job in der Pflege?

Tobias Bollinger stimmt zu. Die Pflege biete eine „sinnstiftende Arbeit“, sagt der Geschäftsbereichsleiter „Leben Wohnen Kernen“ der Diakonie Stetten. Die Mitarbeiter kommen gern zur Arbeit in ihre Behinderteneinrichtung. „Es kommt ganz viel zurück von den Menschen!“, hebt er die positiven Aspekte des Berufes hervor: Herzlichkeit, Dankbarkeit und Anerkennung.

Gleichwohl werde die öffentliche Diskussion über die schlechten Zustände in den Heimen beherrscht, bedauert Gaby Schröder. Ohne die teilweise prekären Lagen beschönigen zu wollen. Sie weiß, dass der Personalmangel auf Kosten der Mitarbeiter geht, zu Stress, Überlastungen – und letztlich auch schlechter Arbeit führt.

Reicht das Sofortprogramm der Bundesregierung für 13 000 neue Stellen in der Pflege aus?

Der Pflegenotstand hat inzwischen die Berliner Politik erreicht. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, 13 000 neue Stellen in der Pflege schaffen zu wollen. „Die Botschaft hör’ ich wohl“, dachte sich Gaby Schröder im ersten Moment. Aber ihr fehlte der Glaube. Ein Bus mit neuem Personal wäre ihr lieber gewesen. Das Alexander-Stift suche derzeit 37 Mitarbeiter – und müsse aus diesem Grund in den Pflegeheimen sogar Betten leer stehen lassen. Schröder will damit ein Zeichen setzen und auf den Personalmangel aufmerksam machen. In der Vergangenheit sei Pflege immer „irgendwie“ und meist zulasten der Mitarbeiter gegangen. Das Alexander-Stift wolle die Personalschlüssel ernst nehmen und seiner Verantwortung den Beschäftigten gegenüber gerecht werden.

Auf den zweiten Blick erkennt Gaby Schröder durchaus an, dass der Gesundheitsminister auf dem richtigen Weg ist, obwohl sich der in einem Heim des Alexander-Stiftes allenfalls in einer Teilzeitstelle niederschlägt. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber ein erster Schritt.“

Warum können die Sozialdienste nicht mehr alle Wünsche der Senioren erfüllen?

Andreas Haas kann in die Klagen über den Fachkräftemangel nahtlos einstimmen. Er leitet die ambulanten Dienste der Awo im Rems-Murr-Kreis. „Wir stellen jeden Monat einige Mitarbeiter ein“, sagt Haas. Es sind nie genug, um den gestiegenen Bedarf zu decken. Die Reform der Pflegeversicherung hat im vergangenen Jahr die Situation sogar noch verschärft. Das Pflegestärkungsgesetz hat die Weichen auf ambulante Dienste gestellt, das Leistungsspektrum ausgeweitet – und bei den Senioren und ihren Angehörigen Hoffnungen geweckt. „Die Nachfrage an Leistungen übersteigt unser Angebot“, bedauert Haas, Anfragen ablehnen oder auf eine Warteliste setzen zu müssen. „Wir arbeiten personell an der Kante.“

Dass der Pflegedienst mit seinen 100 Mitarbeitern nicht alle Wünsche erfüllen kann, sei schon immer so gewesen, sagt Haas. Nicht jeder Kunde könne eben zwischen 7.15 und 7.45 Uhr besucht und versorgt werden. Seit dem vergangenen Jahr habe sich aber die Nachfrage signifikant erhöht. Was am Pflegestärkungsgesetz, aber auch an der demografischen Entwicklung liegt.

Was ist von einem Startgeld für neue Mitarbeiter zu halten?

Von einem Kopfgeld für neue Mitarbeiter, wie es die Heimstiftung versucht, hält Haas nichts. Wer sich von 1000 Euro locken lasse, sei vermutlich nicht gut bei der Awo mit ihren drei Sozialdiensten in Backnang, Schorndorf und Winnenden aufgehoben.

Wie groß sind die Personalsorgen in den Krankenhäusern?

Mit Personalsorgen schlagen sich nicht nur Pflegedienste und -heime herum, sondern vor allem auch die Krankenhäuser. In den 2000 deutschen Krankenhäusern seien 12 000 Stellen offen, beantworten die Rems-Murr-Kliniken unsere Anfrage, ob Spahns Sofortprogramm für 13 000 Pflegejobs ausreicht. In der Altenpflege sei der Personalbedarf mit deutschlandweit 23 000 unbesetzten Stellen im Jahresdurchschnitt 2017 sogar noch höher. Die 13 000 zusätzlichen Pflegestellen sollen in erster Linie bei vollstationären Altenpflegeeinrichtungen ankommen. „Den Kliniken ist mit dieser Maßnahme noch nicht geholfen.“

Stress, permanente Überlastung und Angst, den eigenen professionellen Ansprüchen in der Pflege nicht mehr gerecht zu werden, treiben viele Beschäftigte in den Kliniken um. Am Mittwoch demonstrierten rund 4000 Fachkräfte aus ganz Deutschland in Düsseldorf und forderten bessere Bezahlung und mehr Personal in Pflegebereichen. Die Gewerkschaft Verdi fordert beispielsweise eine Mindestanzahl an Pflegekräften in einer Klinik, die per Gesetz vorgeschrieben wird.

Wie kann der steigende Bedarf an Pflegekräften mittel- und langfristig gedeckt werden?

Um den steigenden Bedarf an Pflegekräften mittel- und langfristig in den Krankenhäusern zu decken, spielten die Anerkennung und die Attraktivität des Pflegeberufes eine zentrale Rolle.

„Neben einer besseren Entlohnung, attraktiven Arbeitsbedingungen sowie guten Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten sollte der Pflegeberuf auch die gesellschaftliche Anerkennung bekommen, die er als Rückgrat der medizinischen Versorgung tagtäglich verdient.“

Diese Herkulesaufgabe werden die Rems-Murr-Kliniken aber nicht alleine stemmen: „Es erfordert vielmehr ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft.“


Personal-Kampagne

Fast 100 offene Stellen für Pflegeberufe sind bei der Agentur für Arbeit in Waiblingen registriert. Gesucht werden im Rems-Murr-Kreis unter anderem rund 20 Altenpfleger oder -pflegehelfer und 14 Heilerziehungspfleger sowie zehn Erzieher. Ferner sind 16 Ausbildungsplätze im Bereich Pflege zu besetzen.

Die Rems-Murr-Kliniken gehen mit einer neuen Kampagne neue Wege, um Mitarbeiter zu gewinnen. „Haben Sie heute ein Foto für uns?“ oder „Mit einem Selfie direkt im Recall!“ fragen sie auf Plakaten, in Stellenannoncen und im Internet, auf die beliebten Casting-Shows anspielend. Die Kampagne ist Anfang des Monats gestartet. Deshalb sei es zu früh, um eine Bilanz zu ziehen. „Trotzdem sind wir bislang mit der Resonanz auf unsere multi-mediale Personalgewinnungskampagne sehr zufrieden“, teilen die Kliniken auf Anfrage mit. Sie verzeichneten mehrere Hundert Seitenaufrufe, die ersten Selfie-Bewerbungen kamen her und es liefen bereits Vorstellungsgespräche.