Rems-Murr-Kreis

Willkommen in der Männerdomäne

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Stephanie Sigle ist Gruppenführerin bei der Feuerwehr Weinstadt. © Ramona Adolf
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Stefanie Jung (rechts) von der Feuerwehr Winnenden bei einer Übung.
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Cornelia Bäßler, Franziska Häussermann und Carina Müller engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Korb.

Waiblingen. „Frauen an den Brand-Herd!“ Mit diesem und anderen provokanten Slogans wollte der Deutsche Feuerwehrverband 2007 Frauen in die Freiwilligen Feuerwehren locken. Doch auch mehr als zehn Jahre später sind Frauen bei der Feuerwehr im Rems-Murr-Kreis unterrepräsentiert. Woran liegt das? Eine Spurensuche.


Wieviele Mitglieder haben die Feuerwehren und Jugendfeuerwehren? Und wie viele davon sind Frauen und Mädchen? Hier gelangen Sie direkt zu den Zahlen für alle Gemeinden im Rems-Murr-Kreis


31 Freiwillige Feuerwehren gibt es im Rems-Murr-Kreis. Sie haben 74 Abteilungen mit 3 601 aktiven Mitgliedern – nur 223 davon sind Frauen*. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal sechs Prozent. Bei der Feuerwehr in Großerlach gibt es aktuell sogar überhaupt keine Frau. Diese Zahlen sollten aber nicht nur Feministinnen hellhörig machen. Vielen Feuerwehren fehlen, erschwert auch durch den Wegfall des Wehrersatzdienstes, neue Mitglieder. Immer weniger Menschen arbeiten an ihrem Wohnort und sind dort für die Feuerwehr verfügbar. Umso wichtiger ist es für die Feuerwehren, auch Frauen für ihr Ehrenamt zu begeistern.

 

Etwas besser sieht es bei den Jugendfeuerwehren im Kreis aus. Mädchen machen hier 19,5 Prozent der Mitglieder aus. Der Durchschnitt in Baden-Württemberg liegt bei 17,9 Prozent. Den Übertritt zur aktiven Wehr machen allerdings nur wenige junge Frauen. So hat es auch Stephanie Sigle (28) aus Großheppach erfahren. Im Alter von zehn Jahren ging sie mit mehreren Freundinnen zur Jugendfeuerwehr. Keine der anderen blieb.

Frauen müssen sichtbar sein

Lange war Sigle die einzige Frau bei der Freiwilligen Feuerwehr in Großheppach. "Ich wurde deswegen aber nie anders behandelt", betont sie. "Ich hatte weder das Gefühl, dass sich die Männer verstellen, weil auf einmal eine Frau dabei war, noch dass ich mich verstellen musste." Mittlerweile ist Stephanie Sigle selbst Jugendfeuerwehrwartin. Sie kann deshalb bestätigen, dass die Aufgaben bei der Feuerwehr für Mädchen und Jungen von Anfang an die gleichen sind. "Die Entwicklungen gehen da auseinander. Der eine spielt lieber Fußball, die andere geht lieber zum Tennis." Wenn eh schon weniger Mädchen da seien, blieben am Ende eben noch weniger übrig. Deshalb findet sie es wichtig, dass Frauen in den Feuerwehren sichtbar sind, um für junge Mädchen Vorbild und Bezugsperson sein zu können.

Jede Sekunde zählt

Bei Stefanie Jung (33) war das Vorbild ein Mann. Sie ist durch ihren Vater mit 16 Jahren zur Feuerwehr nach Winnenden gekommen. Für etwa zehn Jahre war sie die einzige Frau in ihrer Abteilung. Weder sie noch andere Frauen bei der Winnender Feuerwehr hätten jemals Grund zur Beschwerde gehabt. "Vielleicht muss man sich als Frau mal einen blöden Spruch anhören, aber das muss man ja nicht nur bei der Feuerwehr", sagt sie. Die Mutter von zwei Kindern glaubt, dass viele Frauen wegen der Familie nicht zur Feuerwehr gehen. "Wo soll man die Kinder bei einem Einsatz lassen? Zeit, um einen Babysitter zu finden, hat man schließlich nicht. Da zählt jede Sekunde."

Für Carina Müller (30), Feuerwehrfrau aus Kleinheppach, ist das kein Problem. Ihre Schwiegermutter wohnt mit im Haus und kann die vier Kinder betreuen. Ansonsten wechselt sie sich mit ihrem Partner, der auch bei der Feuerwehr ist, bei den Einsätzen ab. Es sei auch schon vorgekommen, dass sie die Kinder einfach zum Gerätehaus mitgenommen habe. "Funken kann man schließlich auch mit einem Kind auf dem Schoß", erklärt sie. Viele wüssten einfach gar nicht, was man bei der Feuerwehr eigentlich macht und wie vielfältig die Aufgaben seien.

Auch bei Franziska Häussermann (30) von der Feuerwehr in Korb kann sich ein Familienmitglied im Einsatzfall um ihre beiden Kinder kümmern. Wenn das einmal nicht klappt, bleibt sie bei Einsätzen auch mal zu Hause, da ihr Mann einen höheren Posten bei der Feuerwehr inne hat. Bei Übungen wechseln sie sich ab. Sie glaubt, dass viele Frauen einfach keine Berühungspunkte mit der Feuerwehr haben. "Die meisten Frauen kommen über das persönliche Umfeld. Wenn es in der Familie oder im Freundeskreis niemanden bei der Feuerwehr gibt, dann fehlt einfach der Bezug." 

Ihre Kameradin Cornelia Bäßler (29) glaubt, dass viele Frauen ein falsches Bild von der Feuerwehr haben und sich deswegen nicht hin trauen. "Man kennt aus Filmen den muskelbepackten Mann, der ein Kind aus einem brennenden Haus trägt. Aber so muss niemand sein." Bei der Feuerwehr gebe es für jeden eine Aufgabe.

"Egal welche Nationalität, Religion oder welches Geschlecht - wer sagt 'ich möchte helfen' ist bei der Feuerwehr willkommen", fasst es auch Stephanie Göttert zusammen. Die 41-Jährige engagiert sich im Netzwerk Feuerwehrfrauen, ist dort Ansprechpartnerin für Baden-Württemberg. „Viele Frauen interessieren sich für die Feuerwehr, wissen aber nicht, wie sie den ersten Schritt machen sollen“, glaubt sie. An Tagen der offenen Tür und Workshops wirbt das Netzwerk gezielt Frauen als Mitglieder an. Auch viele Feuerwehren selbst seien aktiv um Frauen bemüht. „Es tut sich was, es kommen Frauen. Die Entwicklung dauert nur eben ziemlich lang.“

*In einer vorherigen Fassung des Artikels hatten wir noch von von 3567 Mitgliedern und 221 Frauen gesprochen. Bei unserer Rechnung waren die Zahlen der Feuerwehrabteilung Kleinheppach nicht mit berücksichtig worden. Wir haben die Zahlen nun korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.