Rems-Murr-Kreis

„Wir“ sind nicht Europameister

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Durfte sich als Europameister feiern lassen: Die Handball-Nationalmannschaft. © Mathias Ellwanger

Jetzt, da die schwarz-rot-goldene Partystimmung nach dem EM-Sieg der deutschen Handball-Nationalmannschaft abgeebbt ist, kann man noch einmal in aller Ruhe auf das Ereignis zurückblicken. Das heißt, auf die gebührenfinanzierte Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sportpatrioten von ARD und ZDF. Eine Katastrophe.

Bei allem Respekt vor der famosen Leistung der „deutschen Handball-Nationalelf“ (Franz Josef Wagner in der „Bild“): Nichts rechtfertigt nationales Überschnappen. Doch ein Sportjournalist im Ersten und Zweiten kennt weder Grenzen noch Distanz: Gewinnt eine deutsche Mannschaft einen großen Titel, haben „wir“ alle ihn gewonnen. Gilt das eigentlich auch für Migranten? Wie deutsch genau muss man sein, um das Wir-Gefühl erfahren zu dürfen? Und darf man das auch ablehnen? Zum Beispiel so: „Wir“ sind nicht Handball-Europameister. Aber die deutsche Nationalmannschaft, und das ist schön. Na also, es geht doch.

Skandalös war die Entscheidung von ARD und ZDF, bei der Handball-EM in Polen nur die Spiele der deutschen Mannen zu zeigen. So anscheinend denkt man öffentlich-rechtlich: Niemanden interessiert es, wie andere Teams spielen, im Grunde ist auch die Sportart egal. Wichtig ist nur der geile Event. Und dann wird abgefeiert wie auf Mallorca. Und Florian Naß von der ARD war der Animateur am Teutonen-Mikrofon. Im Hauptrundenspiel gegen Russland beklagte er mehr als einmal Regelwidrigkeiten des Gegners. Über die tupfengleichen auf deutscher Seite redete er nicht. Man will ja die Sangria-Laune nicht stören. Klar, dass Naß im Finale gegen Spanien komplett ausrastete.

Am Ende verwunderte es auch nicht mehr, dass die ARD bei der Siegerehrung lieber singende, sektköpfende deutsche Spieler in der Umkleidekabine zeigte, als die spanische Mannschaft, die gerade mit der Silbermedaille geehrt wurde. Dass dieser Affront kein Versehen war, zeigte ein Sportschau-Telegramm wenige Tage später. Da vermeldete die ARD den WM-Triumph des deutschen Rodlers Felix Loch und die Vizemeisterschaft seines Teamkollegen Ralf Palik. Den Bronzemedaillen-Gewinner verschwieg der Sender. Denn Wolfgang Kindl ist aus Österreich. Und Österreicher sind für die ARD auch nur Spanier.