Rems-Murr-Kreis

Wo bleibt sie denn, die Lebensgefahr?

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"Viel Verkehr, hohe Geschwindigkeiten sowie riskante Park- und Wendemanöver", wurden in der Pressemitteilung vorab den Elterntaxis zugeschrieben. Am Montagmorgen war an der Sommerrainschule davon wenig zu sehen. © Alexander Roth
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Reinhard Mohr (links) und seine Kollegen tauschen ihre bisherigen Beobachtungen aus.
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Die Sonne ist kaum aufgegangen im Edelweißweg, als der ACE mit der Beobachtung des Verkehrs beginnt. Bis kurz vor acht kommen aber kaum Autos.
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Pressekonferenz im "Singsaal" der Sommerrainschule. In der Mitte: Verkehrsminister Winfried Hermann, Schirmherr der Aktion "Goodbye Elterntaxi".
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So wie im Edelweißweg geparkt wird, passt meist nur ein Auto durch. Bei dem geringen Verkehrsaufkommen dort war das aber - zumindest am Montag - kaum je ein Problem.

Stuttgart-Sommerrain. Der Auto Club Europa (ACE) und das Landesverkehrsministerium haben am Montag um 10 Uhr zum Pressetermin in die Sommerrainschule geladen. Anlass: Die Aktion "Goodbye Elterntaxi". Im Vorfeld sollte deshalb der morgendliche Bringverkehr unter die Lupe genommen werden. "Chaos vor Grundschulen im Visier", titelte die entsprechende Pressemitteilung. Und tatsächlich: Zeitweise war die Straße regelrecht blockiert. Durch Journalisten. 

Sommerrain, das klingt nicht bloß nach Idylle. Hier, im Nordosten Stuttgarts, wo die Straßen Namen wie "In den Ringelgärten" und "Windröschenweg" tragen, ist die Welt noch in Ordnung. Am Montagmorgen erfüllt Vogelgezwitscher die Luft, die Sonne hängt, noch etwas müde, über den sorgsam gepflegten Gärten, und Kinder ziehen plappernd durch die Straßen, auf dem Weg zur Schule. Alles wie immer. Oder?

"Was machen Sie da? Warum filmen Sie?"

Vor dem Gebäude der Sommerrainschule stehen Männer in roten Jacken und beobachten den Verkehr. Wenn welcher kommt. Daneben: Kameras, Mikrofone, Menschen, die auf irgendetwas warten. Ein Auto rollt an. Schrittgeschwindigkeit. Die Kameras schwenken mit. Das Auto parkt ein. Drei Menschen rennen über die Straße, einer mit der Kamera auf der Schulter, ein anderer mit einem langen Stabmikrofon über dem Kopf, das bei jedem Schritt wackelt. Die Fahrerin kurbelt die Fensterscheibe runter, streckt den Kopf raus und fragt: "Was machen Sie da? Warum filmen Sie?"

Ja, warum eigentlich? Der ACE will an diesem Morgen prüfen, ob Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, sich an Verkehrsregeln und Sicherheitsbestimmungen halten. Es soll der Auftakt zur Aktion "Goodbye Elterntaxi" werden. Das Ganze wurde per Presseeinladung angekündigt - und die Presse kam. Nur: Wie soll man sich ein Bild davon machen, wie der Alltag an der Sommerrainschule aussieht, wenn sich den Eltern und Schülern ein ganz und gar nicht alltägliches Bild bietet?

"Ich laufe jetzt hier rüber, und möchte nicht gefilmt werden", ruft eine Frau. Vom anderen Ende der Straße kommen zwei Jungen mit Schulranzen angetrabt. "Was ist denn das, ACE?", fragt der eine, und beäugt die Szenerie argwöhnisch. "Lass' cool bleiben", rät sein Begleiter, und schaut zu Boden. Gegenüber versucht ein Kamerateam, einen Familienvater zu befragen. "Ich bin heute nicht so vorzeigbar", sagt er, bleibt aber stehen. "Und was ist mit ihrer Tochter?", fragt die Journalistin freundlich. Die zerrt ihren Papa am Arm. "Wir kommen zu spät!", schreit sie ihn förmlich an. Gefilmt werden möchte auch sie nicht. 

Aufregender wird's nicht

Der kleine Presseaufmarsch ist auch schon das Aufregendste, was es am Montagmorgen im Edelweißweg zu beobachten gab. Und das nicht, weil die Eltern alle vorbildlich gefahren wären: "Ein Drittel hat sich nicht an die Spielregeln gehalten", sagte der ACE-Regionalbeauftragte Reinhard Mohr auf der anschließenden Pressekonferenz. Größte Problemfelder: Das Halten und Wenden im Kreuzungsbereich und Schüler, die auf der Fahrbahnseite aussteigen. Und: "Weder die Eltern, noch die Kinder machen sich die Mühe, bevor sie die Straße queren nach links oder rechts zu schauen." Nur gehört zur Wahrheit auch dazu: Bei einem Verkehrsaufkommen von etwa einem halben Auto pro Minute bestand zu keiner Zeit tatsächlich so etwas wie Gefahr.

Die meisten Schüler kommen zu Fuß

"Wir hatten mit einem höheren Verkehrsaufkommen gerechnet", sagt Reinhard Mohr, auch wenn er sich auf der Pressekonferenz dann doch überrascht zeigt von der Zahl der Elterntaxis: 53 waren es an diesem Morgen, etwa 450 Kinder besuchen die Schule. Sprich: Die meisten kommen zu Fuß. Darauf arbeite die Schule auch aktiv hin, sagt Rektorin Ruth Möller, und fügt hinzu: "Wir trainieren den sicheren Schulweg und halten das Thema wach - auch wenn wir sicherlich kein Brennpunkt sind." 

Und bei all der Brisanz des Themas - Minister Hermann bezeichnete die Probleme mit dem Phänomen der Elterntaxis als "unübersehbar" - stellt sich da die Frage: Warum wählt man denn um darauf aufmerksam zu machen ausgerechnet eine Schule, die dem schon Jahre entgegenwirkt, in einem Stadtteil liegt, in dem die Straßen überwiegend auf -weg enden, und lädt dann noch die Presse ein, damit auch ja keinem Autofahrer entgeht: Achtung, Sie werden beobachtet.

Etwas Gutes hatte der ganze Rummel dann allerdings doch: Die Eltern überlegten es sich an diesem Morgen zweimal, ob sie einfach kurz mitten auf der Fahrbahn anhalten sollen. Nach einem Blick auf die Kameras und ein paar Sekunden Bedenkzeit bogen die meisten von ihnen dann doch rückwärts in einen Parkplatz ein.


 

Das sagt Verkehrsminister Hermann zu Elterntaxis:

"Eltern, die glauben, sie müssten ihr eigenes Kind im großen Auto schützen, missachten die Sicherheit aller anderen."

"Die Eltern müssen ihren Kindern helfen, dass sie selbstständig den Weg schaffen. Und wenn sie sie schon bringen müssen, dann können sie auch in sicherer Entfernung parken. Der Bus fährt ja auch nicht direkt vor die Schule."