Rems-Murr-Kreis

Zu Hause ist es am gefährlichsten

Zu Hause ist es am gefährlichsten_0
Von allein hört es nicht auf, es wird eher schlimmer. Das Landeskriminalamt rät, sofort beim ersten Vorfall Anzeige zu erstatten. © ©juefraphoto - stock.adobe.com

Waiblingen. Der wegen Mordes verurteilte Daniel E. hatte die Tat angekündigt. „Ich bring’ dich um.“ Er war gewalttätig, unbeherrscht – und dann ließ er der Drohung Taten folgen. Im November 2017 tötete er die Mutter seines Sohnes in Backnang. Warum verhindert niemand solch einen Mord mit Ansage?

Die Polizei, Gerichte und Beratungsstellen können vieles tun, um eine Frau vor einem gewalttätigen (Ex)-Partner zu schützen. Was sie nicht können: Die Frau mit Rund-um-die-Uhr-Personenschutz ausstatten – solchen Schutz genießen nur hochrangige Politiker oder vielleicht noch Vorstandschefs von Dax-Konzernen. Und im Rechtsstaat ist es nicht möglich, jemanden wegen Drohungen und Körperverletzung für immer wegzusperren.

„Es muss erst was passieren“

„Es muss erst was passieren“ – so heißt es dann hinterher, und alle schütteln den Kopf. Sie haben recht: Im Rechtsstaat wird niemand weggeschlossen, weil er – vielleicht – in der Zukunft eine Straftat begehen könnte. Allerdings: Dieser Grundsatz könnte bald fallen. Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) will in extremen Fällen von häuslicher Gewalt eine Gefährderhaft durchsetzen. Das bedeutet, jemand wie Daniel E. könnte womöglich zur Sicherheit inhaftiert werden, bevor er ausrastet.

Für begrenzte Zeit ginge das. Dann käme der Aggressor wieder frei.

Das Gewaltschutzgesetz, 2002 in Kraft getreten, hat vieles verbessert. Der Staat kann einen Schläger auch dann aus einer Wohnung verweisen, wenn ihm die Wohnung gehört oder er der Mieter ist. Die Frau kann dann mit den Kindern im vertrauten Umfeld bleiben. Sofern ein Gericht eine Art Bannmeile verfügt, darf sich der Aggressor der Ex-Partnerin und auch den Kindern nicht mehr nähern. Auch bei Stalking können Gerichte eine Bannmeile verfügen. Die Polizei wird eine „Gefährderansprache“ vornehmen, sprich, dem Betreffenden – meistens sind es Männer – deutlich klar machen: Bis hierher und nicht weiter.

In extremen Fällen hilft nur: Woanders ein neues Leben aufbauen

Das wird den Aggressor beeindrucken. Oder auch nicht.

Laut Landeskriminalamt (LKA) reicht es in der überwiegenden Zahl der Fälle aus, sich den Gefährder zur Brust zu nehmen, Objekte zumindest punktuell zu schützen, Opfer in qualifizierte Beratung zu vermitteln.

Oder das Komplettprogramm wird nötig. Es heißt beim Landeskriminalamt „operativer Opferschutz“, und diesen darf man sich ähnlich vorstellen wie ein Schutzprogramm für Zeugen, die gegen die Mafia ausgesagt haben.

Für die Opfer heißt das: Ein ganz neues Leben an einem anderen Ort aufbauen. Möglichst alle Verbindungen zum früheren Leben kappen. Die wahre Identität unter allen Umständen geheim halten. Das ist in Zeiten von Facebook und snapchat unglaublich schwierig. Es muss nur jemand ein Foto posten vom Kindergartenfest, und die betreffende Frau ist ganz hinten links versehentlich darauf zu sehen.

Das Landeskriminalamt koordiniert seit zwei Jahren im Zuge eines landesweiten Pilotprojekts den operativen Opferschutz. Um wie viele Personen es geht, ist keine Information, die an die Öffentlichkeit gehört.

Die Vermutung liegt nahe: Es bräuchten mehr Frauen mehr Schutz. Der Polizeipsychologe, Profiler und Psychotherapeut Prof. Adolf Gallwitz spricht von einem „unheimlich hohen Niveau an Gewalt in bundesdeutschen Familien.“ Kinder erleben mit, wie der Vater auf die Mutter eindrischt: Solche Vorfälle traumatisieren Kinder, und das hat Folgen, erklärt Gallwitz. Das Verhalten setzt sich im schlechten Fall über Generationen hinweg fort. Entwickelt sich ein Kind parallel zu einer extrem kränkbaren Persönlichkeit, die Gefühle schwer kontrollieren kann – dann kann aus diesen und weiteren Faktoren eine sehr gefährliche Mischung entstehen.

Am Anfang einer Beziehung scheinen diese Dinge so weit entfernt wie der Neptun von der Erde. Irgendwann dann wendet sich das Blatt.

Auf keinen Fall einfach die Koffer packen und Knall auf Fall ausziehen, rät Prof. Gallwitz: Betroffene sollten unbedingt fachlichen Rat einholen, bevor sie handeln.

Das Landeskriminalamt rät, bereits bei der ersten Straftat Anzeige zu erstatten. Auch Bedrohungen sind strafbar, nicht nur Gewaltdelikte.

Bei Morddrohungen oder akuter Gewalteskalation: Sofort den Notruf wählen. Dazu rät das Landeskriminalamt.

Macht und Abhängigkeit: Das Opfer schweigt

Die Realität sieht anders aus. Die Opfer schämen sich, sind abhängig vom Täter, fühlen sich ihm ausgeliefert – und schweigen. Sie wollen seinem Versprechen glauben, es sei nur ein Ausrutscher gewesen, es komme nie wieder vor, es tue ihm leid. „Oft werden die Abstände zwischen den einzelnen Gewaltausbrüchen kürzer und die Schwere der Gewalt nimmt zu“, so beschreibt das Landeskriminalamt einen typischen Verlauf.

Während eine Betroffene viel Energie darauf verwendet, nach außen das Bild einer heilen Familie aufrechtzuerhalten – weiß vielleicht längst das ganze Haus Bescheid. Nachbarn, Freunde und Angehörige können helfen, indem sie signalisieren: Wir sind nicht so nichtsahnend, wie du denkst. Menschen im Umfeld sollten das Opfer ermutigen, fachlichen Rat in Anspruch zu nehmen und Anzeige zu erstatten, heißt es beim LKA. Fachleute am Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (siehe Infobox) beraten auch Angehörige und andere mittelbar von häuslicher Gewalt Betroffene.

Katharina K. hatte auch Anzeige erstattet, das kam in der Gerichtsverhandlung gegen ihren ehemaligen Lebensgefährten und Mörder Daniel E. zur Sprache.

Adolf Gallwitz: „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit."


Die (Ex-)Partnerin getötet: Frühere Fälle

Kernen/Schwaikheim/Waiblingen. Ein 70-Jähriger hat im Juli seine Ehefrau in Stetten getötet. Das Verfahren gegen ihn ist inzwischen laut der Staatsanwaltschaft Stuttgart eingestellt worden: Der Mann war wegen eines bösartigen Hirntumors, der sein Wesen veränderte, nicht schuldfähig.

Die 69-jährige Frau des Mannes war früher bei der Polizei tätig gewesen. Sie kam am 21. Juli dieses Jahres gewaltsam zu Tode. Ihr Ehemann begab sich danach zusammen mit einer Nachbarin von sich aus zum Polizeirevier Waiblingen. Der Mann habe einen seltsamen Eindruck gemacht, hieß es seinerzeit im Polizeibericht; schon von Anfang an war die Rede davon, dass es sich um eine Tötung in schuldunfähigem Zustand gehandelt haben könnte.

Ein Rentner aus Schwaikheim ist vor zweieinhalb Jahren zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, weil er seine Frau erwürgt hatte. Die Frau hatte sich trennen wollen, nachdem ihr Mann sie über lange Zeit hinweg drangsaliert und übel gedemütigt hatte. Als ein Gericht den Mann zum Auszug verpflichtete und ihm klarwurde, er werde nach der Trennung Unterhalt für seine Frau zahlen müssen, kam es zum Äußersten. Der Mann, so hieß es vor Gericht, würgte die Frau so lange, bis sie tot war.

Bereits sieben Jahre liegt ein weiterer Mordfall zurück. Kurz nach Weihnachten 2011 starb eine damals 47-jährige Frau in Waiblingen. Sie hatte sich von ihrem Mann, mit dem sie schon nicht mehr zusammenlebte, scheiden lassen und ihren neuen Freund heiraten wollen. Das Landgericht sah es als erwiesen an, dass ihr Ehemann sie aus Enttäuschung, Eitelkeit und Eifersucht ermordet und anschließend versucht hatte, einen Suizid der Frau vorzutäuschen.


Ausmaß der Gewalt: "Enorm hoch"

  • 19 Frauen sind 2017 in Baden-Württemberg von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Drei Männer starben durch Gewalt innerhalb einer Beziehung.
  • Für kurze Zeit sorgten diese bundesweiten Zahlen für Aufsehen: 2017 wurden 147 Frauen in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Statistisch ist also in Deutschland alle zweieinhalb Tage eine Frau auf diese Weise gestorben.
  • Die Zahlen zu Einsätzen der Polizei wegen Gewalt im familiären Umfeld haben nur sehr begrenzten Aussagewert: Die Dunkelziffer ist hoch. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei im Rems-Murr-Kreis 289 Einsätze dieser Art. Dieses Jahr wird sich die Zahl voraussichtlich etwa auf Vorjahresniveau bewegen, so Polizei-Pressesprecher Holger Bienert.
  • Ein Vergleich mit der Zahl der Einsätze im Jahr 2015 legt nahe, dass der Rems-Murr-Kreis einen deutlichen Rückgang dieser Art Einsätze zu verzeichnen hat. Damals registrierte die Polizei 434 Einsätze wegen häuslicher Gewalt im Kreis – aber, so Holger Bienert: „Die Zahl aus 2015 ist sehr hoch und nicht ganz repräsentativ, da in jenem Jahr teils viel zu niederschwellig erfasst wurde.“
  • Im Jahr 2016 rückte die Polizei im Kreis 345 Mal wegen häuslicher Gewalt aus.
  • Als „enorm hoch“ bezeichnet das Bundesfamilienministerium das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen. Im Zuge einer inzwischen ein paar Jahre alten Studie gaben rund 22 Prozent der befragten Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren an, körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt zu haben.
  • Im Rems-Murr-Kreis ist im Lauf der Jahre ein weit verzweigtes Hilfenetz für Opfer von häuslicher Gewalt entstanden. Ansprechpartner ist unter anderen das Caritas-Zentrum in Waiblingen, Telefon 0 71 51 / 17 24-28.
  • Die Fachberatungsstelle Gewaltprävention in Waiblingen vermittelt Hilfe für Menschen, die gewalttätig geworden sind und etwas gegen diese Verhaltensweisen tun wollen, Telefon 0 71 51 / 1 66 89-82
  • Das bundesweite, kostenfreie Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Frauen ist immer besetzt. Die Nummer lautet: 08000 116 016