Rems-Murr-Kreis

Zwei statt elf Standorte in Waiblingen

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Landratsamt: Zwei statt elf Standorte in Waiblingen_0
Der sogenannte „Pagodenbau“ am Alten Postplatz in Waiblingen stammt aus den 80er Jahren. Der SPD-Kreisrat Jürgen Hestler bezweifelt, dass dieses Gebäude sanierungsfähig ist. Das Landratsamt widerspricht. © Büttner / ZVW
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Sanierung Landratsamt Waiblingen

Waiblingen. Mehr als 100 Millionen Euro kosten ein Neubau und die Sanierung des Landratsamtes in Waiblingen. Einer weit überwiegenden Mehrheit der Kreisräte ist es die Summe wert, um die heute über elf Standorte verteilte Kreisverwaltung eines Tages an zwei Standorten zu konzentrieren und moderne Arbeitsplätze für rund 760 Beschäftigten zu schaffen. Es gibt aber auch Kritik.

Die Gesamtimmobilienkonzeption der Kreisverwaltung am Standort Waiblingen ist eine lange Geburt. Das Baby soll aber nicht auf einen Schlag das Licht der Welt erblicken, sondern in Etappen. Dies ermöglicht dem Kreistag, nach- und umzusteuern, sollte das Projekt aus dem Ruder laufen oder dem bereits heute stark verschuldeten Kreis das Geld ausgehen, begründete Landrat Richard Sigel den Stufenplan.

  • Etappe eins: Die Kreisbaugesellschaft erstellt in der Rötestraße ein Gebäude für 180 Beschäftigte und vermietet es an den Landkreis. Es soll unter anderem vom Gesundheitsamt bezogen werden, das derzeit in der Kreissparkasse untergebracht ist und ausziehen muss (Kosten: 17,6 Millionen Euro).
  • Etappe zwei: Kernsanierung der Tiefgarage und Erweiterung des Landratsamtes auf dem heutigen Parkdeck (29 Millionen Euro).
  • Etappe drei: Kernsanierung des denkmalgeschützten Altbaues aus der 50er-Jahren (24,4 Millionen Euro).
  • Etappe vier: Kernsanierung der sogenannten Pagode, dem Landratsamt aus den 80er-Jahren (29 Millionen Euro).

Bei der Kreistagssitzung in Berglen schaute der CDU-Fraktionsvorsitzende Reinhold Sczuka zunächst nochmal zurück und erinnerte an die Pläne, auf dem Areal des Waiblinger Krankenhauses einen Neubau für das Sozialdezernat zu errichten. „Wir hätten damit die nun mögliche Zukunftschance vertan“, sagte Sczuka. „Es ist mehr als richtig, den Kreisverwaltungsstandort Waiblingen zukunftsfähig zu machen.“ Das Gute und Bezeichnende am Konzept sei, dass die Umsetzung stufenweise und nach Haushaltslage angegangen werden könne.

„Es besteht ein dringender Handlungsbedarf“, stellte SPD-Fraktionschef Klaus Riedel fest. Zu lange seien wichtige Maßnahmen auf die lange Bank geschoben worden. „Die Entscheidung für mehr Wohnungsbau auf dem Krankenhausgelände kam später, aber sie ist richtig.“

Die SPD spreche sich für einen Architektenwettbewerb aus, bei dem nicht nur den Verkehr untersucht werden, sondern auch die Frage geklärt werden müsse, ob der Pagodenbau saniert oder abgerissen werden soll. Riedel sprach sich darüber hinaus für einen „Masterplan zur Erstellung von bezahlbarem Wohnraum im Rems-Murr-Kreis“ aus.

Ungeheuerlich fand der Waiblinger Oberbürgerbürger und FW-Kreisrat Andreas Hesky die Bemerkung von Riedel, dass das Bosch Kunststoffwerk an der Rötesstraße nicht auf alle Ewigkeit festgeschrieben sei und auf dem Areal eines Tages Wohnungen gebaut werden könnten. Schon in der Vergangenheit hatte Bosch mit einem Umzug nach Stuttgart-Feuerbach geliebäugelt. Hesky widersprach: „Die Stadt ist nicht interessiert an Wohnbau auf dem Bosch-Areal.“ Sie werde alles daran setzen, Bosch in Waiblingen zu halten.

Der Neubau als Aushängschild für die Bauausstellung 2027

Die Immobilienkonzept des Landratsamtes ist zu Heskys voller Zufriedenheit: 40 Wohnungen auf dem Krankenhausareal einerseits, eine städtebauliche Weiterentwicklung am Alten Postplatz andererseits. Der Oberbürgermeister schielt bereits auf die Internationale Bauausstellung 2027. Unter dem Gesichtspunkt moderne Arbeitswelten könne der Neubau auf dem Parkdeck bei der IBA eine gewichtige Rolle spielen.

Christel Brodersen sieht das Immobilienkonzept vor allem unter dem Gesichtspunkt, wie das Landratsamt auch in Zukunft ein attraktiver Arbeitgeber sein kann. Derzeit seien dies die Arbeitsplätze nicht, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen: „Mit den Sanierungen und dem Neubau haben wir die Möglichkeit, uns auf die Herausforderungen der Zukunft einzustellen.“

Während Andreas Hesky sich für ein drittes Untergeschoss bei der Tiefgarage aussprach, warnte Brodersen vor einem zu üppigen Angebot an Parkplätzen, das zum Individualverkehr einlade. Die beiden künftigen Standorte seien schließlich für Mitarbeiter wie auch Besucher gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Zweifel an den Berechnungen des Landratsamtes

Ulrich Lenk plädierte jedoch für ein Parkplatzangebot, das auch bei steigenden Mitarbeiterzahlen auskömmlich sei. Der Vorsitzende der FDP-FW-Fraktion hegt aber Zweifel an den Berechnungen des Landratsamtes, welche Variante die günstigere sei. Angesichts des Zeithorizonts bis 2075 könne die Weisheit strapaziert werden „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“.

Rundweg abgelehnt wird die Immobilienkonzeption von der der AfD/Kreistagsgruppe und Unabhängigen. Christian Throm bezweifelte, dass das Projekt stufenweise realisiert werden kann, und wies auf die Schulden für das Klinikum in Winnenden hin.

Für das Projekt ausgesprochen hat sich auf die Gruppe Die Linken/ÖDP. Stephan Kober schlug den Bogen von der Immobilienkonzeption zum ÖPNV und Straßenverkehr. Statt die Kreisstraßen jährlich mit sechs Millionen Euro zu sanieren und ausbauen, sollte der Landkreis das Geld in ein Sozialticket investieren. „Denn Mobilität und auch Integration ist in einer modernen Gesellschaft Voraussetzung für die diskriminierungsfreie Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben.“


Die Kritik des SPD-Kreisrats Jürgen Hestler

SPD-Kreisrat Jürgen Hestler hegt den Verdacht, dass das Landratsamt beim Immobilienkonzept solange rechnen ließ, bis das Ergebnis passte. Um den Kreisräten die Entscheidung für die Variante Rötestraße zu erleichtern, wurden die „Lebenszykluskosten“ der drei Varianten bis 2075 gegenübergestellt. Variante 0 – kein Neubau auf dem Parkdeck und lediglich Erhaltungsmaßnahmen im Altbau und in der Pagode – ergibt Kosten von insgesamt 400 Millionen Euro. Bei der vom Kreistag favorisierten Parkdeck-Lösung summieren sich die Kosten auf 382 Millionen Euro.

Für Hestler ist diese Rechnung allzu durchsichtig: Öffentliche Gebäude über 50 Jahren abzuschreiben, sei ungewöhnlich. Üblich seien 35 Jahren. Sein Verdacht: Bei 35 Jahren hätte nicht etwa die Parkdeck-Lösung die Nase vorn gehabt, sondern die Variante 0. Auf 50 Jahre gerechnet schlagen allein die Mietkosten mit 184 Millionen Euro ins Kontor.

Das Landratsamt widerspricht Hestlers Darstellung in einer Stellungnahme: „Aus unserer Sicht es realistischer, Bürogebäude mit einer Nutzungsdauer von 50 Jahren zu rechnen.“ Das entspreche den Erfahrungswerten, verweist das Landratamt auf den Altbau, der bereits seit 60 Jahre bestehe.

Hestler kritisierte ferner den Ansatz, den Pagodenbau zu sanieren. Er vermutet, dass ein Abriss günstiger wäre. Ein Gutachten von Drees und Sommer habe bereits 2016 aus mehreren Gründen ergeben, dass eine Sanierung wirtschaftlich und sinnvoll sei, widerspricht das Landratsamt. Erstens: Ein Neubau wäre nicht günstiger. Zweitens: Die Zahl der Arbeitsplätze kann bei einer Sanierung erhöht werden, indem Lichthöfe geschlossen werden. Drittens: Das Landratsamt Rems-Murr verfolge nicht das Ziel, neu zu bauen, „sondern eine möglichst wirtschaftliche und im Hinblick auf die Kreisfinanzen stufenweise umsetzbare Lösung zu erarbeiten.“