Remshalden

Anwohner kritisieren den Plan eines Heims für psychisch Kranke in Remshalden

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Anwohner des Weraheimes kritisieren die Planungen, im Park des Heimes ein Heim für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu bauen. © Gaby Schneider

Kerstin Waibel, Gerhard Pilgram und Henriette Huber-Oesterle sitzen zusammen mit Günter Dzierzawa an dessen Esstisch. Hinter ihnen die breite Fensterfront, durch sie hindurch hört und sieht man die hohen Birken rauschen und wiegen. Die stehen am nordwestlichen Ende des Weraheim-Parks.

Allerdings könnte es bald vorbei sein mit dem Rauschen und Wiegen, wenn hier die Evangelische Gesellschaft und das Rudolf-Sophien-Stift umsetzen, was sie geplant haben: Hinter den historischen Mauern soll ein teils geschlossenes Wohnheim für 24 Bewohner mit psychischen Erkrankungen entstehen, die vor Ort rund um die Uhr betreut werden.

Gemeinsam würden Sozialpädagogen, Gesundheits- und Krankenpfleger, Heilerziehungspfleger, Ergotherapeuten und Hauswirtschaftskräfte daran arbeiten, den Betreuten einen entsprechenden Rahmen zu bieten.

Neuer Bebauungsplan soll für Parkgelände erstellt werden

Um die Grundlage für dieses Vorhaben zu schaffen, hat der Gemeinderat zuletzt beschlossen, dass ein neuer Bebauungsplan für das Gelände des Parks aufgestellt werden soll.

Das finden die Anwohner für ihr Quartier keinesfalls erstrebenswert und haben sich nun zusammengeschlossen, um mittels einer Unterschriftenliste und eines Briefes an die Gemeinde ihre Ablehnung gegenüber dem dort geplanten Heim auszudrücken.

In ihrer Kritik gehe es ihnen keinesfalls darum, die Erkrankten auszugrenzen, erklären die Sprecher der Anwohner. Man sei von der Jugendhilfeeinrichtung, die bereits seit langer Zeit im Weraheim untergebracht ist, schließlich schon einiges gewohnt.

Natur und Freizeitgelände in Gefahr

Vielmehr sorge man sich unter anderem um die Natur, die mit der Bebauung des Weraheim-Parks zerstört würde. „Das ist ein echtes Biotop hier“, findet Günter Dzierzawa. Es sei unglaublich, wie viele verschiedene Vogelarten und auch Eidechsen entlang der historischen Mauer zu beobachten seien.

Auch Henriette Huber-Oesterle, die hier aufgewachsen ist und bis heute hier wohnt, kennt das Viertel in- und auswendig: Der Nachwuchs der Nachbarschaft nutze seit Jahrzehnten gerne den Bolzplatz im Park. Außerdem liefen viele Kinder hier entlang zur Schule. Würde das Heim hier errichtet, würde nicht nur die Fläche zum Fußballspielen und Toben wegfallen.

Enge Straße wird noch stärker belastet

Auch würde die Ecke viel weniger übersichtlich und damit auch gefährlicher für die Abc-Schützen werden, wenn hier die Anfahrt durch Mitarbeiter, Patiententransporte sowie die Anlieferung für die Küche und die medizinische Versorgung abgewickelt würden.

Die Anwohner können nicht verstehen, weshalb die Anlieferung laut der aktuellen Pläne ausgerechnet in Richtung der ruhigen und besonders schmalen Hölderlinstraße erfolgen soll. „Hier gibt es jetzt schon kaum Parkplätze und Raum zum Rangieren“, ergänzt Dzierzawa. Die Müllabfuhr beispielsweise fahre deshalb die Werastraße nur rückwärts bis zum Schnittpunkt mit der Hölderlinstraße an.

Anwohner wünschen sich mehr Transparenz

Und: Würde das Heim gebaut - es würde wieder einmal Boden in der Fläche eines Fußballfeldes versiegelt werden, gibt Kerstin Waibel, die früher in der Nähe des Weraheimes aufgewachsen ist und heute als Architektin arbeitet, zu bedenken.

Sie ist davon überzeugt, dass es an anderer Stelle im Rems-Murr-Kreis das Potenzial geben muss, auf bereits bebauter Fläche ein solches Heim umzusetzen – wenn auch womöglich von einem anderen Träger.

Kritik auch an kurzfristiger und unpersönlicher Einladung

Zwar ist klar, dass Landkreis und Kommunen ein Heim wie das geplante vorhalten müssen – das wurde auch im Rahmen der ersten öffentlichen Gemeinderatssitzung zu dem Thema im April deutlich –, an welcher Stelle das aber realisiert wird und mit welchem Träger, hängt von den Bewerbungen und der Kooperationsbereitschaft der einzelnen Betreiber ab.

Die Anwohner sind deshalb der Meinung, dass offengelegt werden sollte, welche Bewerber mit welchen Standorten noch im Gespräch waren und nach welchen Kriterien die Auswahl getroffen wurde.

Außerdem kritisieren sie die kurzfristige und unpersönliche Einladung übers Mitteilungsblatt. So mancher Anwohner habe zu spät von der Veranstaltung erfahren.

Willen der Stifterin des Geländes beachten

Würde das Projekt am unteren Ende des Weraheims zur Durchgangsstraße hin orientiert werden, die Anwohner hätten damit weniger Probleme. Allerdings sollte eines vielleicht doch noch bedacht werden, findet Waibel, die sich als Architektin hauptsächlich ums Bauen im Bestand kümmert: der Wille der Stifterin.

Immerhin hatte Herzogin Wera Konstantinowa einst das Gelände für ein Heim für „gefallene Mädchen“ gestiftet, es sei also grundsätzlich für Kinder in schwierigen Lebenslagen gedacht gewesen. Ein Heim für Menschen mit psychischer Erkrankung sei durchaus eine andere Hausnummer.

Und so kritisieren die Anwohner in ihrem Brief, „dass hier junge Menschen, deren Ideale, Werte und Sozialverhalten noch gefestigt werden müssen, auf eine geschlossene Einrichtung mit psychisch labilen Menschen treffen“.

Sorge: Wertverlust der Grundstücke und Immobilien

Und natürlich gehe es den Anwohnern, die an der Hölderlinstraße durchaus privilegiert, am Rande des historischen Parks leben, auch um etwas anderes. Daraus machen sie keinen Hehl: Sie sorgen sich auch darum, dass ihre Grundstücke und Immobilien angesichts der dann entstehenden Enge an Wert verlieren könnten.

Kerstin Waibel, Gerhard Pilgram und Henriette Huber-Oesterle sitzen zusammen mit Günter Dzierzawa an dessen Esstisch. Hinter ihnen die breite Fensterfront, durch sie hindurch hört und sieht man die hohen Birken rauschen und wiegen. Die stehen am nordwestlichen Ende des Weraheim-Parks.

Allerdings könnte es bald vorbei sein mit dem Rauschen und Wiegen, wenn hier die Evangelische Gesellschaft und das Rudolf-Sophien-Stift umsetzen, was sie geplant haben: Hinter den historischen Mauern

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