Remshalden

Beim Weingut Häfner: Mittsommer wegen Corona in zwei Schichten

mitsommer
Vorbildlich, aber eigentlich draußen gar nicht vorgeschrieben: Mittsommerfest mit Mundschutz. © Palmizi

Endlich wieder: ein Fest! Im Freien, mit Sonne und 23 Grad, am längsten Tag des Jahres. Kaum zu toppen, daher komplett ausgebucht. „Nur noch Zutritt mit bestätigter Reservierung“ informiert das erste sichtbare Schild vor dem Eingang zum Mittsommerfest im Corona-Jahr.

„Hal-looo-ho, ich bin euer Check-in“, ist Winzerin Sylvie Häfner-Hutt ganz Frohnatur. Das Telefon klingelt, immer noch wollen sich Leute anmelden, sie muss vertrösten. Nur wer sich vorher angemeldet hat, nimmt teil am Mittsommerfest des Weinguts, das dieses Jahr so ganz anders ist, von Gästen aber unverändert als „hoimelig“ empfunden wird. Ein Schwung Gäste nähert sich, die Winzerin hält ihnen Bleistifte und Zettel entgegen. Und empfängt wieder mit singender Fröhlichkeit: „Hallo, wie heißt ihr? Habt ihr eure Kontaktbögen dabei?“

Zweimal 99 Gäste können einchecken am dreirädrigen Ape-Kleintransporter, der normalerweise für Sektempfänge genutzt wird. Heute also: Namen abhaken, Kurzbriefing zu den Coronaregeln. Die meisten haben sich im Vorfeld schon schlaugelesen, wissen, dass der Mundschutz außen unten bleiben darf, auf der sanitären Einbahnstraße zum WC und durch die Garderobe zurück muss er getragen werden.

Normalerweise viel mehr Gäste

Doppelt oder dreifach so viele Gäste kommen normalerweise hier hineingeströmt auf den Hof, vergangenes Jahr seien 800 Leute da gewesen, so Sylvie Häfner-Hutt. Mit Corona lasse sich nur in zwei Schichten und personenreduziert feiern: Die ersten Gläser müssen bis 18 Uhr geleert sein, dann wird die zweite Hälfte zu den Tischen unter Palmen, Obstbäumen, neben der Presse oder im Kinderbereich geführt – pro Tisch drei Haushalte oder zehn Personen. Martina Hoffmann und Björn Feddeler aus Großheppach stört das Procedere nicht im Geringsten. „Wir sind gerade zurückgekehrt vom Urlaub an der Mecklenburger Seenplatte. Mit Mundschutz kann man leben“, sagt sie. Es überwiege die Freude, „mal wieder rauszudürfen“. Viele Feste fallen aus. „Wir haben die Online-Weinprobe bei Häfners mitgemacht, aber es ist nicht dasselbe wie Weintrinken unter Menschen.“

Coronakonform mit viel Abstand zwischen den Tischen

Die Erlaubnis für das Fest sei kurzfristig gekommen, lässt die Winzerin wissen. Corona habe sie, die Familie, Mitarbeiter und Helfer Spontaneität gelehrt. „Wir mussten mehr abwägen, aber trotzdem schnell sein, um auf die Änderungen zu reagieren.“ Zu Wochenbeginn habe für sie noch Maskenpflicht bestanden, inzwischen nicht mehr – vorausgesetzt, es werde ausreichend Abstand gehalten.

Das Mühsamste sei die Umstellung auf das Reservierungssystem und die zeitliche Taktung gewesen. „Wir haben Anfragen beantwortet, Bestätigungen verschickt mit Anfahrt, Kontaktblatt und Coronaregeln“, listet sie auf. Tische, Schirme, Stühle: mit viel Abstand dazwischen, coronakonform luftig angeordnet. Der halbvolle Hof strahlt für die Stammgäste Renate Göltz aus Hebsack und Annerose Steinle aus Winterbach dennoch die Behaglichkeit aus, die sie suchen. „Gmiadlich, hoimelig isch’s hier immer“, meint Renate Göltz. „Viel Trubel brauchen wir eh nicht mehr“, ergänzt die Freundin. In Festles-Vorfreude hätten sie ihre feste Spazierrunde gedreht, einem lange vermissten Viertele in Gesellschaft entgegen. „Was jetzt außen angeboten wird, muss man nutzen.“

mittsommer2
Die Gäste finden’s auch in Coronazeiten sehr gemütlich und heimelig im Weingut Häfner. © Palmizi


Bei Familie Häfner hatte man zuletzt nicht mehr damit gerechnet, dass das Fest über die Bühne gehen kann. Umso froher seien sie, auch den Bands, die seit Jahren spielen, nicht absagen zu müssen. „Sie waren spontan und freuen sich mit uns zusammen“, so Sylvie Häfner-Hutt. Sängerin Nicole Ebinger und Gitarrist Dennis Mager vom Akustik-Duo „Six Strings, Voice sings“ schaffen Atmosphäre mit Rock, Pop und Funk: Aktuelleres von Natasha Bedingfield mischen sie mit der Ära „Janis Joplin“. „Wir sind gespannt, wie die Stimmung mit weniger Publikum überspringt, aber die Leute hier gehen immer gut mit“, sagt die Sängerin.

Auflagen machen der Gastgeberin keine Sorgen

Ein banges Gefühl, wie alles wird mit den Auflagen, hatte auch die Gastgeberin in keiner Sekunde. „Unsere Gäste sind immer super und ich hatte wegen der Auflagen wenig Sorgen, eher wegen dem Wetter.“ Doch das holt zum großen sommerlichen Schlag mit vielen Sonnenstunden aus: Auf dem Remstalradweg wuselt es entsprechend und immer wieder bleiben Radler und Spaziergänger vor dem Weingut stehen, dem man ansieht, dass hier ein Festle steigt. Ein Senioren-Ehepaar probiert sein Glück. „Dürfen wir reinkommen, nur kurz was essen, in einer Stunde sind wir fort.“ Man merkt Sylvie Häfner-Hutt ihr Bedauern an, ihnen nur ein herzliches Lachen schenken zu dürfen: „Nicht bös’ sein, aber das ist leider Corona“, meint sie. Und ruft hinterher: „Nächste Woche ist unser Besen wieder auf.“

Kein Feuer

Noch eine Einschränkung gibt es: Mit dem Sonnwendfeuer wird es nichts, da die Personenzahl nicht kontrollierbar gewesen wäre. Doch nichts kann der Festfreude irgendetwas anhaben. „Ans Schilderlesen und Zettelausfüllen haben wir uns gewöhnt“, sagt Oliver Kunze aus Geradstetten. Doch der Geselligkeits-Entzug mache sich allmählich bemerkbar. „Der Kontakt zu anderen Leuten hat gefehlt“, sagt sein Bekannter Ralf Ziesel aus Welzheim. Er freue sich auf die erste Livemusik und das erste Getränk im Freien dieses Jahr. „Wir genießen es, draußen zu sitzen bei dem Wetter und mal wieder Freunde zu treffen.“