Remshalden

Erzieherin Sandra Gaupp spricht Klartext: 28 Kinder pro Erzieherin sind eine Zumutung

Gaupp
Sandra Gaupp spricht für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, wenn sie sagt: „Die Strukturen müssen geändert werden!“ © Büttner

Sandra Gaupp traut sich etwas. Die Erzieherin, die „mit Herzblut“ – wie sie selbst sagt – als Gruppenleiterin und künftig auch als Ausbilderin arbeitet, findet nämlich, dass es so nicht weitergehen kann. Sie weiß: „Viele Erzieher sind aufgrund der gesamten Situation chronisch erschöpft. Die Arbeitsbelastung ist enorm gestiegen.“

Förderbedarf steigt stetig

Zum einen, weil es mehr Aufgaben gebe als je zuvor: Die Organisation der Corona-Tests, die Dokumentation der Arbeit und nicht zuletzt die pädagogische Begleitung der Kinder mit erhöhtem Förderbedarf, deren Zahl nach ihrer eigenen Beobachtung immer weiter steigt. Zudem ist die Altersspanne in den Gruppen breit wie nie.

Kinder zwischen zweieinhalb und sieben Jahren werden häufig gemeinsam betreut, zusätzlich unterschieden sich die Kinder immer stärker, was Sprachkompetenz und Bildungsstand betrifft.

Unauffällige Kinder laufen einfach mit

Gleichzeitig wurde die Festlegung, wie groß eine Gruppe sein darf, „seit Ewigkeiten“ nicht angepasst – ganz gleich, welche Kinder in einer Gruppe sind. „Die Erzieher haben so häufig das Gefühl, keinem Kind mehr gerecht zu werden. Denen mit erhöhtem Förderbedarf nicht und denen, die eine „unauffällige“ Entwicklung durchmachen, auch nicht.“

Zwangsläufig liege der Fokus auf den Kindern, die die Erzieher mehr fordern, um Krisen in der Gruppe erst gar nicht entstehen zu lassen. Dann allerdings reichten Zeit und Kraft nicht mehr für die Kinder aus, die „funktionierten“. Dabei bräuchten auch sie liebevolle Aufmerksamkeit, da ist sich Sandra Gaupp sicher. So sei die aktuelle Situation aber vor allem frustrierend und anstrengend - für alle Beteiligten.

Was soll Kita sein: Aufbewahrungsanstalt oder Bildungseinrichtung?

Die Kita verkomme mit dieser Politik zu einem reinen Aufbewahrungsort ohne jegliche pädagogische Ansprüche mit dem Ziel, die Wirtschaftskraft der Eltern zu erhalten. Würde tatsächlich umgesetzt, was der Gemeindetag zuletzt empfohlen hat, nämlich die zulässige Gruppengröße auf 28 Kinder auszuweiten, die von einer Fachkraft betreut würden, - Sandra Gaupp würde, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, wohl kündigen.

Und das, obwohl sie ihren Beruf wirklich liebt. Aber eben als pädagogisch ausgebildete Fachkraft. Und so will sie, wie ihre Kolleginnen und Kollegen, auch gesehen werden. Wird empfohlen, „geeignete ungelernte Personen“ einzusetzen, um Betreuungslücken zu stopfen, fühlten sie sich als Fachkräfte weder wahr- noch ernst genommen. „Wofür lerne ich dann so lange meinen Beruf?“

Kita als Lebenraum braucht Ruhe

Und Sandra Gaupp ist sich sicher, dass Kinder genau diese gut ausgebildeten pädagogischen Erzieherinnen und Erzieher dringend brauchen. „Wir sind die ersten Bezugspersonen nach den Eltern und Großeltern.“ Die Kita sei ein wichtiger Lebensraum, in dem vor allem Bindungsarbeit geleistet würde. Beziehungen sollen aufgebaut werden.

„Wir wollen den Kindern helfen, feste Wurzeln zu entwickeln.“ Deshalb mag sie den alten Begriff, der „Kindergärtnerin“ eigentlich ganz gern. „Wir hegen und pflegen und düngen, schauen beim Wachsen zu.“ Unter den beschriebenen Bedingungen sei das aber extrem schwierig. Um so arbeiten zu können, brauche es Ruhe, Geduld und Gelassenheit. Selten sei das in den straffen Arbeitstagen zu finden.

Streiks: Logische Konsequenz

Dass nun immer wieder gestreikt werde, sei eine logische Konsequenz. „Und ja, jeder Erzieher versteht die Sorgen und Nöte, die Eltern durch einen Streik entstehen. Andererseits wäre es schön, wenn die Eltern auch die Sorgen und Nöte der Erzieher ernst nehmen und einmal nicht diesen die Schuld geben, sondern hinschauen würden, woher die Streikursachen kommen“, fasst sie zusammen.

Gaupp ist der Meinung, die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher müsse reformiert werden. Zwar gebe es schon den Studiengang „Kindheitspädagogik“, allerdings müssten die Absolventinnen und Absolventen auch als solche bezahlt werden.

Erzieherinnen fehlt die Erholung: Orientierung an Grundschule sinnvoll?

Und noch etwas: „Jeder, der Vollzeit mit Kindern arbeitet, sollte ein Recht auf gleiche Erholungsphasen haben.“ Sie könne es nicht verantworten, „diesen schönen Beruf“ jemandem nahezulegen, der aufgrund von Schulabschluss und Eignung auch beispielsweise Grundschullehrer werden könne. „Denn da stimmen Anerkennung, Erholung und Bezahlung in einem viel höheren Maße als im Sozial- und Erziehungsdienst.“

Was helfen könnte? Sandra Gaupp und viele Kolleginnen und Kollegen wünschen sich, vom Land bezahlt und angestellt zu werden. „Dies brächte uns nicht ständig in die Mühlräder zwischen Eltern und Träger, die ja in gewisser Weise von den Eltern abhängig sind.“

Die andere Seite: Personalausgaben der Kommunen steigen stetig

Stattdessen aber steigen der Rechtsanspruch der Eltern und auch die Personalausgaben der Kommunen immer weiter, während geeignetes Personal für die vielen aus dem Boden schießenden, neuen Kitas kaum zu finden ist. Das würde auf Dauer, so nimmt sie an, dazu führen, dass anderes auf der Strecke bleiben müsste. Dann könne man sich eben keine modernen Sportstätten, Freibäder oder ansprechenden Spielplätze mehr leisten.

Aktuell falle der Personalmangel aber vor allem auf die Erzieherinnen und Erzieher zurück. Häufig würde es in Krankheitsphasen darauf hinauslaufen, dass man sich von Seiten des Trägers vor allen Dingen dahingehend ausrichte, die Betreuungszeiten aufrechtzuerhalten. Dies aber auf Kosten des Wohls der Erzieherinnen und der Qualität der Betreuung. Die finde dann zwar im gewohnten zeitlichen Rahmen statt, aber mit einer knapperen Ausstattung an Erzieherinnen.

Wollen die Arbeit bestmöglich machen

Denn auch der Pool an Springerkräften, die in Krankheitsfällen zur Verfügung stehen, ist leer. Pädagogisches Arbeiten sei dabei kaum möglich. Das erschöpfe und frustriere enorm. „Wir wollen unsere Arbeit schließlich bestmöglich machen.“

Sie und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen erwarten von den Kommunen, nach oben hin Druck zu machen. „Die Städte und Gemeinden wehren sich zu wenig“, findet Sandra Gaupp, die sich in Remshalden auch als Gemeinderätin für die SPD-Fraktion engagiert, weshalb sie Einblick in den Haushalt und die Personalkosten hat. Sie kann daher durchaus auch die Situation der Träger gut nachvollziehen und findet deshalb: „Man muss gemeinsam (!) nach oben treten!“

Sandra Gaupp traut sich etwas. Die Erzieherin, die „mit Herzblut“ – wie sie selbst sagt – als Gruppenleiterin und künftig auch als Ausbilderin arbeitet, findet nämlich, dass es so nicht weitergehen kann. Sie weiß: „Viele Erzieher sind aufgrund der gesamten Situation chronisch erschöpft. Die Arbeitsbelastung ist enorm gestiegen.“

Förderbedarf steigt stetig

Zum einen, weil es mehr Aufgaben gebe als je zuvor: Die Organisation der Corona-Tests, die Dokumentation der Arbeit und

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