Remshalden

Fahrlässige Tötung der eigenen Freundin: Emotionale Verhandlung am Waiblinger Amtsgericht

amtsgericht Waiblingen
Verhandlungssaal im Amtsgericht Waiblingen. © Benjamin Büttner

Es war eine sehr emotionale Verhandlung, die am Mittwochmorgen am Waiblinger Amtsgericht stattfand. Ein 22-Jähriger war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Am Abend des 7. Oktober 2020 kam er mit seinem Auto auf der B 29 zwischen den Anschlussstellen Weinstadt-Beutelsbach und Remshalden-Grunbach von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Er erlitt mehrere Verletzungen, kam aber mit dem Leben davon. Seine Beifahrerin, mit der er bereits seit fünf Jahren zusammen war, verstarb kurz darauf im Krankenhaus.

Wie sehr der Angeklagte den Unfall bereut, wurde vor Gericht schnell klar. Er war sichtlich aus der Ruhe gebracht und konnte stellenweise kaum die Fassung bewahren. An den Unfallhergang konnte er sich nicht mehr erinnern, lag nach dem tragischen Vorfall selbst zwei Tage im Koma und insgesamt zwei Wochen unter anderem wegen mehrerer Brüche und einem kollabierten Lungenflügel im Krankenhaus. „Ich weiß noch, wie ich mit dem Auto in die Schule gefahren bin. Ab da fehlt’s mir“, sagte er. Erst zwei Wochen später setzte seine Erinnerung wieder ein. Das Autofahren vermeide er so gut es gehe, fahre nur zur Arbeit oder in die Schule.

Was war bei dem Unfall auf der B 29 genau geschehen?

Ein Ehepaar, das am besagten Abend um kurz vor 20 Uhr ebenso auf der B 29 unterwegs war, schildert den Vorfall wie folgt. Der Angeklagte habe sie in seinem Auto etwas zu schnell überholt. Der Zeuge hatte seinen Tempomat entsprechend der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 120 Kilometer pro Stunde eingestellt, der Angeklagte habe mit geschätzt 130 bis 140 Kilometern pro Stunde überholt. „Ich habe etwas Staub gesehen“, sagte der Mann, der hinter dem Angeklagten fuhr. Dann sei es ihm kurz so vorgekommen, als sei das Auto auf ihn zugekommen, bevor es nach rechts von der Fahrbahn abkam und in der Wiese verschwand. Seine Frau, die als Beifahrerin bei dem Vorfall dabei war, schildert ihn ähnlich.

Ein Sachverständiger, der das Auto nach dem Unfall auf Schäden untersucht hatte, ordnete den Vorfall vor Gericht ein. Das Auto sei in einem guten Zustand gewesen, der Unfall sei also nicht durch einen technischen Defekt verursacht worden. Anhand seiner eigenen Beobachtungen, der Beschreibungen der Zeugen und der Fotos von den Reifenspuren, die ein Polizist vor Ort gemacht hatte, konnte er den Unfallhergang dennoch erklären.

Geschwindigkeit machte keinen Unterschied

Der Angeklagte sei, vermutlich aufgrund einer kleinen Unachtsamkeit, kurz etwas von der linken Fahrbahn abgekommen. Dabei habe er ein wenig Schotter aufgewirbelt - das erkläre den Staub, den der Fahrer hinter ihm bemerkte - und schnell gegengelenkt. Um wieder auf die Fahrbahn zu kommen, habe er beim Lenken allerdings einen großen Einschlagwinkel benötigt. Diesen hätte er, um das Auto wieder gerade auszurichten, innerhalb von Sekundenbruchteilen korrigieren müssen. Das schaffte er aber nicht, und so rutschte sein Auto schräg zur rechten Seite quer über die Fahrbahn bis in die Wiese, wo es gegen den Baum prallte. Mit, so schätzt es der Sachverständige, etwa 50 oder 60 Kilometern pro Stunde. „Es war eine Extremsituation“, so der Experte. Der Angeklagte habe wohl im Schreck reagiert. Wäre er nicht zu schnell gefahren, hätte sich der Unfall seiner Einschätzung nach genauso zugetragen.

„Körperlich geht’s bergauf, aber psychisch bin ich am Arsch“, antwortete der Angeklagte auf die Frage von Richter Johannes Weigel nach seinem Zustand. Er vermisse seine Freundin, habe mehrere Gedenkorte für sie eingerichtet. Manchmal lege er sich bei ihrem Grabstein auf den Boden, stelle sich vor, seine Freundin sei da, und schlafe ein. „Am liebsten hätte ich sie neben mir.“ An die Mutter seiner toten Freundin gewandt, sagte er: „Es tut mir leid.“ Der Mutter, die als Nebenklägerin anwesend war, fiel die Verhandlung ebenso sichtlich schwer. „Du warst wie ein drittes Kind für mich“, antwortete sie dem Angeklagten auf seine Entschuldigung.

Keine Freiheitsstrafe

„Der Sachverhalt hat sich heute so bestätigt, wie in der Anklageschrift niedergelegt“, sagte der Staatsanwalt am Ende der Verhandlung. Die Fahrfehler des Angeklagten hätten zu dem bedauerlichen Tod seiner Freundin geführt. Zu seinen Gunsten sei zu bedenken, dass er nicht vorbestraft sei, auch im Verkehr vorher nicht aufgefallen war und er sichtlich unter der Tat leide. Eine Freiheitsstrafe hielt der Staatsanwalt nicht für notwendig. Er forderte stattdessen eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 20 Euro sowie die Kostenübernahme des Verfahrens und ein Fahrverbot von zwei Monaten.

„Man muss sehen, es steht keinerlei Absicht hier im Raum“, sagte der Anwalt der Nebenklage. „Keine Strafe der Welt bringt die Tochter zurück. Wenn überhaupt eine Strafe verhängt werden muss, wird dafür plädiert, dass sie gering ausfällt.“

Der Anwalt des Angeklagten sah die Fahrfehler seines Mandanten ein, merkte aber an, dass jede Strafe, die erfolgen würde, aufgrund des Leids des jungen Mannes eher als symbolisch zu betrachten sei. Er sprach sich für eine Strafe von 90 Tagessätzen à 20 Euro aus.

Tragischer Unfall

Richter Johannes Weigel verurteilte den Angeklagten letztlich zu einer Strafe von 100 Tagessätzen à 20 Euro, angepasst an sein Gehalt als Auszubildender. Zudem habe er die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen der Nebenklage zu tragen. Der Unfall sei sehr tragisch gewesen und die Fahrfehler des Angeklagten bestätigt, ein weiteres Fahrverbot hielt er aber nicht für notwendig. „Der Angeklagte ist schwer gezeichnet“, so der Richter. Er habe sich glaubhaft entschuldigt, und die Tat werde ihn für den Rest seines Lebens verfolgen. Wenn, dann sei er leicht zu schnell gefahren, das habe aber keine Auswirkungen auf den Unfall gehabt. Gegen das Urteil können noch Rechtsmittel eingelegt werden.

Es war eine sehr emotionale Verhandlung, die am Mittwochmorgen am Waiblinger Amtsgericht stattfand. Ein 22-Jähriger war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Am Abend des 7. Oktober 2020 kam er mit seinem Auto auf der B 29 zwischen den Anschlussstellen Weinstadt-Beutelsbach und Remshalden-Grunbach von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Er erlitt mehrere Verletzungen, kam aber mit dem Leben davon. Seine Beifahrerin, mit der er bereits seit fünf Jahren zusammen war, verstarb kurz

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