Remshalden

Familie Auricchio hat ukrainische Familie aufgenommen: So leben sie nun zusammen

Ukrainische Familie
Daria (28), Vira (46) und Emiliia (21 Monate) Kostenko neben Nonna Stella und Anna Maria Auricchio. © Gabriel Habermann

Da sitzen Vira Kostenko (46), ihre Tochter Daria (28) und die Enkelin Emiliia (21 Monate) nun auf einem sandfarbenen Sofa in Remshalden, in einem ruhigen Wohnviertel – zusammen mit Anna Maria Auricchio und ihrer pflegebedürftigen Mutter Nonna Stella. Geflohen sind die ukrainischen Frauen mit dem kleinen Mädchen aus dem umkämpften Charkow, haben ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde, Arbeitsstellen verlassen. Aus Angst, ihr Leben in Putins Krieg zu verlieren.

Daria erzählt mit Hilfe des Übersetzungsprogramms auf dem Handy: „Alles begann am 24. Februar. Wir standen vier Tage unter Beschuss, da war klar, dass es nur noch schlimmer werden würde.“ Als sie morgens aufwachten, hörten sie eine Durchsage. Es hieß, man müsse jetzt schnell laufen, weil es bald kein Essen mehr geben würde. Da entschieden sie schnell, packten das Nötigste zusammen, zogen sich und die Kleine an und baten einen Freund, sie zum Zug zu bringen.

Vermittlung zur Familie Auricchio funktionierte rasend schnell

Sie flohen weiter bis nach Lemberg. In einem Zentrum vor Ort seien alle Flüchtlinge aufgenommen worden, die wegwollten. Dort konnte der Kontakt zur Remshaldener Familie hergestellt werden. Anna Maria Auricchios Mann Camillo hatte sich nämlich kurz zuvor im Internet bei der Landesgeschäftsstelle der CDU in einem Portal angemeldet.

Sie hätten in ihrem Mehrfamilienhaus in Grunbach noch ein Zimmer frei, hatte er angegeben. Bad und Küche könnten Flüchtlinge solange mitbenutzen, bis sie eine eigene Wohnung finden würden.

Großmutter, Tochter und Enkelin zwei Tage später am Stuttgarter Hauptbahnhof

Dass sie schon zwei Tage nach dieser Meldung die kleine Familie aus Charkow am Stuttgarter Hauptbahnhof in Empfang nehmen würden, damit hatten sie allerdings nicht gerechnet. Aber da waren sie nun, am 4. März, um 17 Uhr auf dem Bahnsteig in Stuttgart: Großmutter Vira hatte ihre Enkeltochter auf dem Arm, Tochter Daria hielt ihre Sporttasche fest.

In Windeseile hatten Auricchios alles für die drei organisiert. Eigentlich wohnt ihre Tochter in dem Zimmer, wenn sie aus Freiburg zu Besuch kommt. Alles musste leergeräumt, das Zimmer für das Großmutter-Tochter-Enkelgespann hergerichtet werden. Und mit einem Mal ist ganz schön viel Leben in dem Haus in der Schurwaldstraße. Aber auch Leid, Trauer und Angst. „Sie weinen viel“, berichtet die Remshaldenerin. Die Ukrainerinnen telefonierten häufig, verfolgten die Nachrichten, seien unruhig.

Nachbarn haben Taschengeld für den Anfang zusammengesammelt

Ihre Nachbarn hatten Auricchios um einige Euro Spenden gebeten, damit die Familie sich die notwendigsten Dinge kaufen konnte, sobald sie angekommen waren. Schließlich konnten erst dann offizielle Hilfen finanzieller Art fließen, wenn sie registriert sind und außerdem ein Konto haben, was inzwischen übrigens geschehen ist.

Dass ihre Nachbarn derart großzügig sein würden, hätte Anna Maria Auricchio nicht gedacht. Tatsächlich kamen unbürokratisch 200 Euro als Startgeld zusammen. Eine große Hilfe für die zwei Frauen, die sich mit der kleinen Emiliia nun plötzlich in einer anderen Welt wiederfanden.

Italienische Kirche unterstützt Familie ungemein

Und: Richtig viel Unterstützung gab es auch von Seiten der italienischen Kirchen in Waiblingen und Schorndorf, berichtet Anna Maria Auricchio gerührt. Eine Waschmaschine haben sie so beispielsweise bekommen, schließlich sind sie nun plötzlich zwei Familien, eine davon mit Kleinkind, da reicht eine Maschine nur schwerlich aus. Auch Kleidung und Spielzeug für die kleine Emiliia wurde gebracht. Womöglich gibt’s die Aussicht auf eine kleine Arbeitsstelle.

Der Gedanken an Familie und Freunde in der Heimat macht Angst

Wie es ihrer Familie, ihren Freunden in der Heimat derzeit geht? Daria muss schwer schlucken, nickt und spricht in das Handyprogramm: „Die sitzen zu Hause in den Kellern, sie schießen dort, sie bombardieren, alles brennt.“ Drei Schwestern von Vira sind mit fünf Kindern in einem Keller verschanzt, essen Haltbares aus Dosen.

Das Milchpulver für das zweimonatige Baby geht langsam aus. Sie wagen sich nicht nach draußen. Daria und ihre Mutter haben Angst, dass ihre Lieben es nun nicht mehr schaffen, die umkämpfte Stadt zu verlassen.

Größter Wunsch: Zurück nach Hause

Gleichzeitig wollen Daria und ihre Familie nichts lieber, als wieder zurück in ihr altes Leben. Sie und ihre Mutter möchten arbeiten, leben, wo sie sich auskennen, in stabilen Zusammenhängen. Auf jeden Fall möchten sie auf eigenen Beinen stehen.

Sie habe sich nicht an die Zeitung gewendet, um mit ihrer Hilfsbereitschaft selbst gut dazustehen, erklärt Anna Maria Auricchio. „Das brauchen wir gar nicht. Wir wollen Mut machen, dass andere auch ihre Türen und Herzen öffnen, um zu helfen.“ Sie weiß: „Nicht nur wir geben etwas, die Familie gibt uns auch ganz viel.“ Sie verspüre so viel Kraft wie schon lange nicht mehr, und das, obwohl ihre Hände nicht mehr so wollten wie sie.

Mit der Bereitstellung von Schlafplätzen ist es nicht getan

Aber noch etwas motiviert sie: Sie weiß genau, wie es ist, mit einem Mal in einem fremden Land zu leben. Sie ist selbst 13-jährig als Tochter einer italienischen Gastarbeiterfamilie nach Stuttgart gekommen. Das sei nicht leicht gewesen, wenn auch kein Vergleich zu der Situation, in der sich die Ukrainerinnen jetzt befinden.

Es müsse aber auch jedem klar sein, dass es nicht nur mit der Bereitstellung von Schlafstätten getan ist. Immerhin müssen auch verschiedene bürokratische Aufgaben erledigt werden: die Anmeldung bei der jeweiligen Gemeinde, Eröffnung eines Kontos und Ähnliches. Hier könne man auch sicher seine Hilfe anbieten, wenn man selbst keinen Wohnraum zur Verfügung stellen könne.

Da sitzen Vira Kostenko (46), ihre Tochter Daria (28) und die Enkelin Emiliia (21 Monate) nun auf einem sandfarbenen Sofa in Remshalden, in einem ruhigen Wohnviertel – zusammen mit Anna Maria Auricchio und ihrer pflegebedürftigen Mutter Nonna Stella. Geflohen sind die ukrainischen Frauen mit dem kleinen Mädchen aus dem umkämpften Charkow, haben ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde, Arbeitsstellen verlassen. Aus Angst, ihr Leben in Putins Krieg zu verlieren.

Daria erzählt mit Hilfe

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