Remshalden

Friedensengel Lea und Hannah: Streitschlichter an der Realschule Remshalden

Streitschlichter
Hannah Sigle (l.) und Lea Schaal (r.) setzen sich gerne als Streitschlichterinnen für den Schulfrieden ein. © Gabriel Habermann

So sehen moderne Friedensengel aus: Lea und Hannah sind 14 Jahre alt. Sie gehen in die neunte Klasse der Realschule Remshalden. Sie sind zwei Teenies, wie sie im Buche stehen: Sie kichern gerne, eine trägt ein bauchfreies Top, die andere ein übergroßes Hemd, in dessen Ärmel sich die Hände gut verstecken lassen. Sie gehen auf Partys, machen Praktika, bereiten sich auf den Schulabschluss vor. In eineinhalb Jahren, nach dem Ende der zehnten Klasse, muss klar sein, wie es weitergeht. Kurz: Es gibt ausreichend Gründe, weshalb die beiden Teenies sich einfach nur um sich selbst drehen könnten.

Tun sie aber nicht. Sie haben sich dem Frieden verschrieben. Die Mädchen sind als Streitschlichterinnen an ihrer Schule unterwegs. Wie es dazu kam? Dass solche Streitschlichter zum Einsatz kommen sollten, ging auf eine Initiative der Schulsozialarbeit zurück, erzählen sie. Daraufhin wurden alle Schülerinnen und Schüler gebeten, den Namen eines Klassenkameraden auf einen Zettel zu notieren, den sie sich in dieser Funktion vorstellen könnten. In Leas Klasse wurden vier Jugendliche aufgeschrieben. Diese wurden dann gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, diese Aufgabe zu übernehmen. Wer mochte, besuchte eine Schulung - so auch Lea.

Gelernt, wie Streit entsteht und wie man ihn auflösen kann

„Da haben wir ganz viel drüber gelernt, wie Streit entsteht und wie man ihn auflösen kann“, erzählt die 14-Jährige. Erste Regel: Alle müssen zuhören. „Ohne den Redestift geht gar nix“, findet auch Hannah. Die Streitschlichterei funktioniert nämlich so: Entweder gehen Schülerinnen und Schüler, die mit einem Streit alleine nicht mehr weiterkommen, auf die Streitschlichterinnen zu. Oder die Schlichter hören von einem Konflikt und fragen nach, ob sie helfen können. Wenn alle Parteien das Problem klären wollen, schließen sie einen Vertrag.

Meist ist der Streit nur die Spitze des Eisbergs

Maximal eine Schulstunde haben dann die streitenden Parteien Zeit, über das Problem zu sprechen - und dabei soll es möglichst gesittet zugehen. Und dafür sorgt jener Stift. Wer ihn in der Hand hat, darf erzählen, alle anderen müssen solange ruhig sein. Nur die Streitschlichterinnen dürfen den Stift an sich nehmen, wenn die Äußerungen unsachlich oder beleidigend werden. Sie protokollieren das Gespräch, notieren schließlich das Problem, um das sich der Streit dreht. „Stück für Stück kommt man der Sache auf den Grund“, erklärt Lea. Meistens sei der akute Streit nur ein ganz kleiner Teil eines Konfliktes, der schon viel länger schwele. „Manchmal schon seit der Grundschulzeit.“

Wichtig: Grenzt der Streit an Mobbing oder gehen die Fälle über einen Streit hinaus, schalten die Schülerinnen die Schulsozialarbeiterinnen ein. Schließlich braucht’s für manche Probleme einfach professionelle Hilfe.

Missverständnisse und Lästereien

Was die häufigsten Gründe für Streits sind? „Missverständnisse und Lästereien“, darauf einigen sich Lea und Hannah schnell. Hannah berichtet von einem Streit unter drei Mädchen. Sie spielten immer wieder, wenn nur zwei von ihnen zusammen waren, ein fatales Spiel: „Es ging darum, zu sagen, was man an der jeweils abwesenden Person nicht gut fand.“ Natürlich kamen diese Lästereien später heraus, dazu kam die Eifersucht, eines der Mädchen fühlte sich immer wieder ausgeschlossen. „Wir haben viel geredet.“ Am Ende des Gesprächs sollen die Streitparteien sich auf einen Kompromiss einigen, der dafür sorgt, dass der Streit in Zukunft nicht wieder aufkeimt. „Hier war unsere Lösung, dass das Spiel einfach nicht mehr gespielt wird.“ Das hatte wohl eine Zeit lang geholfen. Aber inzwischen, so weiß es die Streitschlichterin, hat sich eines der Mädchen von den anderen beiden abgewendet. Womöglich die bestmögliche Lösung auf Dauer.

Rassistische Beleidigungen?

Bei einem anderen Fall, mit dem Lea zu tun hatte, waren zwei Gruppen beteiligt. Zum einen waren Schülerinnen mit Migrationshintergrund involviert, zum anderen eine Gruppe deutschstämmiger Fünftklässler. Letztere soll die andere Gruppe rassistisch beleidigt haben, was aber abgestritten wurde. Im Gespräch schließlich versicherten die beleidigenden Unterstufenschülerinnen, dass ihnen nicht bewusst gewesen sei, was Rassismus überhaupt bedeutet und was sie mit ihrer unbedachten Äußerung ausgelöst hatten. Lea und ihre Streitschlichterkollegin erklärten und erklärten. Am Ende konnte nicht hundertprozentig aufgedröselt werden, was damals tatsächlich passiert war. „Wir sind nicht dafür da, um zu entscheiden, wer in einem Streit recht hatte“, findet Lea. Vielmehr gehe es darum, eine neue und friedliche Basis zu schaffen, ein Bewusstsein dafür, dass die eigenen Handlungen und Aussagen vom Gegenüber womöglich auch ganz anders aufgenommen werden, als es ursprünglich gemeint war. Und so wollen sie ein Verständnis für die Gefühle anderer und deren Berechtigung schaffen.

Streit erschwert das Lernen

Schließlich sei das die Grundlage von Frieden. Und den brauchten sie alle dringend. Hannah findet: „Wer sich hasst, kann nicht zusammenarbeiten.“ Ist eine Klasse im Streit, fühle man sich darin nicht wohl, beeinträchtige das die gesamte Stimmung. „Man kann nicht gut lernen, wenn Streit ist.“ Und man müsse immer wieder - beispielsweise für Referate – mit anderen zusammenarbeiten, auch wenn man nicht mit ihnen befreundet sei. „Sonst kommt man bei Gruppenarbeiten gar nicht klar“, weiß Lea.

Und nicht nur anderen helfen die Streitschlichterinnen. Sie selbst nehmen auch eine Menge mit aus dem besonderen Ehrenamt: „Man lernt, Leute besser einzuschätzen“, findet Lea. Außerdem könne sie inzwischen bei Streiten ruhiger und kontrollierter bleiben. „Weil man weiß, wenn man laut wird, wird der andere auch lauter.“

So sehen moderne Friedensengel aus: Lea und Hannah sind 14 Jahre alt. Sie gehen in die neunte Klasse der Realschule Remshalden. Sie sind zwei Teenies, wie sie im Buche stehen: Sie kichern gerne, eine trägt ein bauchfreies Top, die andere ein übergroßes Hemd, in dessen Ärmel sich die Hände gut verstecken lassen. Sie gehen auf Partys, machen Praktika, bereiten sich auf den Schulabschluss vor. In eineinhalb Jahren, nach dem Ende der zehnten Klasse, muss klar sein, wie es weitergeht. Kurz: Es

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