Remshalden

Helmut Heindel: In den 50ern von Rohrbronn nach New York

Heindl
Helmut Heindel mit seiner Frau Terry. © Privat

Mit einem gehörigen Maß an Selbstironie, reichlich Humor und der Gabe einer feinen Beobachtung gesegnet, hat der ehemalige Rohrbronner Helmut Heindel, inzwischen weit in seinen Achtzigern, jetzt seine erstaunliche Lebensgeschichte verfasst. Er berichtet in seinem Internetblog „abschiedgeburtsland“ über die Nachkriegsjahre in Rohrbronn, die spannende Zeit des Neuanfangs in Amerika und alle Abenteuer, die danach noch folgten – und so viel sei gesagt: Da kamen noch einige.

Wie alles begann: Kriegskindheit in Rohrbronn

„Ich wurde in Rohrbronn, einem kleinen Dorf in Deutschland zwanzig Kilometer östlich von Stuttgart, geboren. Mein Vater starb bei einem Motorradunfall, als ich ein Jahr alt war, während meine Mutter meine Schwester Erna trug. Hitlers Ambitionen für ein „Drittes Reich” eskalierten allmählich in den Zweiten Weltkrieg, als meine Mutter wieder Braut wurde und drei weitere Kinder gebar, meine Schwester Erika und meine Brüder Eugen und Werner.“

So der Einstieg in seine Lebensgeschichte. Heindel schreibt davon, wie er und die Freunde aus dem Dorf die Bedrohung des Krieges spielerisch ertrugen, wie sie Hunger litten und lernten, schon als Grundschüler selbst Butter im Glas herbeizuschütteln, damit die gebratenen Kartoffeln zu einem Festmahl werden konnten.

„Nichts an einem Krieg ist angenehm, aber wenn genug Zeit vergeht, neigt der Geist dazu, Erinnerungen an das Rohe und das Hässliche auszublenden. Gute Taten bleiben. Ich kann mich an das Klappern von Hufeisen während einer ganzen Nacht erinnern, als wäre es gestern passiert. Die deutsche Armee zog sich auf der Straße hinter uns zurück, und sie brauchten die Pferde, um ihre Lastwagen zu ziehen. Benzin war ihnen vor vielen Kilometern ausgegangen.

Stunden vergingen. Bei Tageslicht rumpelten die Panzer der Amerikaner. Wir hatten den elterlichen Befehl erhalten, im Haus zu bleiben, und konnten nur Klassenkameraden beneiden, die Sitzplätze in der ersten Reihe hatten, weil ihre Häuser die Hauptstraße säumten.

Am Ende des Krieges: Wer verteidigt Rohrbronn?

Während der Eroberung unseres Dorfes, dessen Bevölkerung am Ende des Krieges hauptsächlich aus Frauen und Kindern sowie alten Männern bestand, wurden keine Schüsse abgegeben. Also sehr alte Männer, denn jeder Mann, der das vordere Ende eines Gewehrs erkennen und dieses Gewehr dann abfeuern konnte, ohne vorher ein Nickerchen zu machen, war bereits zum Militär eingezogen worden.

Einige der Wehrpflichtigen waren verkrüppelt zurückgekehrt und wurden nun ermutigt, sich dem Volkssturm anzuschließen, um das Vaterland zusammen mit einigen ähnlich prädisponierten Senioren zu verteidigen.

Nicht viele schlossen sich an. Selbst dann bestand ihre einzige feindliche Handlung darin, einige Kiefern zu fällen und sie strategisch über die Straße nach Rohrbronn zu legen, wodurch eine 1/2 Meter hohe Panzersperre errichtet wurde, die den Vormarsch der amerikanischen Panzer möglicherweise um zehn Minuten verlangsamt hat.“

Schließlich also war es so weit. Die Amerikaner waren im Dorf. Heindel schreibt, mit welcher Angst seine Mutter und auch die fünf Kinder nun erwarteten, was mit ihnen geschehen würde. Die schrecklichen, von den Nazis der Bevölkerung eingebläuten Bilder, was die Amerikaner im Falle einer deutschen Niederlage mit der Bevölkerung anstellen würden, hatten sich über Jahre hinweg fest eingebrannt. Und dann passierte das: „Die amerikanischen Soldaten, die an unsere Haustür klopften, brachen die Spannung.

Wir hatten ein weißes Tuch aus unserem oberen Fenster gehängt, wie die Flugblätter, die aus Flugzeugen abgeworfen wurden, uns angewiesen hatten. Es zeigte, dass wir uns ergeben hatten. Die Soldaten überprüften unser Haus auf Waffen, hoben eine Hand und sagten „Bye”, dann verließen alle das Haus mit einem Lächeln und unerwarteter Gelassenheit, nachdem sie mit weißer Kreide ein großes „OK” auf die Eingangstür gemalt hatten. Keine Vergewaltigung, keine Plünderung, keine Misshandlung jeglicher Art, nirgendwo im Dorf.

Endlich Erleichterung: Die Qual des Krieges war vorbei

Als ich aufblickte, konnte ich einen Ausdruck auf dem Gesicht meiner Mutter sehen, den ich bis heute noch „besuchen“ kann – noch nie zuvor hatte ich eine so überwältigende Erleichterung gesehen. Die Realität muss hereingeschwemmt sein. Die Qual des Krieges war irreversibel vorbei und beendete die Bombenanschläge auf Stuttgart, die den Nachthimmel über der Stadt zum Leuchten gebracht hatten und uns wegen des unerbittlichen Donners, der Erschütterungen nicht schlafen ließen – durch die Entfernung gedämpft, aber für immer im Gedächtnis gespeichert. [...] Wir könnten aufhören, jede Nacht in unserer Straßenkleidung ins Bett zu gehen. Alles würde besser werden. Unsere Mutter hatte das Elend ertragen und ihre fünf Kinder sicher durch den Krieg gebracht.

Kluft zwischen dem Dorfleben und dem Traum von Amerika

„Können wir jetzt auf die Straße gehen?”, fragte ich. „Ja“, sagte sie, als ihre Augen anfingen, von der Lawine ihrer Gefühle zu tränen, „aber geh nicht weit und bleib nicht den ganzen Tag weg. Ich möchte auch wissen, was los ist.“ Damit umarmte sie uns und öffnete die Tür.

In der Folgezeit entwickelte sich schon das große Interesse Heindels an Amerika. Wo er nur konnte, bemühte er sich, Englisch zu lernen, verschlang amerikanische Magazine, versuchte, in der schwäbischen Provinz mehr über das große Land in der Ferne zu erfahren: „Mit jedem Jahr vergrößerte sich die Kluft zwischen dem trostlosen, antiquierten Dorfleben und dem Glamour und Lebensstil, der aus den Werbeseiten amerikanischer Zeitschriften auftauchte.

Im Gegensatz, wie war es in Rohrbronn zu leben, unserem Dorf auf dem ,Schneckabuckl‘? Kein fließendes heißes Wasser, keine Kanalisation, keine Zentralheizung, keine Spültoiletten. Ein Münztelefon, eine Bäckerei und ein Gemischtwarenladen. Wenn Sie das Bedürfnis hatten, am Sonntag in die Kirche zu gehen, mussten Sie eine halbe Stunde zu Fuß in ein Nachbardorf laufen. Lokale Nachrichten wurden Ihnen von dem Stadtschreier gebracht, der das ganze Dorf entlangging und jeden Abend bei denselben Häusern anhielt, um seine Glocke zu läuten und die Ankündigungen des Tages, die er selbst geschrieben hatte, von einem Zettel zu lesen.“

In der Zwischenzeit begann Heindel seine kaufmännische Ausbildung in Stuttgart. Die Berufspendelei in den 50er Jahren war zeitintensiv. Zusammen mit dem Rohrbronner Reiner Ortmann pendelte er täglich von Rohrbronn in die große Stadt: zu Fuß den „Schneckabuckl“ runter, dann an den Winterbacher Bahnhof und von dort auf Schienen weiter. Zwei junge Damen, ebenfalls in Ausbildung in der Textilbranche, gesellten sich stets hinzu. Gemeinsam ruckelten die vier allmorgendlich zu ihrer Ausbildungsstelle. Vier Jahre lang. Eine gute Zeit war das, findet Reiner Ortmann, der zuletzt die Erinnerungen Helmut Heindels der Redaktion weiterleitete.

Klare Empfehlung zum Weiterlesen: Heindels Geschichte im Internet

Und dann: Irgendwann beschlossen Heindels Onkel und seine Tante, nach Amerika auszuwandern. Als diese dort sesshaft geworden waren, schrieben sie nach Rohrbronn. Sie hätten jemanden gefunden, der Helmuts Reise nach New York sponsern würde. Die Mutter ließ ihn, damals noch Teenager, schweren Herzens gehen. Aber sie ließ ihn gehen. Er kam am 7. Juli 1956 mit 25 Dollar in der Tasche in Amerika an. Das war alles, was seine Mutter und er aufbringen konnten. Sein neues Leben in der fremden Welt begann ...

Wer staunen, lachen, sich wundern und auch mal gerührt werden möchte, sollte sich dringend auf die Seite abschiedgeburtsland.com einlassen und Helmut Heindel in die Vergangenheit folgen.

Mit einem gehörigen Maß an Selbstironie, reichlich Humor und der Gabe einer feinen Beobachtung gesegnet, hat der ehemalige Rohrbronner Helmut Heindel, inzwischen weit in seinen Achtzigern, jetzt seine erstaunliche Lebensgeschichte verfasst. Er berichtet in seinem Internetblog „abschiedgeburtsland“ über die Nachkriegsjahre in Rohrbronn, die spannende Zeit des Neuanfangs in Amerika und alle Abenteuer, die danach noch folgten – und so viel sei gesagt: Da kamen noch einige.

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