Remshalden

Ist mein „Kann-Kind“ schulreif? Expertinnen bieten Entscheidungshilfe für Eltern

Schulranzen Schulrucksack
Symbolfoto. © ZVW/Alexandra Palmizi

Ab in die Schule! Oder doch noch nicht? Das ist aktuell die Frage aller Fragen für jene Eltern, deren Kind in den rund vier Folgemonaten nach dem 30. Juni 2017 geboren ist. Das ist der Stichtag für Einschulungen. Wer vorher geboren ist, wird schulpflichtig, wer danach das Licht der Welt erblickte, darf zwar in die Schule, muss aber keineswegs.

Und so kommt’s, dass mancher Abc-Schütze erst nach seinem ersten Schultag den sechsten Geburtstag feiern wird, andere starten dafür schon siebenjährig in den Ernst des Lebens.

Jetzt müssen die künftigen Grundschüler angemeldet werden

Dass Eltern die Entscheidung, die jetzt getroffen werden muss, oftmals nicht gerade leichtfällt, weiß Jule Rybak, die Leiterin des Kindergartens Blumenstraße in Grunbach, genau. Schließlich ist’s bis September noch eine ganze Weile hin. Da tut sich noch viel im Kind, auch in einem, das aktuell womöglich noch nicht recht schulreif wirkt. Aber wie viel, das weiß keiner. Die Entwicklung eines Kindes – manchmal ist sie so undurchschaubar wie das Wasser der Rems an einem Spätsommertag.

Letztendlich könne der Kindergarten den Eltern nur Ratschläge geben, entscheiden müssten sie aber selbst. „Die Mütter und Väter sind schließlich die Experten für ihr Kind“, findet Rybak. Dennoch sei es für die Eltern durchaus wichtig, hinzuhören, welche Meinung die Erzieherinnen, der ärztliche Dienst bei der Einschulungsuntersuchung und eventuell die Kooperationslehrerin vertreten.

Kita und Schule haben besondere Herausforderungen

Schließlich verhielten sich Kinder in der Kita häufig anders als zu Hause, wo sie sich nicht gegen 23 andere Kinder behaupten müssen. Und was die Schulreife betreffe, sei es durchaus relevant, wie sich ein Kind in einer größeren Kindergruppe verhalte. Schließlich besteht die Schule nicht nur aus Mathe- und Deutschunterricht. Die Lektionen auf dem Pausenhof gehören eben auch dazu.

„Die Schulfähigkeit ist ein Gebilde aus ganz verschiedenen Kompetenzen“, erklärt Rybak. Um diese zu einem Bild zusammenzuführen, das am Ende Aufschluss über die Reife des einzelnen Kindes geben soll, werden während des letzten Kindergartenjahres in einem sogenannten Schulfähigkeitsprofil die Kompetenzen des jeweiligen Kindes im geistigen, körperlichen, sozialen und motivationalen Bereich eingeschätzt.

Kompetenzen die Sprache, Mengenerfassung und das Gedächtnis betreffend fallen dabei erheblich weniger ins Gewicht als die sogenannten Soft Skills.

Für Schulfähigkeit braucht's mehr als Interesse an Buchstaben

Soziale Sensibilität, Konfliktfähigkeit, Umgang mit Erfolg/Misserfolg, mit Regeln, Kontaktaufnahme, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen, Arbeitsbereitschaft und Neugierde nehmen in dem Profil erheblich mehr Raum ein. Rybak erklärt: „Lesen und Schreiben lernen die Kinder schließlich in der Schule.“ Wichtiger für die Schulreife sei deshalb die menschliche Grundlage, mit der die Kinder in den Klassenverband eintreten.

Jüngeren fiele es häufig ungleich schwerer, sich zwischen den Kameradinnen und Kameraden zu behaupten. Das Problem dabei: „Wenn Kinder sich in der Schule nicht wohlfühlen, mögen sie irgendwann vielleicht gar nicht mehr hingehen.“ Daraus könne sich im ungünstigsten Fall eine Schulunlust oder noch schlimmer Schulverweigerung entwickeln.

Überforderung zeigt sich oft erst ein, zwei Jahre später

Häufig stelle es sich auch erst in den höheren Grundschulklassen heraus, wenn ein Kind tatsächlich zu früh eingeschult worden ist, weiß Katrin Ellwanger, die Leiterin der Grundschule Geradstetten. Die kognitiven Aufgaben in Klasse 1 könnten die meisten früh eingeschulten Kinder gut leisten.

Wenn aber dann in den kommenden Stufen Motivation und Ausdauer noch nicht ausreichend vorhanden sind oder der Umgang mit sich einstellenden Misserfolgen schwerfällt, die Frustrationstoleranz nicht allzu hoch ist, dann kann es schwierig werden.

Klar sei: Mit jeder Klasse werde der Leistungsdruck größer. „Und wer zum Beispiel in Klasse 3 noch nicht selbstständig ist, für den wird’s schwer.“ Die Lehrer seien für bis zu 28 Kinder zuständig, da könne Einzelnen nicht beim Schuheanziehen, Jackeschließen und Sortieren von Schulmaterialien geholfen werden. Solche Situationen führten daher unweigerlich zu Stress und Frust. Und Kinder, die ins Straucheln geraten – ganz gleich ob im kognitiven oder im sozial-emotionalen Bereich –, verweigerten öfter die Schule als andere.

Einmal jüngster Klassenkamerad, immer jüngster Klassenkamerad

Später könne eine zu frühe Einschulung zu weiteren Problemen führen – wenn beispielsweise alle anderen Klassenkameraden und -kameradinnen langsam in die Pubertät eintauchen. „Dann bauen sich bei allen anderen in der Klasse plötzlich die Gehirne um, bei dem jüngeren Kind aber noch nicht.

Da geht die Schere dann noch mal weiter auseinander.“ Und es setze sich noch fort. Dann müsse sich ein Jugendlicher nach dem Abschluss der Realschule etwa schon ein Jahr früher entscheiden, welche berufliche Laufbahn eingeschlagen werden soll. Gar nicht so einfach.

Nach dem Abi: Erst mal volljährig werden?

Dementsprechend würden auch besonders junge Abiturienten häufig ein Jahr zwischen Schule und Studium zwischenschieben, um nicht minderjährig an die Universität zu müssen. „Da kann man das Jahr doch genauso gut vor dem Schulstart zum Reifen nutzen“, findet die Pädagogin. „Wozu die Eile?“

Jule Rybak findet: „Wer Zweifel hat, ob sein Kann-Kind wirklich schulreif ist, sollte ihm besser noch mehr Zeit im Kindergarten zustehen.“ Ähnlich sieht’s Katrin Ellwanger: „Wenn ein Kind wirklich schulreif ist, dann ist das klar.“ Auch sie rate Eltern bei Unsicherheiten, lieber noch eine Runde im Kindergarten dranzuhängen. Das Schlimmste, was passieren kann?

Das Kind könnte sich langweilen. Was schlimmstenfalls bei einer zu frühen Einschulung passiert? Überforderung und eventuell daraus resultierende Schulmüdigkeit.

Keiner weiß, wie die Entwicklung des Kindes im nächsten halben Jahr aussieht

Tatsächlich findet sie aber auch den frühen Zeitpunkt für die Schulanmeldung schwierig. Schon im Februar müssen sich die Eltern entscheiden, wenn ihr Kann-Kind im September zur Schule gehen soll. Innerhalb eines halben Jahres passiere noch so viel in den Gehirnen der Kinder.

„Manchmal ist das ein Lotteriespiel, wir haben ja keine Kristallkugel.“ Aber sie ist sich sicher, dass ein Kind, bei dem im Winter noch reichlich Zweifel bestehen, im folgenden September noch nicht vollständig schulreif sein wird.

So können Vorschulkinder wichtige Kompetenzen entwickeln

Was helfen könnte, um Vorschulkinder fit für die Schule zu machen? Von Vorschulheften rät Erzieherin Jule Rybak an. „Lesen, Schreiben und Rechnen lernen die Kinder in der Schule. Dafür könnten die Kinder beim Spielen von Regelspielen viel mitnehmen: Frustrationstoleranz, das Einhalten von Gruppenregeln, Abwarten, bis man selbst an der Reihe ist.

Auch wer mit seinem Kind viel rausgehe, tue ihm viel Gutes, eröffne ihm neue Perspektiven. Und auch Selbstständigkeit will gelernt sein. Warum also nicht mal den Sprössling sein Vesper selbst zubereiten, den Tisch decken, die Spülmaschine einräumen lassen?

Ab in die Schule! Oder doch noch nicht? Das ist aktuell die Frage aller Fragen für jene Eltern, deren Kind in den rund vier Folgemonaten nach dem 30. Juni 2017 geboren ist. Das ist der Stichtag für Einschulungen. Wer vorher geboren ist, wird schulpflichtig, wer danach das Licht der Welt erblickte, darf zwar in die Schule, muss aber keineswegs.

Und so kommt’s, dass mancher Abc-Schütze erst nach seinem ersten Schultag den sechsten Geburtstag feiern wird, andere starten dafür schon

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