Remshalden

Krisen-Analysen und Mutmachendes beim Remshaldener Wirtschaftsforum

Wirtschaftsforum
Kugelstoßer Niko Kappel beim Wirtschaftsforum: „Jeder findet seinen Platz.“ © Benjamin Büttner

Das Bedürfnis nach Begegnung und Austausch war groß. Unter Einhaltung strenger Coronavorschriften konnte das im vergangenen Jahr ausgefallene Remshaldener Wirtschaftsforum nun stattfinden. Und viele kamen. Denn die Veranstaltung hat als informeller Treffpunkt, auch zur Stärkung des Zusammenhalts, als lokale Kontaktbörse, einen festen Platz im Terminkalender für viele Unternehmer aber auch Kreis- und Kommunalpolitiker. Welche Themen treiben sie gerade um?

Bürgermeister Reinhard Molt richtete in seiner Begrüßung den Blick auf die internationale Klimakonferenz nach Glasgow. Angesichts dessen, dass 2021 wieder nahezu soviel CO2 ausgestoßen wurde wie vor der Pandemie, mahnte Molt eindringlich: „Es bedarf unser aller Anstrengung, die Klimaziele, die wir uns setzen, zu erreichen. Ein "Weiter-so" darf es nicht geben.“

Was sich bei seinen Nachrednern fortsetzte, erwies sich geradezu als Tugend des diesjährigen Wirtschaftsforums, nämlich der Blick von Remshalden hinaus in die Welt und wieder zurück. Molt sagte zum Klimaschutz weiter: „Ich bin davon überzeugt, dass dies keine nationale und keine europäische, sondern eine globale Anstrengung sein muss.“

Remshalden klimaneutral bis 2035? „Ambitioniert aber möglich.“

„Auf kommunaler Ebene“ könne man da Vorreiter sein, erklärte Molt. Die Bewegung beim Thema Klimaschutz kommt in Remshalden derzeit aber tatsächlich in großem Maße aus der Bürgerschaft. Die Bürgerinitiative „Zusammen Zukunft Gestalten“ hat dem Bürgermeister einen Antrag übergeben. Das Ziel: die Gemeinde Remshalden bis 2035 klimaneutral werden zu lassen. „Der Gemeinderat wird sich zu Beginn des Jahres 2022 mit dem Antrag auseinandersetzen.“ Molt selbst hält dieses Ziel für „ambitioniert, aber möglich“.

Der Bürgermeister erklärte: „Viele politische Entscheidungsträger scheuen sich vor umfangreichen Änderungen oder geben Gründe wie hohe finanzielle Kosten an, um weitreichende Klimaschutzmaßnahmen zu umgehen. Ich habe hierzu eine andere Haltung. Jetzt in Klimaschutz investieren ist günstiger, als einen kaputten Planeten reparieren zu müssen.“ Dabei verwies er auf zunehmende Wetterextreme, Trinkwasserknappheit und weltweit auf 30 Millionen geschätzte Klimaflüchtlinge.

Zwei weitere drängende Probleme sprach Dirk Scholze von der das Wirtschaftsforum sponsernden Kreissparkasse Waiblingen an. Zum einen machte der Filialdirektor der KSK in Remshalden wie im gesamten Rems-Murr-Kreis „eine prosperierende Wirtschaft mit vielen attraktiven Unternehmen“ aus. Diese seien aber „überdurchschnittlich von der Automobil- und Maschinenbauindustrie abhängig“. Und damit, so Scholze, „unterliegen sie dem begonnenen und nicht mehr umkehrbaren Transformationsprozess“, der diese Branchen erfasst hat.

Der Banker sieht Risiken, aber auch Chancen. „Wenn es gelingt, die hiesige Region attraktiv zu halten, diese Transformation mit Innovationen zu gestalten, neue Technologie anzusiedeln, den schwäbischen Tüftlergeist zu aktivieren, dann“, so Dirk Scholze, „können diese Chancen ergriffen werden“.

„Wohnen wird eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahre.“

Und das zweite große Problem? „Wohnen wird eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahre.“ Und hier gab Scholze die wenig beruhigende Innenansicht eines Finanzdienstleisters für Immobilien. Zu beobachten sei, „dass der Rems-Murr-Kreis und Remshalden, ähnlich wie andere attraktive Zentren, eine immer höhere Nachfrage nach Wohnraum erfahren. Höher als das Angebot und damit mit entsprechenden Auswirkungen auf die Immobilienkauf- und Mietpreise“.

Seine düstere Analyse der großen Geldpolitik: „Mit Blick auf die niederen Zinsen, Angst vor einer Weichwährung, die enormen Staatsschulden, die realistisch nur noch über eine dauerhafte Inflation oder Schuldenschnitte zurückgeführt werden können, flüchten die Anleger in Sachwerte.“ Der aktuelle Kaufpreis für einen Quadratmeter Neubau im Rems-Murr-Kreis liege derzeit bei immensen 8000 Euro. „Als Folge dieses sehr hohen Kaufpreises kann aber kein wirtschaftlich denkender Kapitalanleger noch wirklich günstig vermieten.“

Was tun? Scholze brachte mögliche „Anreize und Hilfestellungen für Eigennutzer“ in die Diskussion, um „mehr Leute in Wohneigentum zu bekommen“. Ein Thema, das sich in Zukunft, wie es hier anklang, eher noch verschärfen wird.

Von einer Erfolgsgeschichte konnte hingegen Gastgeber Dr. Jan Klingele bei seiner Firmenpräsentation der Klingele Papierwerke berichten. Das 1920 gegründete, seit 1936 in Grunbach ansässige Familienunternehmen ist inzwischen an 27 Produktionsstandorten in weltweit 12 Ländern aktiv. Der Firmenumsatz mit 3000 Mitarbeitern belief sich 2020 auf 800 Millionen Euro. Das konnte dieses Jahr gesteigert werden. „Die Milliarde wird angepeilt“, verkündete ein dynamischer Jan Klingele.

Er stellte Projekte seiner expandierenden Firma vor, die sich längst schon der Nachhaltigkeit und Klimaneutralität verschrieben haben. Hier, so hatte man den Eindruck, muss nicht erst verordnet werden, hier wird schon vorausschauend und innovativ mitgedacht.

„Tempo, Technik, Teamwork“ sei der Schlüssel zum Erfolg, so Klingele, und das hätte man so auch von Niko Kappel sagen können, der als Hauptredner sympathisch, anekdotenreich und voller Selbstironie von seiner Erfolgsgeschichte unter dem Titel „Wahre Größe wird nicht in Zentimetern gemessen“ erzählte.

Niko Kappel: „Wir suchen weiter. Der innovative Geist, das ist unser Kapital“

Der kleinwüchsige Athlet hat sich früh aufs Kugelstoßen spezialisiert, hart an seiner Technik gearbeitet und erkämpfte sich so mit 13,57 Metern 2016 die Goldmedaille bei den Paralympics in Rio de Janeiro. Nicht ganz so gut lief es für den gelernten Bankkaufmann dann bei den auf 2021 verschobenen Paralympics in Tokio, von wo der 26-Jährige immerhin eine Bronzemedaille mitbrachte, die er im Wirtschaftsforum vertrauensvoll herumgehen ließ.

Auch bei Niko Kappel das Muster der heimischen Wirtschaft: Remstal - Rio - und zurück. Es ist da eine Weltoffenheit, die um die eigenen Stärken und Schwächen weiß. „Einzelsport, ja!“, erklärt der Kugelstoßer, „aber alleine kann ich das nicht leisten; das Team ist wichtig!“ Denn, so seine Erfahrung: „Jeder findet seinen Platz.“ Dazu gehört für den Welzheimer Schwaben: „Wir suchen weiter, der innovative Geist, das ist unser Kapital.“

Das Bedürfnis nach Begegnung und Austausch war groß. Unter Einhaltung strenger Coronavorschriften konnte das im vergangenen Jahr ausgefallene Remshaldener Wirtschaftsforum nun stattfinden. Und viele kamen. Denn die Veranstaltung hat als informeller Treffpunkt, auch zur Stärkung des Zusammenhalts, als lokale Kontaktbörse, einen festen Platz im Terminkalender für viele Unternehmer aber auch Kreis- und Kommunalpolitiker. Welche Themen treiben sie gerade um?

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