Remshalden

Lothar Kilian fährt 30 Jahre Lkw und hat nie einen Unfall gebaut

Firma Irmscher
Lothar Kilian und sein 40-Tonnen-Sattelzug, mit dem er jede Woche zwischen dem Rems-Murr-Kreis und dem Allgäu unterwegs ist. © Alexandra Palmizi

70 000 bis 80 000 Kilometer spult Lothar Kilian im Jahr mit seinem Lkw ab. Der 55-Jährige sitzt nun seit 30 Jahren für Irmscher Transporte aus Remshalden am Steuer und macht seinen Job immer noch gern. Sein Chef Michael Irmscher weiß, was er an ihm hat, denn die Branche hat Nachwuchssorgen. Bis zu 80 000 Lkw-Fahrer fehlen bereits in Deutschland und es kommen jedes Jahr rund 15 000 offene Stellen dazu, weil viele in Rente gehen. Irmscher und Kilian fürchten, dass das noch zu großen Problemen führen könnte, wie sie sich in Großbritannien schon gezeigt haben. Die Zahlen kommen vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung.

„Man muss sagen, dass in den letzten Jahren mit den Fahrern vielleicht nicht gut umgegangen wurde“, sagt Michael Irmscher. Er höre von Unternehmen, auch in der näheren Umgebung, „wo die Fahrer wie Sklaven gehalten und angeschrien werden“. Der Job, das kann man sicher sagen, hat keinen guten Ruf. Lothar Kilian für sich ist jedenfalls ziemlich zufrieden, er mag seinen Beruf und dabei besonders die Tatsache, dass er auf seinen Touren allein ist und ihm unterwegs niemand reinredet in seine Arbeit.

Hohe Eigenverantwortung: „Du musst deine Entscheidungen alleine treffen“

„Man sollte halt gut mit sich alleine klarkommen“, nennt Lothar Kilian eine der wichtigsten Qualifikationen für einen Lkw-Fahrer. Ihm gefällt genau das: „Du hast niemanden, der dich vollquatscht und dir immer über die Schulter guckt und sagt: Mach das doch so und so.“ Das bedeutet allerdings auf der anderen Seite auch eine hohe Eigenverantwortung: „Du musst deine Entscheidungen alleine treffen.“

Darin muss Lothar Kilian ziemlich gut sein. Er hat nämlich in seinen 30 Jahren mit unterschiedlich großen Lkws auf der Straße und zuletzt jährlich Zehntausenden Kilometern im 40-Tonner noch nie einen Unfall verursacht. Und er war überhaupt erst in einen einzigen mit einem anderen Fahrzeug verwickelt, bei dem aber der andere Fahrer schuld war. „Man muss immer mit der Dummheit der anderen rechnen, hat früher mein Fahrlehrer gesagt.“

Mit dem 40-Tonner im Schnee

Lothar Kilian hat viel erlebt – aber lang nicht so viel, wie manch anderer. „Die guten Fahrer haben nicht so viele Anekdoten zu erzählen“, sagt Michael Irmscher.

Ab und zu blieb er im Allgäu, wohin seit l ängerem all seine Touren führen, mit dem voll beladenen Lastzug im Schnee stecken. Meist konnte er sich selbst freischaufeln. Einmal nicht: „Da haben sie mich mit drei Riesentraktoren rausgezogen“, erzählt er.

Unfälle hat er natürlich trotzdem auch erlebt. Einen hat er nie vergessen. Auf schneebedeckter Fahrbahn wurde er in einer Kolonne von einem BMW überholt, als auf der Gegenfahrbahn ein anderer 40-Tonner entgegenkam. Der BMW schleuderte in den anderen Lastwagen. Lothar Kilian leistete beim Autofahrer mit Erste Hilfe. Aber: „Der hat es nicht überlebt. Das sind Sachen, die gehen dir nicht aus dem Kopf.“

„Du musst dir bewusst sein, was für ein Fahrzeug du unter dir hast“, sagt Michael Irmscher. Zu dem Job gehöre ein großes Verantwortungsbewusstsein. Schon allein wegen des hohen Werts des Gefährts, in dem man sitze.

Michael Irmscher: Für 16 000 Mark den ersten Lkw gekauft

Michael Irmscher saß in seinen Anfangszeiten selbst hinter dem Steuer. Der 57-Jährige hat auf Anraten seines Vaters, der selbst zwei Lkws besaß, nach dem Abitur Speditionskaufmann gelernt. Dann kaufte er für 16.000 Mark seinen ersten eigenen Lastwagen. Nach und nach baute er sein Unternehmen auf, 1988 gründete er die Firma an ihrem heutigen Standort im Oberen Wasen im Remshaldener Ortsteil Geradstetten. Heute sind 18 Fahrer bei Irmscher Transporte beschäftigt. Fast alle davon sind im Umkreis von etwa 100 Kilometern unterwegs und machen Tagestouren. Lothar Kilian ist der Einzige, der bis ins Allgäu fährt und dann auch im Fahrzeug übernachtet.

Montags hat er eine kurze Tour, Dienstag auf Mittwoch und Donnerstag auf Freitag ist er über Nacht unterwegs. „Wir fahren für mehrere Stahlgroßhändler aus dem Großraum Stuttgart“, sagt Michael Irmscher. So ist Lothar Kilian, der in Schorndorf wohnt, dann zum Beispiel morgens um 4 Uhr zum Laden in Fellbach. Etwa zwei Stunden später rollt er auf der Straße Richtung Süden und klappert die Kunden ab. Über Nacht steht er auf Rasthöfen oder direkt bei den Firmen, die er beliefert, wenn es dort Platz gibt. Dann hat er manchmal das Glück, dass er Sozialräume mit Dusche nutzen kann. In seinem Führerhaus hat er Unterhaltung mit Fernseher, DVD-Player und Handy. Er geht aber im Allgäu auch schon mal auf eine kurze abendliche Bergwanderung.

Erst Metzger-Ausbildung angefangen, dann Zerspanungsmechaniker gelernt

Lothar Kilian ist ein Quereinsteiger. Er ist in Stuttgart geboren und in Weinstadt-Schnait aufgewachsen. Als seine Eltern sich trennten, zog er mit der Mutter nach Waiblingen. „Ursprünglich hatte ich eine Metzgerausbildung angefangen“, erzählt er. Weil er aber eine schwere Allergie entwickelte, die ihn heftig auf Fleischeiweiß reagieren ließ, musste er im dritten Lehrjahr abbrechen. Abgeschlossen hat er dann eine Ausbildung in der Metallbranche und wurde Zerspanungsmechaniker.

Über seinen Bruder, der schon für Michael Irmscher fuhr, kam Lothar Kilian schließlich in Kontakt mit der Spedition. Als Irschmer einen Fahrer suchte, fing er mit dem 7,5-Tonner an, den er mit seinem normalen Führerschein fahren durfte. „Ich bin da reingerutscht und hängengeblieben“, sagt er. Und er hat es nie wirklich bereut. Seit 15 Jahren fährt er jetzt den Sattelzug mit 40 Tonnen.

"Da hast du kein Fitnessstudio gebraucht"

Anfangen haben sie bei Irmscher Transporte mit kleineren Waren als den großen Metallteilen, die jetzt in den Lkws stecken. Stückgut wie Lacke, Farben, Toilettenpapier, Zigaretten, Schuhe, Schreibwaren, Parfüm, Rum – alles Mögliche, was in Läden und bei Privatkunden im Remstal gefragt war und bestellt wurde. Das sei körperlich oft sehr anstrengend gewesen, sagt Michael Irmscher. „Da musste man viel von Hand bis zur Tür des Kunden tragen.“ Und das mit teils 300 Kilo schweren Kartons. „Da hast du kein Fitnessstudio gebraucht“, meint Lothar Kilian. „Ein Knochenjob“, sagt Irmscher, der damals noch selbst mitfuhr. „Das kannst du mit Mitte 20 machen, aber nicht bis zur Rente.“

Beim Stahltransport, den die Firma jetzt macht, müssen die Fahrer nicht selbst körperlich anpacken. Die schwere Arbeit erledigen größtenteils Maschinen, Kräne und Stapler.

Lothar Kilian ist noch nicht müde, er will den Job auf jeden Fall bis zur Rente machen. Michael Irmscher ist froh darum, denn Nachwuchs findet auch er nur schwer, obwohl er im Vergleich zu Speditionen, die im Fernverkehr unterwegs sind, gute und familienfreundliche Arbeitsbedingungen bieten kann. Und er legt Wert darauf, dass er ein Chef ist, der wertschätzend mit den Mitarbeitern umgeht und ihnen vertraut. Mit seinem Veteranen, Lothar Kilian, verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis. Sie seien „wie ein altes Ehepaar“, meint der Lkw-Fahrer, mit allem, was dazugehöre, auch mal einem knackigen Streit.

„Die Agentur für Arbeit müsste die Förderprogramme massiv ausbauen“

„Perspektivisch gesehen werden wir in den nächsten Jahren hier anfangen auszubilden“, sagt Michael Irmscher. Das hat er bisher nicht gemacht. Drei Jahre dauert die Ausbildung zur Berufskraftfahrerin oder zum Berufskraftfahrer. Eine große Hürde sei oft die Finanzierung des Führerscheins, der 8000 bis 9000 Euro koste. „Die Bundesagentur für Arbeit müsste die Förderprogramme massiv ausbauen“, meint Michael Irmscher.

Und man müsste die Vorteile des Berufs mehr bewerben und herausstellen, überlegt er: „Hohe Jobsicherheit und der Umgang mit modernen Fahrzeugen.“ Mit den heutigen digitalen und durchautomatisieren Fahrerkabinen brauche es technisches Verständnis, das sei mehr als „nur Fahren“. Darin liegt in seinen Augen eine Chance, die Attraktivität es Berufs zu steigern. Dieser sei im Übrigen auch für Frauen gut auszuüben.

Klar sei: Wenn man die aktuelle Entwicklung verschlafe und nicht mehr Fahrer gewinne, gebe es Probleme. „Dann werden wir auf längere Sicht Versorgungsengpässe kriegen.“ In England waren solche Entwicklungen mit leeren Supermarktregalen nach dem Brexit bereits in der Praxis zu erleben. Lothar Kilian und seine Kolleginnen und Kollegen, das wird dadurch klar, arbeiten an einem neuralgischen Punkt. „Fast alles, was die Leute jeden Tag in die Hand nehmen, hat meistens irgendwann ein Lkw transportiert.“

70 000 bis 80 000 Kilometer spult Lothar Kilian im Jahr mit seinem Lkw ab. Der 55-Jährige sitzt nun seit 30 Jahren für Irmscher Transporte aus Remshalden am Steuer und macht seinen Job immer noch gern. Sein Chef Michael Irmscher weiß, was er an ihm hat, denn die Branche hat Nachwuchssorgen. Bis zu 80 000 Lkw-Fahrer fehlen bereits in Deutschland und es kommen jedes Jahr rund 15 000 offene Stellen dazu, weil viele in Rente gehen. Irmscher und Kilian fürchten, dass das noch zu großen Problemen

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