Remshalden

„Mama, du nervst!“ - Neue Herausforderungen vor der Pubertät

Schulsozialarbeit
Die Pädagoginnen Carola Wolfinger (l.) und Tamara Spiegel (r.) wissen: Schon vor der Pubertät gibt’s Autonomie-Konflikte. © Gaby Schneider

So manches Mal wundert man sich als Elternteil. Längst in der Familie eingespielte Abläufe klappen plötzlich nicht mehr. Führen beim Kind zu Unzufriedenheit, gar zu Wut. Beinahe aus heiterem Himmel. Und der Haussegen? Hängt schief.

Montagmorgen, 7.40 Uhr: „Ich will keine Jeans, ich will diese Leggings anziehen“, ruft die Tochter und ist dabei recht wütend. Die Mutter versucht noch zu argumentieren: „Das ist doch keine richtige Hose, die ist doch schon ganz lommelig, das sieht doch nicht schön aus.“ Nichts hilft.

Neue Interessen, neue Konflikte

Das Kind will unbedingt in dieser Leggings in die Schule. Genau dieses Kind, das sich bis vor kurzem überhaupt nicht für Anziehsachen interessiert hat. Immerhin, dann kommen Argumente: Jeans sind zu unbequem, drücken beim Turnen am Reck in der Pause. Das klingt schlüssig. Am Ende hat das Kind sich durchgesetzt. Die Mutter hat neue Leggings gekauft, die nicht so labbrig sind.

Was sich in den Kindern lange anbahnt, kommt für Eltern oft überraschend

Carola Wolfinger und Tamara Spiegel, die als Sozialpädagoginnen an den Grundschulen in Remshalden arbeiten, müssen bei der Schilderung dieser Situation grinsen. „ Kinder zwischen acht und 13 Jahren wollen jetzt mehr mitreden, mitdenken, mitbestimmen.“ Sie entdecken ihre eigenen Wünsche, wollen sie vermehrt durchsetzen. Pläne der Eltern werden hinterfragt. Deren grundlegende Standpunkte sowieso.

Das ist auch gut so, wissen die Pädagoginnen. Schließlich gehört das zur normalen Entwicklung dazu. „Mir scheint es für die Eltern oft überraschend zu kommen“, erklärt Tamara Spiegel. „Für die Kinder aber nicht.“ Im Nachwuchs bahne sich der Wille nach mehr Mitspracherecht oft lange an. Für die Eltern sei’s häufig aber eine Überraschung, wenn dieser plötzlich und womöglich auch lautstark geäußert wird.

Kinder mit ihren Themen ernst nehmen

Und dann? Die Pädagoginnen raten Eltern, ihre Kinder mit ihren Anliegen ernst zu nehmen. „Dann genügt als Begründung für eine Entscheidung nicht mehr, dass man als Eltern das Sagen hat.“ Eigene Standpunkte müssen neu überdacht und begründet, Kompromisse geschlossen werden.

Klar sei, bei etlichen der Kinder in diesem Alter beginne der biologische Vorbereitungsprozess zur Pubertät bereits. Die Folge: Stimmungsschwankungen, ein wechselndes Bedürfnis zwischen Nähe und Selbstständigkeit, das Streben nach mehr Freiheit. Carola Wolfinger rät den Eltern, einzelne Dinge wirklich auszuhandeln, in den Dialog mit dem Kind zu gehen.

Machtkämpfe führen zu nichts

„Es ist wichtig, dass man nicht in einer Sackgasse endet.“ Die Pädagogin weiß: „Es ist sinnlos, im jeweiligen Moment in einen Machtkampf zu gehen.“ Sie rät, sich bei Konflikten zu überlegen, ob es den Eltern in der konkreten Situation nur darum geht, sich durchzusetzen, oder ob es um die Sache geht. Ist der Wunsch des Kindes kein „echtes Problem“, rät sie dazu, seine Werte zu vertreten, dem Kind den Willen aber dennoch zu lassen. „Man sollte nie die Verhältnismäßigkeit aus den Augen verlieren“, erklärt sie.

Und oft gehe es nur vordergründig um eine bestimmte Sache, in Wirklichkeit gehe es womöglich um den Wunsch nach mehr Nähe, Autonomie und Ähnliches. Das kann auch Michael Sudahl berichten. Der Schorndorfer erinnert sich an diese Zeit seiner inzwischen erwachsenen Kinder so: „Schaffte ich es in dieser Zeit, gut in Kontakt zu kommen, waren Alltagsdinge wie Zähneputzen oder Ins-Bett-Gehen einfacher."

Frage: Welches Bedürfnis steht hinter dem Streitpunkt

Geschrei gab es natürlich trotzdem hin und wieder. Auch vom Papa. Wenn der unter Stress war. [...] Streitthemen waren Fernsehen (es gab noch weniger Internetangebote), wie oft und wie lange, und um die Aufmerksamkeit der Eltern. Der Vater hält es mit dem renommierten Pädagogen und Ratgeberautor Jesper Juul, der dafür wirbt, eine „Gleichwürdigkeit“ zwischen Eltern und Kindern entstehen zu lassen.

Sudahl schreibt weiter: „Das impliziert, dass die Bedürfnisse eines Kindes die gleiche Wertigkeit haben wie meine eigenen. Wenn ich das verstanden habe, kann ich mit Kindern verhandeln. Um deren Spielräume immer mehr zu weiten (nur so können sie Verantwortung für sich übernehmen lernen). [...] Es geht also darum, möglichst viel miteinander zu reden und immer wieder neu zu verhandeln. Das kann anstrengend sein.“

Streitpunkt Handy: Was ist wann und wie lange erlaubt?

Schwierig sei das oft den Handykonsum betreffend, weiß Sozialpädagogin Tamara Spiegel. Schlecht sei es natürlich, wenn andere Verpflichtungen zu kurz kommen. Was dann hilft? Das Bedürfnis wahrnehmen und gemeinsam klare Regeln aufstellen. Das berichtet auch Sabrina Ghazali, die in Waiblingen arbeitet. Sie erzählt von ihrem Sohn (zehn Jahre): „Früher durfte mein Sohn eine halbe Stunde pro Tag Switch spielen oder fernsehen.

Aber das ist nun zu langweilig, und er will stattdessen am Handy spielen. Ich finde das mit dem Handy viel schwieriger abzugrenzen, da kann er ja auch schreiben, telefonieren, Hörspiele hören.“ Diskussionen gebe es vor allen Dingen darüber, was der Sohn am Handy machen darf und wie lange.

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen

Nachdem klar wurde, dass der Junge die Zeiten heimlich ausweitete, haben die Eltern nun Sperren eingebaut, die bestimmte Funktionen für bestimmte Zeiten des Tages ausschalten. Sozialpädagogin Carola Wolfinger weiß, dass gerade bei diesem Thema oft nur das oder der Gang zum WLAN-Schalter hilft. Natürlich nie ohne Erklärung. „Man darf sich immer auch darauf berufen, dass man sich darum sorgt, dass das Kind sich gut entwickeln kann.“ Und manchmal müsse man eben auch das Steuer übernehmen.

Typischerweise grenzten sich die Kinder in diesem Alter langsam von ihren Eltern ab, orientieren sich an anderen Rollenvorbildern. Wollen zunehmend selbstständig entscheiden. Wichtig sei, dass man als Eltern weiter seine Werte vertrete. Auch wenn die Kinder es in diesem Moment nicht annehmen, Carola Wolfinger ist sich sicher, dass sie die Werte mit ins Leben nehmen.

Vorbild sein und miteinander diskutieren

Drum gelte: weiter selber Vorbild sein. Beispielsweise, was die eigene Fehlerkultur betrifft. Natürlich mache keiner immer alles richtig. So sei es wirklich wesentlich, sich zu entschuldigen, wenn etwas schiefgelaufen ist. Nur so könne es zu Versöhnung kommen und nur so könnten Kinder selbst lernen, wie wichtig es ist, auch die eigene Haltung einmal zu überprüfen.

So manches Mal wundert man sich als Elternteil. Längst in der Familie eingespielte Abläufe klappen plötzlich nicht mehr. Führen beim Kind zu Unzufriedenheit, gar zu Wut. Beinahe aus heiterem Himmel. Und der Haussegen? Hängt schief.

Montagmorgen, 7.40 Uhr: „Ich will keine Jeans, ich will diese Leggings anziehen“, ruft die Tochter und ist dabei recht wütend. Die Mutter versucht noch zu argumentieren: „Das ist doch keine richtige Hose, die ist doch schon ganz lommelig, das sieht doch

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