Remshalden

Nach dem Ende des Bergkarabach-Kriegs sind Zehntausende auf der Flucht - ein Remshaldener war vor Ort in Armenien

Armenien
Eine Flüchtlingsfamilie muss in Erebuni auf engstem Raum zusammenleben. © Thorsten Muth

Der Remshaldener Thorsten Muth hat vor kurzem seinen 30. Geburtstag in Armenien gefeiert. Es war nicht der erste Besuch für ihn in dem Land. In den vergangenen Jahren hat er mehrere Monate dort verbracht und nach eigenen Angaben auch die Revolution 2018 in Armenien mitverfolgt. Bei seinem jüngsten Besuch hatte der Travel Security Analyst und freischaffende Journalist die Möglichkeit, bei einer einwöchigen Recherchereise nach dem kürzlich zu Ende gegangenen Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan Flüchtlinge aus Bergkarabach und deren Helfer, die unter anderem aus Schwäbisch Gmünd kommen, zu treffen. Im Folgenden berichtet er von diesen Treffen:

Nach dem aserbaidschanischen Angriff am 27. September sind Tausende Familien vor den Kämpfen aus Bergkarabach nach Armenien geflohen. In der de facto unabhängigen Region, die international nicht als eigener Staat anerkannt wird und völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, leben fast ausschließlich Armenier. Mit Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens vor kurzem und der damit verbundenen Übergabe mehrerer armenisch kontrollierter Gebiete an Aserbaidschan verlieren nun Zehntausende weitere Menschen ihre Heimat.

Spender für Suppenküche kommen aus einem Gmünder Freundeskreis

„Es ist ein Wunder, dass ich noch nicht verrückt geworden bin“, sagt Movses Poghosyan, Direktor der „Küche der Barmherzigkeit“ im Jerewaner Bezirk Kanaker-Zeytun, der uns kurz begrüßt und wieder in seinem Büro verschwindet. Seine Mitarbeiter berichten uns vom außergewöhnlichen Alltag zwischen Krieg und Covid-19, der die 1994 von Gerhard Maier aus Schwäbisch Gmünd gegründete Einrichtung vor große Herausforderungen stellt.

Die wichtigsten Spender der Suppenküche, die durch das Deutsche Rote Kreuz unterstützt wird, kommen bis heute aus einem Gmünder Freundeskreis um die Pfarrer im Ruhestand Karl-Heinz Scheide und Alfons Wenger. Neben den Mittagsgästen werden auch 80 Rentnerinnen und Rentner versorgt und es gibt ein Essensprogramm für 160 Kinder in abgeschiedenen Grenzregionen.

Man wolle auch hier eine karitative Spendenkultur etablieren, sagt Poghosyan, der selbst sieben Menschen bei sich zu Hause untergebracht hat. Mittlerweile kämen 40 Prozent der finanziellen Zuwendungen aus Armenien. Aber auch Naturalien: Im Sommer hatten Bauern zwei Tonnen Gemüse gespendet, das eingelegt wurde und jetzt verkocht wird. Normalerweise liege der Fokus auf den armen Menschen in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt, doch momentan hätten Geflüchtete aus Bergkarabach Priorität, erklärt man uns.

Nicht mal der Status als Geflüchtete ist für die Armenier geklärt

Viele seien ohne irgendetwas nach Jerewan gekommen. Über 200 Menschen werden aktuell an fünf Tagen in der Woche gespeist, allerdings nur zwei Dutzend Personen im Saal des Hauses. Die Pandemie hat Armenien im Griff, Abstand halten gilt deshalb auch beim Essen. Der Großteil der Mahlzeiten - Suppe, Brot, ein Apfel und 100 Gramm Süßigkeiten - wird mit einem VW-Bus des Roten Kreuzes ausgefahren.

Tamar, syrische Armenierin, ist selbst erst vor einigen Jahren aus Aleppo nach Jerewan gekommen. Heute fährt sie das Essen für die neuen Geflüchteten zu insgesamt acht Stationen. In einem Internat etwa warten 37 Menschen täglich auf das Essen, die Suppe wird im Blechkanister abgeliefert oder direkt in Plastikschüsseln geschöpft.

Während die meisten der aus Syrien geflüchteten Armenier kurze Zeit später nach Kanada weitergezogen sind, werden die Menschen aus Bergkarabach wohl vorerst hier bleiben. Nicht einmal ihr Status als Geflüchtete ist geklärt: Sie sind keine Binnenvertriebenen, da sie offiziell aus Aserbaidschan kommen, allerdings haben sie alle einen armenischen Pass, da die Republik Bergkarabach international nicht anerkannt ist, und sind somit als Armenier in Armenien offiziell auch keine Geflüchteten.

Der Reiseleiter Hrayr Baghramyan nimmt mich mit zu einer Familie im Stadtteil Erebuni. Am Ende des heruntergekommenen Treppenhauses, im obersten Stockwerk eines dunkelgrauen Wohnblocks, wohnen drei erwachsene Schwestern mit insgesamt acht Kindern. Von den Fenstern aus spannen sich Wäscheleinen über den Hinterhof, drinnen dringt traditionelle Musik aus dem Fernseher. Mehrere Betten reihen sich im Wohnzimmer aneinander. Die jüngste Tochter ist sechs Wochen alt, als Erste der Familie wurde sie in Jerewan geboren, in der Klinik gegenüber.

13 Personen in einer engen Wohnung

Ihre Tante Lusine ist Mitte zwanzig. Sie berichtet uns, dass die Ehemänner bald von der Armee zurückkämen. Dann würden sie dreizehn Personen in der kleinen Wohnung sein. Einer der Männer versuche noch, die 23 Schafe der Familie zu verkaufen. Das Geld soll den Neuanfang erleichtern, momentan sind die Frauen auf Spenden angewiesen. Dringend werde ein Ofen benötigt, damit sie Brot backen könnten.

Die Kinder seien am Anfang noch zur Schule gegangen, nach der Umstellung auf Online-Unterricht könnten sie jedoch nicht mehr regelmäßig teilnehmen. Es gebe zu wenige internetfähige Geräte im Haus. Lusine und ihre Familie hatten trotzdem Glück. Viele Menschen sind in Sommerhäusern auf dem Land untergekommen, wo die Fenster undicht sind und der nahende Winter bereits für kalte Nächte sorgt.

In den großen Jerewaner Hotels sucht man Menschen aus Bergkarabach allerdings vergebens: Die meisten gehörten den Oligarchen, sagt Hrayr. Die 2018 in einer „Samtenen Revolution“ entmachtete Elite des Landes hätte kein Interesse daran, die aktuelle Regierung des ehemaligen Oppositionsführers Pashinyan in irgendeiner Form zu unterstützen.

Armenier zünden ihre Häuser an, um den Aseris nichts zu hinterlassen

Armenien befindet sich nach dem Krieg, dessen Ausgang die meisten hier als Niederlage interpretieren, in einer politischen Krise. „Nach dem Erdbeben kommt der Tsunami“, sagt Hrayr. Es ist fraglich, wie lange sich Ministerpräsident Pashinyan noch halten kann. Die Demokratie könnte dabei zu den größten Verlierern gehören. Während die EU durch ihre Neutralität die Fortsetzung der aserbaidschanischen Angriffe toleriert hatte, konnte sich Putin als vermeintlicher Retter der Armenier direkten Einfluss sichern: Das zwischen Armenien und Aserbaidschan geschlossene Abkommen besagt, dass fortan russische „Friedenstruppen“ in Bergkarabach für Sicherheit sorgen sollen.

Eine Lösung des Konflikts wird künftig ohne Russland kaum denkbar sein. Jene Armenier hingegen, die 2018 gegen ihr korruptes Regime triumphiert hatten, haben nun gemerkt, dass sie bei der Verteidigung westlicher Werte nicht auf Europa zählen können. Einige der umstrittenen Regionen mit insgesamt 121 Städten und Dörfern sollen am 25. November an Aserbaidschan abgetreten werden, seit Tagen kommt es zu dramatischen Szenen: Armenier zünden ihre eigenen Häuser an, kriminelle Geschäftsleute holzen im Eiltempo ganze Wälder ab, einige Familien graben sogar ihre Toten aus.

Man möchte den einrückenden Aseris nichts hinterlassen, denn Berichte aus anderen Orten zeigen, dass Überresten armenischer Präsenz meist die Zerstörung droht. Auf dem Weg durch Jerewan wünscht Hrayr dem Fahrer eines Reisebusses durchs offene Fenster gute Fahrt. Der ist auf dem Weg nach Stepanakert, dem Hauptort im armenisch verbliebenen Teil Bergkarabachs. Dort gilt es nun, die zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen. Etwa viertausend Menschen sind bereits zurückgekehrt. Viele dürften sich jedoch fragen, ob sie dort unter den veränderten Umständen überhaupt noch eine Perspektive haben.

Wer die „Küche der Barmherzigkeit“ in Jerewan unterstützen will, kann das mit einer Spende über das Deutsche Rote Kreuz machen. Das Spendenkonto bei der Kreissparkasse Ostalb hat die folgende IBAN: DE68 6145 0050 0440 7529 87.

Der Remshaldener Thorsten Muth hat vor kurzem seinen 30. Geburtstag in Armenien gefeiert. Es war nicht der erste Besuch für ihn in dem Land. In den vergangenen Jahren hat er mehrere Monate dort verbracht und nach eigenen Angaben auch die Revolution 2018 in Armenien mitverfolgt. Bei seinem jüngsten Besuch hatte der Travel Security Analyst und freischaffende Journalist die Möglichkeit, bei einer einwöchigen Recherchereise nach dem kürzlich zu Ende gegangenen Krieg zwischen Armenien und

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