Remshalden

Nach der Flucht aus der Ukraine: So leben Anna Husak und ihre Schülerinnen jetzt

Interimsschule
Anna Martiianova, Sohn Sascha, Anna Husak und Olena Vlasenko. © Gabriel Habermann

Anna Husak ist noch kein Jahr in Deutschland. Erlebt hat sie aber schon eine Menge. Im März ist sie aus der Ukraine nach Remshalden geflohen. Lutsk, ihre Heimatstadt, wurde bombardiert. Sie hatte große Angst, fürchtete um ihr Leben. Ihr Arbeitsplatz war längst verloren. Und so machte sie sich damals auf den Weg. In Remshalden hatte die Lehrerin bald Kontakt zu Uli Hasert vom TV Hebsack, der zusammen mit der Lehrerin und anderen Ehrenamtlichen die Hebsacker Interimsschule einrichtete. Hier konnten rund 20 Kinder Deutsch lernen und an PC-Arbeitsplätzen am Online-Unterricht aus der Ukraine teilnehmen. Inzwischen hat die Initiative sogar den Rems-Murr-Bürgerpreis verliehen bekommen.

Heimweh und neue Ziele: Ihre Schüler lernen gerne und gut

Wie es ihr heute geht? Anna Husak lächelt. Natürlich vermisse sie ihre Familie und Freunde in der Heimat. „Aber hier ist es ruhiger als in meinem Land.“ Sie ist froh und dankbar, dass sie hier sein und eine wichtige Aufgabe erfüllen kann. Seit einigen Monaten unterrichtet sie nämlich nicht nur in der kleinen improvisierten Schule, die im Foyer der Kurt-Leppert-Halle eingerichtet worden war.

Inzwischen ist die Ukrainerin auch angestellte Lehrerin der Vorbereitungsklasse an der Realschule Remshalden. Wie es da läuft? Es gibt keine Schwierigkeiten, die Schüler sind alle sehr fleißig und lernen sehr gerne“, berichtet sie.

Das Unterrichten funktioniere gut. „Wir haben nicht nur Arbeitsblätter, sondern auch eine interaktive Tafel“, erklärt sie. Das mache allen großen Spaß, zudem könnten so die Inhalte bestens vermittelt werden. Aktuell sind 15 ukrainische Kinder in der Klasse. Deren Freunde sind meist noch in der Ukraine, viele hätten ein Trauma zu verarbeiten. Flucht, Krieg und Unsicherheit, das alles hat Spuren hinterlassen.

Jeden Tag unterrichtet Husak ihre Klasse, hinzu kommt die Vorbereitungszeit. Zusätzlich kümmert sie sich nachmittags um die erwachsenen Schülerinnen aus der Ukraine. Oft sind’s die Mütter ihrer Schüler, aber auch einige alleinstehende Frauen, die aus ihrer ukrainischen Heimat geflohen sind, sie treffen sich hier zum Lernen.

Olena Vlasenko: Krankenschwester ohne Kontakt zur alten Mutter

Das genießt Olena Vlasenko sehr. Sie ist im August über Zirndorf (in Bayern), Sindelfingen und das Waiblinger Flüchtlingslager nach Remshalden gekommen. Hier teilt sie sich nun mit zwei anderen Personen ein Zimmer. Zwar sei das unbequem, aber erheblich besser, als mit 300 anderen Menschen in Stockbetten in der Sporthalle zu wohnen, findet sie. „Und selbst das war längst nicht so schlimm, wie in der Ukraine im Krieg zu leben.“

Ihre Heimat hatte sie erst verlassen, als ihre Lebensgrundlage, ihr Haus und damit der Keller, in dem sie sich zuletzt verschanzt hatte, zerstört war. Sie wusste nicht mehr wohin. Also floh sie, ganz alleine. Zu ihrer 81-jährigen Mutter hat sie keinen Kontakt. Sie wohnt auf der inzwischen russischen Seite hinter der Frontlinie. „Wir können nicht kommunizieren.“ Internet gibt es keines und auch sonst sind alle Verbindungen abgebrochen. Und auch ihr Sohn ist noch in der Ukraine.

Sie ist dankbar für den Austausch, den sie mit ihren Landsleuten in der kleinen Interimsschule hat. Sie verstehen ihre Probleme, mit ihnen kann sie sich austauschen. Und auch über den Deutschunterricht ist sie froh. Die Krankenschwester könnte sich durchaus vorstellen, als solche in Deutschland zu arbeiten, sobald die Sprache sitzt und ihr Examen anerkannt ist. Schließlich könnte die Situation in der Ukraine noch lange anhalten. „Aber wer weiß das, vielleicht auch nicht?“ Pläne machen, das sei schwierig in dieser Zeit.

Anna Martiianova: Flucht mit kranken Eltern und dem Sohn

Und dann ist da noch Anna Martiianova. Die 32-Jährige ist vor neun Monaten mit ihrem Sohn Sascha und ihren schwer kranken Eltern aus Charkiew hergekommen. Sie konnte für ihre Mutter und ihren Vater mitten im Krieg keine Medikamente mehr bekommen. „Wir mussten nach Deutschland.“ Als sie erzählen will, wie schwer der Weg war, versagt ihre Stimme. „Es war nicht einfach“, sagt sie schließlich. Mehr zu sagen, gelingt ihr nicht. Sie reibt sich über die Augen.

Ihr Vater ist inzwischen gestorben, mit ihrem Sohn wohnt sie zusammen mit einer fremden Frau in einem Zimmer in Beutelsbach. Anstrengend sei das oft, weil der Sohn – im Grundschulalter und sehr lebendig – natürlich nicht den ganzen Tag auf dem Bett liegt und liest. „Es ist viel Stress.“ Und das Leben ist ein ganz anderes als zuvor. Statt als Architektin zu arbeiten, überlegt sie nun, welche Ausbildung sie machen könnte, um neue Perspektiven für sich und ihren Sohn zu finden. Ihre Mutter lebt bei der Schwester, die in der Nähe wohnt, kann aber nicht mehr aus dem Bett aufstehen.

Anna Martiianova ist müde, alles kostet so viel Kraft, während zu Hause der Krieg tobt. Aber sie ist noch etwas: dankbar für all die Hilfe, die ihr in Deutschland entgegenschlug, und besonders für diese kleine Insel in der Kurt-Leppert-Halle.

Anna Husak ist noch kein Jahr in Deutschland. Erlebt hat sie aber schon eine Menge. Im März ist sie aus der Ukraine nach Remshalden geflohen. Lutsk, ihre Heimatstadt, wurde bombardiert. Sie hatte große Angst, fürchtete um ihr Leben. Ihr Arbeitsplatz war längst verloren. Und so machte sie sich damals auf den Weg. In Remshalden hatte die Lehrerin bald Kontakt zu Uli Hasert vom TV Hebsack, der zusammen mit der Lehrerin und anderen Ehrenamtlichen die Hebsacker Interimsschule einrichtete. Hier

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