Remshalden

Off Label: Warum Mara (3) aus Remshalden jetzt schon gegen Corona geimpft wurde

U5 Impfung
Silke und Matthias Linsbauer (l. u. r.) mit ihren Kindern Mara (3) und Joah (7). © Gabriel Habermann

„Wir sind prinzipiell pro Impfung“, erklärt Silke Linsbauer, und streicht ihrer kleinen Mara über den Kopf. Von Anfang an haben sie die Kinder so geimpft, wie die ständige Impfkommission (Stiko) es vorschlägt: Masern, Mumps, Röteln und Co. Jetzt aber scheren sie aus. Sie haben die Kleine gegen das Coronavirus impfen lassen. Auch wenn die Stiko die Impfung erst für Kinder ab zwölf Jahren und für Kinder mit Vorerkrankungen ab fünf Jahren empfiehlt.

Warum die Familie der Kommission nun vorauseilt? Silke und Matthias Linsbauer halten die Impfung für erheblich kalkulierbarer als die Infektion. Immerhin gibt’s weltweit schon millionenfache Erfahrungen, auch mit der Immunisierung kleiner Kinder. Die allerdings sind bislang nicht in die Bewertung der Stiko eingeflossen, weshalb diese noch keine Empfehlung ausgesprochen hat.

Impfung erscheint leichter kalkulierbar als eine natürliche Infektion

Gleichzeitig erscheint den Eltern eine natürliche Corona-Infektion erheblich weniger berechenbar. Und seit in der Remshaldener Kita, in die die kleine Mara geht, auch noch drei Gruppen zusammengelegt worden sind, ist ihnen das Risiko einer Infektion zu hoch.

„Wir können nicht verstehen, warum es keinen Infektionsschutz im Kindergarten gibt. Immerhin: Masken und Abstandsregeln gelten hier natürlich nicht. Ich bringe mein Kind doch nicht absichtlich in Gefahr, nur damit es in einem anderen Raum malen kann?“

2022 noch nicht im Kindergarten gewesen

Die Folge: Die Dreijährige ist seit Januar zu Hause, hat ihre Freundinnen und Freunde aus der Kita nur einmal bei einem Ausflug auf den Spielplatz getroffen – für die Familie bedeutet das einen riesigen Organisationsaufwand. So lange, bis Maras Impfschutz vollständig ist und die Infektionszahlen noch ein wenig weiter sinken, bleibt das erst mal so.

Natürlich wissen Linsbauers, dass bislang erst wenige Kinder schwer an Covid erkrankt sind. „Aber ich will mir nicht vorstellen, wie das ist, wenn der seltene Fall doch eintritt und mein Kind liegt da und muss beatmet werden.“ Auch die Gefahren von Long Covid oder PIMS (Pädiatrisches Multi-Entzündungs-Syndrom) erscheinen ihnen zu gefährlich. Sie wollen ihre beiden so gut es eben geht schützen.

Und die regelmäßigen Tests vor dem Kindergartenbesuch reichen ihnen als Schutzmaßnahmen nicht aus. Falle ein Test positiv aus, sei das Kind schließlich schon in den Brunnen gefallen.

70 Ärzte in Deutschland impfen off Label

Um die dreijährige Mara gegen das Coronavirus impfen zu lassen, hat es aber einiges an Recherchearbeit und Geduld gebraucht. Immerhin gibt’s in Deutschland nur rund 70 Ärzte, die Kinder unter fünf Jahren impfen. Off Label. Das heißt so, weil die Impfung bislang nicht für Kinder unterhalb von fünf Jahren zugelassen worden ist.

Dies aber nicht, weil sie dort Schaden anrichten würde, sondern weil bislang noch keine Zulassung für den Gebrauch für jüngere Kinder beantragt wurde, so erklärt es Dr. Wolfgang von Meißner, den Linsbauers über den Kommunikationsdienst „Twitter“ schließlich gefunden hatten.

Immunsystem von Drei- und Sechsjährigen funktioniert gleich

In Baiersbronn impft er bereits Kinder ab sechs Monaten, gibt unter Zweijährigen aber eine reduzierte Dosis. „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Immunsystem eines drei- bis vierjährigen Kindes und dem eines fünf- bis sechsjährigen Kindes“, erklärt er weiter.

Dazu sei die Impfung gut verträglich. Dagegen hätten auch Kinder bei einer Corona-Infektion ein Gefährdungspotenzial. Auch er verweist auf Long- und Post Covid. Selbst wenn schlimme Folge im Promillebereich lägen - bei den vielen Tausend infizierten Kindern mache es doch eine nicht unerhebliche Zahl aus.

„Auf der anderen Seite haben wir den Impfstoff, der sehr gut funktioniert.“ Aus Studien wisse man durchaus, dass dies ausreiche, damit die Kinder ausreichend Antikörper produzierten. Und so falle ihm kein vernünftiges Argument ein, kleine Kinder nicht zu impfen.

Impfreaktionen sind normal

Natürlich gebe es Impfreaktionen. Die gebe es bei anderen Impfungen und bei Erwachsenen aber auch: Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber, Rötungen, so wie bei anderen Impfungen eben auch. „Darüber hinaus haben wir nach der Impfung von mehr als 2500 Kindern aber noch keine Schäden gesehen“, berichtet er aus seinem Arbeitsalltag.

Mittwochs und samstags impft er in seiner Praxis seit Mai. Und es kommen Eltern mit ihren Kindern aus ganz Deutschland, sogar aus der französischen Schweiz, aus Südfrankreich und New York, Palm Springs und Texas.

Familie aus Irland in Baiersbronn

Aktuell ist eine Familie aus Irland da. Wer von weiter weg anreist, kann sich ein Zimmer im Obergeschoss des Impfzentrums anmieten. Das war nämlich vor Corona ein Privatsanatorium, in dem chinesische Gruppen zur Wellness kamen. Da China aber seit der Pandemie weitestgehend dicht ist, sind hier Kapazitäten frei. Erst wurden die Räume als Testzentrum genutzt, dann wurden hier die Erwachsenenimpfungen durchgeführt.

All das ist an Impfgegnern und „Schwurblern“, wie von Meißner sie nennt, natürlich nicht vorbeigegangen. Und kaum wird er in der Presse erwähnt, werden auch die einschlägigen Telegram-Gruppen aktiv. Gröbste Beleidigungen sind an solchen Tagen die Norm. Als „Giftspritzer“ und „Dr. Mengele“ wird er diskreditiert. Ihn erreichen hasserfüllte Sprachnachrichten und Whatsapp-Nachrichten.

Morddrohungen keine Seltenheit

Anonyme Briefe und Morddrohung sind für ihn keine Seltenheit mehr. Auch einen Lichterspaziergang vor seiner Praxis gab es schon. Dann und wann dringen Impfgegner gar in die Praxis ein und beschimpfen ihn aufs Äußerste. 200 Strafanzeigen hat er schon gestellt. Die Polizei überwacht ihn eng, seine Telefone sind auf den Polizeicomputer aufgeschaltet.

Kalt lässt ihn das alles nicht. Aber er wird nicht schweigen oder sich aus dem Impfen zurückziehen. Zu wichtig findet er es, genau das alles zu tun.

„Wir sind prinzipiell pro Impfung“, erklärt Silke Linsbauer, und streicht ihrer kleinen Mara über den Kopf. Von Anfang an haben sie die Kinder so geimpft, wie die ständige Impfkommission (Stiko) es vorschlägt: Masern, Mumps, Röteln und Co. Jetzt aber scheren sie aus. Sie haben die Kleine gegen das Coronavirus impfen lassen. Auch wenn die Stiko die Impfung erst für Kinder ab zwölf Jahren und für Kinder mit Vorerkrankungen ab fünf Jahren empfiehlt.

Warum die Familie der Kommission nun

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