Remshalden

Ohne die Stimmen der Vertriebenen hätte es das neue Bundesland Baden-Württemberg nicht gegeben

Vertriebene
Der BdV-Orts- und Kreisvorsitzende Bernd-Günter Barwitzki und seine kommissarische Orts-Stellvertreterin Joanna Badura vor den an die Vertreibung erinnernden Gedenktafeln am Turm der katholischen Kirche St. Elisabeth in Geradstetten-Süd. © Gaby Schneider

Die Opfer, Täter und Zeitzeugen der Nazi-Diktatur mit ihren Verbrechen im 2. Weltkrieg von Tulle bis Leningrad, der Shoah sowie der darauf folgenden Flucht und Vertreibung Millionen Deutscher aus ihren Heimatgebieten können schon bald nicht mehr befragt werden.

Wer diese - miteinander unvergleichbaren! - Zerstörungen und Schrecken als Kind noch halb bewusst erlebt hat, also um 1940 geboren wurde, ist heute schon über 80 Jahre alt. Die lebendige Erinnerung ist am Verschwinden. Der biografisch geprägte Blick auf die Vergangenheit wird historisch. Das könnte aber eine Chance sein.

Das weiß auch Bernd-Günter Barwitzki. Als Flüchtlingskind ist der 71-Jährige ein Nachgeborener, der die Vertreibungserfahrung seiner Eltern aus Schlesien sozusagen adoptiert hat. Seit 2002 ist der ehemalige Geschichtslehrer Vorsitzender des Ortsverbandes des Bunds der Vertriebenen (BdV) in Remshalden. Als dessen Gründungstag gilt der Zusammenschluss Geradstettener und Grunbacher Vertriebener - damals ausschließlich Männer - zu einem „Hilfsverband für Neubürger“ am 1. Mai 1950.

Nur mit Stimmen der Vertriebenen Baden-Württemberg ermöglicht

70 Jahre ist das nun her. Und das Jubiläum sollte gebührend gefeiert werden. Nicht zuletzt auch mit Zeitzeugen-Gesprächen in Remshaldener Schulklassen. Corona hat das verhindert. Stattdessen nun hat der BdV Remshalden ein 278 Seiten starkes Buch unter dem Titel „Recht auf Heimat - für alle“ vorgelegt.

Darin finden sich eine geschichtliche Einordnung von Flucht und Vertreibung, zahlreiche Dokumente und Fotos, sowie bewegende Zeitzeugenberichte. Man könnte das als ein - vielleicht letztes? - Vermächtnis an die nächsten Generationen betrachten.

Eine Heimat im neuen Bundesland Baden-Württemberg

Vom Leid ist da die Rede. Aber auch vom Stolz, durch Fleiß und Tatkraft eine neue Heimat im neuen Bundesland Baden-Württemberg aufgebaut zu haben, das es so - welch Ironie der Geschichte - ohne die Stimmen der Vertriebenen bei der Volksabstimmung 1951 nicht gegeben hätte. Ein Reinhold Maier wusste das zu würdigen!

Trauma-Verarbeitung. Heimatlosigkeit. „Deutsche kamen damals nach Deutschland und wurden wie Fremde behandelt“, legt Barwitzki den Finger in die Wunde der nach der Kapitulation 1945 rasch zerfallenden nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Deutlich wurde nun, dass deren Kitt nicht aus Solidarität bestand, sondern, wie Hannah Arendt kühl konstatierte, aus einer Komplizität zwischen Volk und Führung, einer Bandenstruktur, die sich gemeinsam an den ermordeten Juden und überfallenen Völkern bereicherte.

Flüchtlingsfeindliche Gedichte

Nun aber kursierten plötzlich Ausgrenzungsgedichte wie die im Buch abgedruckten Verse: „Flüchtlinge fressen sich dick und fett / und stehlen uns das letzte Bett. / Wir verhungern und leiden große Pein, / Herrgott, schick das Gesindel heim.“

Dazu kam, wir können uns das heute kaum mehr vorstellen, dass dieses „Gesindel“ aus dem Osten auch noch katholisch war und Räume für die Ausübung seines Glaubens einklagte. „Der Wunsch nach Gottesdiensten in der evangelischen Kirche“, so Barwitzki, „wurde abgelehnt“.

Wenn man sich die Geschichten über die damaligen Glaubenskriege anhört, vor allem wenn es um evangelisch-katholische Hochzeiten ging: was für ein fürchterlicher Grusel! Was wurde damals erneut an christlichem Zusammenhalt zerstört! Ein Zeichen des Selbstbewusstseins der neuen Bürger waren denn auch die katholischen Kirchenneubauten in Grunbach- und Geradstetten-Süd! Architektonisch moderne Trutzburgen, mit denen sich die Alteingesessenen auseinandersetzen mussten. Und wieder eine Ironie der Geschichte: Je unwichtiger die Konfessionen wurden, desto besser gelang dann das Miteinander!

Bis zu einem Drittel der Bevölkerung in Ortschaften Flüchtlinge und Vertriebene

Ja, und natürlich war auch für die Alteingesessenen die Ankunft der Fremden, nun „Polacken“ genannten, eine riesige Herausforderung. Auf einmal waren bis zu einem Drittel der Bevölkerung in den Ortschaften Vertriebene und Flüchtlinge. Unbedingt lesenswert ist der in der Jubiläumsschrift dargestellte erbitterte Kampf um den damaligen Wohnraum.

Und da wären wir auch schon in der Gegenwart, in der jüngeren deutschen Geschichte. „Wir dürfen niemals vergessen, dass jede Vertreibung, jede ethnische Säuberung, gleichgültig wo, wann und warum - immer menschenverachtende Verbrechen sind.“ So Barwitzki im Vorwort der Jubiläumsschrift. Und 50 Jahre nach dem Kniefall Willy Brandts am Ehrenmal der Toten des Warschauer Ghettos, bekennt auch Bernd-Günter Barwitzki in aller Klarheit: „Ursache der Vertreibung war die Nazi-Diktatur und deren Verbrechen.“ Aber, „unsere heutige Kultur ist in der Lage, den anderen die Hand zu reichen.“

Die Opfer, Täter und Zeitzeugen der Nazi-Diktatur mit ihren Verbrechen im 2. Weltkrieg von Tulle bis Leningrad, der Shoah sowie der darauf folgenden Flucht und Vertreibung Millionen Deutscher aus ihren Heimatgebieten können schon bald nicht mehr befragt werden.

Wer diese - miteinander unvergleichbaren! - Zerstörungen und Schrecken als Kind noch halb bewusst erlebt hat, also um 1940 geboren wurde, ist heute schon über 80 Jahre alt. Die lebendige Erinnerung ist am Verschwinden. Der

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