Remshalden

Pizzeria "La Fontana" Remshalden: Sicherheit und Jobs für zwei Ukrainerinnen

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Liliia (l.) und Oksana (r.) sind dankbar für den Alltag, den sie durch die Arbeit in der Pizzeria „La Fontana“ haben. © Gaby Schneider

Oksana Zubyk und Liliia Yevtushenko wirken recht fröhlich, als sie in der Küche von Franco Micieli eintreffen. Gerade sind sie von der S-Bahn hergelaufen, es ist warm, die Sonne scheint. Sie plaudern und kichern. Ein kleines bisschen Unbeschwertheit. Ein normaler Dienstantritt in der Küche der Pizzeria La Fontana in Remshalden eben. Dann aber, als sie am Tisch sitzen und von ihrem Weg ins Geradstettener Lokal erzählen, ist die Leichtigkeit wie fortgeblasen.

Die beiden jungen Frauen berichten von Bedrückendem. Eine App auf dem Mobiltelefon übersetzt ins Deutsche. Sie sind vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen, Oksana aus Kiew, Liliia aus Kramatorsk, das ist bei Donezk. Ihre Familien sind teilweise noch vor Ort. Viele von ihnen in großer Unsicherheit. „Es ist beängstigend, aber sie leben weiter wie bisher, weil es keinen anderen Ausweg gibt“, erklärt Oksana ihre Situation auf Ukrainisch. Allerdings, der Krieg ist nahe. Und oft auch zu hören.

Die Hoffnungen auf ein selbstbestimmtes Leben sind vorerst zerschmettert

Auch wenn etliche ihrer Bekannten geflohen sind, wollten viele auch nicht weg, erzählt die 28-Jährige. Sie bringen es nicht fertig, Haus und Hof oder ihre Arbeitsstellen zurückzulassen. Oksana selbst hat bis vor kurzem in einem Blumenladen gearbeitet, wollte eine Ausbildung zur Floristin machen. Sonnenblumen übrigens gibt’s in der Ukraine ganz besonders viele, erzählt sie.

„Ich wollte dort ein Leben nach meinem Geschmack führen, einmal einen eigenen Blumenladen haben.“ Mit ihrem Freund wollte sie zusammenziehen, ein gemeinsames Leben gründen. Die Hoffnung war groß, dass das gelingen könnte. Dennoch war Oksana vorbereitet. „Ich hatte alles zusammengepackt, was ich brauchen würde, wenn ich fliehen müsste.“

Irgendwann war ihr klar: Es wird Krieg geben

Und dann war es so weit. Im Februar erklärte Putin die Souveränität der Volksrepubliken Donezk (DVR) und Lugansk (LPR) an. „Da war mir definitiv klar, dass es Krieg geben würde. Ich brach in Tränen aus.“ Nach etwas Vorbereitungszeit mit viel Recherchen im Internet packte sie ihren Koffer und zog los. Nach Europa, wohin genau, das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dann las sie schließlich von der Arbeitsstelle in der Geradstettener Pizzeria „La Fontana“.

Franco Micieli war einer der Ersten gewesen, der in einem Job-Portal für ukrainische Flüchtlinge inseriert hatte. Wie es dazu kam? Micieli ist es gewohnt, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben, berichtet er. Üblicherweise beschäftigt er Landsleute aus Italien, hatte aber 2015 auch schon Syrern den Einstieg ins deutsche Arbeitsleben ermöglicht. Und das hilft nicht nur seinen Angestellten. Auch Micieli profitiert von dem Engagement.

Gastronomie braucht dringend Arbeitskräfte

Denn der Arbeitsmarkt ist derzeit wie leer gefegt. Viele Gastronomen haben ernsthafte Probleme, ihren Personalbedarf zu decken. Seit der Corona-Pandemie haben sich viele, die bislang im Service gearbeitet hatten, andere, krisensicherere Jobs gesucht. „Wir sind seit Jahren dauernd unterbesetzt“, klagt Micieli. Und so ist ihm jede ernsthafte Bewerbung teuer. Als er schließlich Anfang des Jahres im Handelsblatt von dem Job-Portal für Ukrainerinnen und Ukrainer gehört hatte, trug er sich gleich ein.

Schon drei Stunden später hatte er die ersten Anfragen im E-Mail-Postfach. „Allerdings haben sich zuerst Männer beworben“, erinnert er sich. Micieli wollte aber konkret den Frauen helfen, die tatsächlich gerade dabei waren, aus der Ukraine zu flüchten. Und so wartete er weiter. Kurz darauf schrieb Oksana ihn an, die damals noch auf der Reise war. „Drei Tage später war sie hier.“

Das Arbeiten gibt dem Leben einen Rhythmus

In der ersten Zeit konnte sie in einem Zimmer unterkommen, das er wie einige andere auch für Saisonarbeiter vorhält. Als Oksana etwa zwei Wochen später endlich ihre Arbeitserlaubnis hatte, konnte der Gastronom sie gleich anmelden. Und Oksana legte los. Ahnung von der Arbeit in einer Pizzeria hatte sie bis dahin noch keine.

Aber das Anlernen ging schnell, und so hilft sie inzwischen in der Küche mit, wäscht Salate und bereitet sie zu. Auch kleinere Vorspeisen und Desserts kann sie inzwischen anrichten. Das Leben hat wieder einen Rhythmus bekommen durch die Arbeit, erzählt sie. Das tut ihr gut. Das lenkt sie ab. Denn wenn sie an die Heimat denkt, wird ihr Herz schwer.

Viele wollen die Heimat nicht verlassen

Anfangs hatte sie noch die Hoffnung, bald wieder in ein befriedetes Land zurückkehren zu können. Die allerdings hat sie inzwischen aufgegeben. Täglich ist sie in Kontakt mit ihrer Familie und ihren Freunden, die zurückgeblieben sind. Viele hofften noch, dass der Krieg doch bald endet. „Sie wollen ihre Heimat nicht verlassen.“ Manche blieben auch aus einer Art Trotz. Sie sehen gar nicht ein, weshalb sie ihre Heimat verlassen sollten.

Auf einem ähnlichen Weg wie Oksana kam auch Liliia nach Remshalden. Ihre Eltern hatten beschlossen, dass sie sich lieber in Sicherheit begeben sollte, und sie dann auf die Reise geschickt, nachdem sie im Internet die Arbeitsstelle in Remshalden gefunden hatten. Derzeit hofft die 25-Jährige, ihren Mann wieder in die Arme schließen zu können. Er war ausgemustert worden und muss daher nicht zur Armee.

Oksana Zubyk und Liliia Yevtushenko wirken recht fröhlich, als sie in der Küche von Franco Micieli eintreffen. Gerade sind sie von der S-Bahn hergelaufen, es ist warm, die Sonne scheint. Sie plaudern und kichern. Ein kleines bisschen Unbeschwertheit. Ein normaler Dienstantritt in der Küche der Pizzeria La Fontana in Remshalden eben. Dann aber, als sie am Tisch sitzen und von ihrem Weg ins Geradstettener Lokal erzählen, ist die Leichtigkeit wie fortgeblasen.

Die beiden jungen Frauen

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