Remshalden

Posaunenklänge zum Feierabend: Eine Familie bespielt seit dem Frühjahr jeden Abend ihre Nachbarschaft

Familie Seibold
Sonja Seibold und ihre Söhne Manuel und Simon (von links) spielen seit März jeden Abend um 19 Uhr zu Hause ein kleines Konzert. © Benjamin Büttner

Jeder Feierabend beginnt in Grunbach mit einem Minikonzertchen. Wer in Hörweite zu Familie Seibold wohnt, hört pünktlich um 19 Uhr mitten im Wohngebiet besinnliche Blasmusik. Die musikalische Familie schenkt ihrer Nachbarschaft eine kleine Nacht-, vielmehr Feierabendmusik.

An diesem winterlichen Abend steht niemand auf der Straße, um dem mehrstimmigen Klang von Flügelhorn, Waldhorn und Tenorhorn zuzuhören. Es ist zu kalt. Die Atemluft bildet Nebelschleier vor dem Gesicht – es wäre ideales Weihnachtsmarktwetter. Doch das Vergnügen, beim abendlichen Glühwein zusammenzustehen, hat coronabedingt Pause. Wie so vieles andere auch. Wie gut tun da diese geschenkten musikalischen Minutenstücke. Wie wohlig vertraut wecken die warmen Blechblasstimmen in „Tochter Zion“ die von vielen schmerzlich vermisste Vorweihnachtsstimmung. Wir sind nicht allein, wir können Gott um Hilfe bitten – das klingt in vielen Liedern an und wird von den Menschen offenbar geschätzt.

Musik tut der Seele gut

Es ist schon ein schöner Brauch geworden: Seit Beginn des ersten Lockdowns im März spielen Sonja Seibold und die Söhne Manuel und Simon auf ihren Hörnern ein paar Abendlieder und seit dem ersten Advent auch weihnachtliche Melodien, zum geöffneten Fenster hinaus, und die Menschen, die es hören, freuen sich. „Es tut uns allen gut. Musikmachen tut der Seele gut, und Musikhören macht Freude und gibt Zuversicht“, sagt Sonja Seibold.

Die Musikalität ist Familientradition: Sie und die Jungs sind im Posaunenchor, auch ihr 84-jähriger Schwiegervater war jahrzehntelang dort aktiv. Er wohnt gegenüber und hilft ab und zu beim Balkonkonzert aus, wenn Not am Mann ist.

Mit der Geste möchten sie an jene denken, „die wegen Corona nicht zuhören können, weil sie in der Klinik liegen“. Erreicht werden sollen auch jene, die jetzt besonders einsam sind: „Wir denken, dass sie sich durch die Musik nicht so allein fühlen.“ Vieles lasse sich per Video machen, „aber der persönliche Kontakt fehlt eben doch vielen“. Musik sei Aufmunterung und bringe Licht ins Innere – wie die Schwippbögen die dunklen Fenster in den Nachbarhäusern beleuchten.

Bitte um Hilfe und Beistand

An manchen Fenstern ist hell das LED-Innenleben von Sternen und Weihnachtsschmuck aufgegangen, als die Melodie von „Tochter Zion“ wohlig und vertraut in den dunklen Abendhimmel dringt. Als Nächstes erklingen die Hörner ineinander verwoben und strahlend dreistimmig im protestantischen Kirchenlied „Herr bleib bei mir“. Darin drückt sich die Bitte um Hilfe und Beistand aus: „Im Moment ist viel Nacht und Finsternis, wir können aber Trost bei Gott finden“, so Sonja Seibold.

Alle in Hörweite hätten bisher positiv reagiert. Sie merke es daran, dass sie von verschiedenen Seiten angesprochen wird. „Eine Nachbarin hat gesagt, dass wir immer ihr Lieblingslied spielen und sie immer schon freudig darauf wartet.“

Ein liebgewonnenes Ritual

Das Warten ist nicht umsonst, denn Seibolds lassen es sich nicht nehmen, sie stehen immer da, auch wenn sie von außen nicht zu sehen sind: Die Familie stellt sich einige Schritte vom Balkon entfernt hinter den Notenständern auf, die seit Beginn des ersten Lockdowns mitten im Wohnzimmer stehen. So wie es momentan aussieht, werden sie bis auf weiteres auch nicht zusammengeklappt: „Es ist ein Lied gewordenes und liebgewonnenes Ritual, abends ein paar Abendlieder oder Choräle zu spielen“, sagt Sonja Seibold. „Für uns ist es ein fester Termin geworden, der zum Tagesablauf dazugehört“, ergänzt der 24-jährige Sohn Manuel.

Weil an ein regelmäßiges Proben im Posaunenchor seit Corona nicht mehr zu denken sei, tut sich die Hornisten-Familie auch selbst etwas Gutes: „Für uns ist es schön, dass wir nicht alleine spielen“, sagt der ein Jahr jüngere Bruder Simon. Ein einziges Mal sei er ganz alleine angetreten: „Da hatte nicht mal der Opa Zeit, sonst sind wir aber immer mindestens zu zweit.“

Seit dem ersten Advent sind einige Adventslieder dazugekommen: „Macht hoch die Tür“ oder „Wie soll ich dich empfangen?“ Die Choräle gehen leichter über die Lippen als neuere rhythmische Lieder wie „Feliz navidad“ und „Rudolph, the red nosed Reindeer“.

Wie entstand das Ritual?

Gibt es einen Klassiker, auf den die Leute schon warten? „Der Mond ist aufgegangen“, nennt Sonja Seibold jenes Lied, das Margot Käßmann, die ehemalige Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, empfohlen hatte, als sie im Corona-Frühjahr zum Balkonsingen aufgerufen hatte. Aus dieser Mitmachaktion heraus sei auch ihre musikalische Soirée im Wohngebiet entstanden.

Jeden Abend ist nach knapp 20 Minuten alles vorbei – „je nachdem, wie wir in Form sind“, sagt sie lachend. Auch während der Lockerungen machten sie weiterhin jeden Feierabend feierlich. „Da sind oft die Leute raus auf die Straße gekommen“, erzählt der 24-jährige Sohn Manuel. Heute bleibt es ruhig. Nur ein Mann und seine Frau strecken bei unwirtlichen drei Grad ihre Köpfe zum Fenster raus: Es ist Hermann Seibold, der Schwiegervater von Sonja Seibold und Großvater von Manuel und Simon. „Die Musik ist ein Hinweis, dass wir an jene denken und mitfühlen mit ihnen, die nicht zuhören können heute“, sagt er.

Jeder Feierabend beginnt in Grunbach mit einem Minikonzertchen. Wer in Hörweite zu Familie Seibold wohnt, hört pünktlich um 19 Uhr mitten im Wohngebiet besinnliche Blasmusik. Die musikalische Familie schenkt ihrer Nachbarschaft eine kleine Nacht-, vielmehr Feierabendmusik.

An diesem winterlichen Abend steht niemand auf der Straße, um dem mehrstimmigen Klang von Flügelhorn, Waldhorn und Tenorhorn zuzuhören. Es ist zu kalt. Die Atemluft bildet Nebelschleier vor dem Gesicht – es wäre

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