Remshalden

Remshalden: Felix Fischer kämpft sich nach schwerem Unfall zurück ins Leben

Felix Fischer
Felix Fischer blickt optimistisch in die Zukunft und ist fest entschlossen, das Beste aus seinem Leben herauszuholen. © Alexandra Palmizi

Felix Fischer ist einer, der Mut machen will, nein, einer, der Mut machen kann. Weil gerade er Grund gehabt hätte zu verzweifeln – aber genau das nicht getan hat. Nach einem schweren Motorradunfall hat der junge Mann ein Bein verloren. Aufgeben, sich verbuddeln und resignieren, stand aber nie zur Debatte. Er will sein Leben leben, gestalten. Vorbei sein sollen die Zeiten, in denen das Leben ihm einfach so passierte.

Lauer Frühlingsabend auf der Landstraße

Aber von vorne. Der frühe Abend des 19. Mai 2020 ist ein sonniger. Einer, an dem die Felder duften, an dem die Grillen zirpen, an dem die Luft süß riecht. Felix Fischer hat gerade Feierabend gemacht. Seit zwei Jahren ist er Auszubildender bei Harley-Davidson in Schwäbisch Gmünd. Ein Traum für den jungen Mann, der in diesem Moment auf seinem Motorrad in Richtung Heimat braust.

Er hat extra die kurvige Landstraße genommen. Vor ihm taucht ein Traktor auf. Der blinkt rechts, darin erkennt Felix eine Aufforderung zum Überholen. Er lenkt seine Maschine nach links. Schon ist es zu spät.

Erinnerungen nur noch bruchstückhaft vorhanden

Er knallt mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Das Nächste, was der damals 20-Jährige wahrnimmt, ist sein Flug durch die Luft. Schmerzen hat er keine, aber das Bein fühlt sich seltsam zerstört an.

An das, was danach kam, erinnert er sich nur noch bruchstückhaft. Mehr und mehr Menschen kommen zur Unfallstelle, ihm wird eine Decke aus dem Verbandskasten übergelegt. Schnell wird er ins Krankenhaus gebracht. Dann ist er wieder alleine. Es ist die erste Hochphase der Corona-Pandemie. Die Krankenhäuser sind abgeriegelt. Seine Mutter, seine Schwester können ihm nur die allernötigsten Dinge vorbeibringen – dankbar, dass er den Unfall überlebt hat. Umarmungen sind nicht erlaubt.

21 Operationen in drei Krankenhäusern

Bei einer OP wird sein Bein geschient, gegen verschiedene Keime in der Wunde bekommt er Antibiotika verabreicht. Man machte ihm Mut, „das wird wieder“. Nach einigen Tagen wird der junge Mann nach Ulm verlegt. Dann endlich nach ein bis zwei Wochen kann seine Mutter ihn besuchen. Im Juli dann, so erzählt er’s, ist das Bein noch immer nicht heil. Einer der Keime lässt sich nicht vertreiben.

Stattdessen frisst er sich durchs Gewebe. Haut und Muskeln, die von Felix gesundem Bein entnommen worden sind, sollen am linken Bein anwachsen. Der Keim aber zerstört alles.

Der resistente Keim bedrohte ihn weiter

Es folgte eine Verlegung nach Tübingen und dann auch die Erkenntnis, das Bein werde sich wohl nicht mehr erholen. So erzählt es Fischer heute.

Nach ausführlichen Gesprächen mit dem Professor, mit Freunden und Familienmitgliedern entschied der junge Mann sich für die Amputation des Beines. Eine mögliche Versteifung des Beines hätte nämlich nicht nur zur Folge gehabt, dass er sich weiterhin nur schlecht hätte bewegen können, auch der Keim wäre höchstwahrscheinlich weiterhin in seinem Körper geblieben und hätte weiterhin Unheil anrichten können.

Felix trifft eine Entscheidung: Gegen das Bein, für ein neues Leben

Endlich war er von seiner Entscheidung überzeugt. Er wollte zurück in sein Leben, in sein eigenes Bett. Sich wieder bewegen können, ohne ein steifes, unbrauchbares Bein hinter sich herziehen zu müssen. Zusammen mit seiner Schwester und Freunden feierte er noch eine Abschiedsparty für das irreparable Bein: Sie bemalten es, machten noch einen Gipsabdruck des Fußes.

Das hört sich gefasst, ein wenig galgenhumorig an. Und doch war’s auch der Tiefpunkt seiner Geschichte. „Ich wusste ja nicht, was ist, wenn ich nach der Operation aufwache“, erklärt er die Situation heute. „Es ist ja nicht rückgängig zu machen.“

Nach dem Aufwachen: "Da ist etwas anders"

Und dann war es so weit. Felix wachte auf. Was er als Erstes fühlte? „Da ist etwas anders.“ Leichtigkeit. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Was ihn krank gemacht hatte, hatte er hinter sich gelassen. Er war bereit - für sein neues Leben.

Schon am Tag nach der Operation kam die Physiotherapeutin. Gemeinsam mit ihr erarbeitete sich Felix seine neue Beweglichkeit zurück. „Ich habe ständig trainiert, ich wollte es so sehr“, erinnert er sich. Schon nach einer Woche konnte er endlich nach Hause. Als der Beinstumpf endlich verheilt war, konnte auch eine Prothese aus Carbon angepasst werden.

100 000-Euro-Bein

Felix erlebte sich selbst hoch motiviert. „Ich hab' das Ding bei dem Orthopäden angezogen und bin hin- und hergelaufen, bis ich’s irgendwann konnte.“ Bald schon brauchte er keine Krücken mehr, genoss die neue Wendigkeit mit dem 100 000-Euro-Bein, das mit einem kleinen inwendigen Computer und viel Hydraulik funktioniert.

Und was jetzt kommt? Aktuell macht Felix Fischer ein Freiwilliges Soziales Jahr. Er fährt einen Schulbus für Kinder – das Automatikgetriebe macht’s möglich. Zusammen mit seiner Schwester wohnt er in einem Haus, das zufälligerweise optimal für Menschen mit motorischer Beeinträchtigung eingerichtet ist.

Und jetzt: Neue Perspektive gesucht

Und er ist auf der Suche. Obwohl sein alter Ausbildungsbetrieb in Gmünd ihn wieder zurückgenommen hätte, musste Felix sich eingestehen, dass der Beruf als Motorrad-Mechatroniker nicht mehr in sein Leben passt. Denn es gibt auch Tage, die schwerer sind als andere. Dann plagen ihn Schmerzen, dann kann er die Prothese nicht tragen, dann fehlt ihm auch mal die Kraft.

Und so hält er derzeit Ausschau nach einem Beruf, in dem er mit seiner Beeinträchtigung gut arbeiten kann und der ihm außerdem noch Spaß macht. „Es ist noch eine Reise mit offenem Ende“, sagt er.

Ziel: „Verantwortung für das eigene Leben übernehmen“

Und er ist unendlich froh darüber, dass er bei dem Unfall mit dem Leben davon gekommen ist. „Die Zeit, die ich habe, möchte ich jetzt nutzen mit Dingen, die mir Spaß machen, die mich glücklich machen.“ Sich anderen zuliebe zusammenreißen – das will Felix nicht mehr. Echte Freundschaften aber sind ihm wichtiger als je zuvor. Und auch sonst hat sich sein Blick auf die Welt verändert: „Jede Sekunde zählt.“

Er sei aufgewacht von der Träumerei, dass es eine heile Welt gebe. Er will Verantwortung übernehmen. „Früher hab ich das Leben einfach so passieren lassen und keine Entscheidungen getroffen.“ Damit soll nun Schluss sein. „Ich will präsenter in meinem eigenen Leben sein und das Beste draus machen.“

Felix Fischer ist einer, der Mut machen will, nein, einer, der Mut machen kann. Weil gerade er Grund gehabt hätte zu verzweifeln – aber genau das nicht getan hat. Nach einem schweren Motorradunfall hat der junge Mann ein Bein verloren. Aufgeben, sich verbuddeln und resignieren, stand aber nie zur Debatte. Er will sein Leben leben, gestalten. Vorbei sein sollen die Zeiten, in denen das Leben ihm einfach so passierte.

Lauer Frühlingsabend auf der Landstraße

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