Remshalden

Remshaldener Therapeutin Pia Voss-Höge rät Menschen nach dem Lockdown: So geht's raus aus der Selbst-Isolation

Voss
Pia Voss-Höge rät zu einer gewissen Milde: Auch an die wiedererlangte Nähe zu den Menschen muss man sich erst mal gewöhnen. © Benjamin Büttner

Raus aus dem Lockdown, rein ins Leben? So einfach ist das aber gar nicht. Ein Ausflug in den Zoo, ein Besuch im Biergarten, Einkaufen im Einzelhandel - ganz ohne Registrierung. Was früher Alltag war, ganz normale Momente in einem Tagesablauf, das macht so manchem heute zu schaffen. Seien es ganz simpel die Menschenmengen, die überfordern oder der knappe Abstand, den die Bedienung am Tisch einhält – leicht gerät da ins Schwitzen, wer sich die ganzen Monate zuvor penibel an die Corona-Vorgaben gehalten hat. Und das sei ja auch ganz klar, erklärt Psychotherapeutin Pia Voss-Höge. An die neue Freiheit müsse man sich manchmal langsam herantasten.

Geduld haben: „Der Mensch ist ja kein Auto“

Wem das schwerfällt, der sollte sich nicht zu große Schritte auf einmal vornehmen. Niemand muss sich die Wochenenden gleich von vorne bis hinten mit privaten Terminen und Einladungen zupflastern. Die Eindrücke, die ein Grillabend mit Freunden mit sich bringe, müsse so mancher sozial Entwöhnter erst mal verarbeiten. „Man muss eben realisieren, dass die Umstellung zurück zum Normalen auch eine Form der Anstrengung ist“, findet sie. Das braucht seine Zeit. Schließlich hat es ja auch gedauert, bis man sich an die Abstände und das Masketragen gewöhnt hatte. Also Geduld. Von null auf hundert in 10 Sekunden geht nicht! „Der Mensch ist ja kein Auto.“

"Angst" war im Lockdown wichtig und richtig

Jeder Einzelne, erklärt Voss-Höge, hat bestimmte Kernbedürfnisse: Kontrolle und Sicherheit, Selbstwert und Spaß seien einige davon. Je nachdem, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet, ist das eine oder andere Bedürfnis stärker ausgeprägt. Die Corona-Pandemie habe stark an dem gerüttelt, was Sicherheit bedeutet. Wer sich aber an alle Vorgaben gehalten hatte, hatte das Gefühl, ausreichend Kontrolle zu haben, um die eigene Sicherheit und Gesundheit maximal zu schützen.

Nun aber, mit dem Fallen der Regeln werden auch die anderen Menschen im System weniger gut kalkulierbar. Jedes Hinaustreten aus der selbst gewählten Distanzierung wird also ungleich gefährlicher wahrgenommen. Und während eine gewisse „Angst“ im Lockdown ja auch wichtig gewesen sei, müsse man sich nun rational vor Augen führen, dass gerade für Geimpfte das Leben – zumindest vorläufig – wieder recht gefahrlos starten könne.

"Was hat die Krise an Gutem bewirkt"

Wer mit all dem hadert, was in den vergangenen Monaten mit seinem Leben geschehen ist, dem rät die Therapeutin, sich vor Augen zu führen, was denn die Pandemie an Gutem zutage gefördert hat. „Dann kann ich mir überlegen, was ich davon beibehalten möchte.“ Und sie ist sich sicher, dass da die meisten Menschen etwas finden können. Schließlich musste sich jeder in verstärktem Maße mit sich selbst beschäftigen.

Die meisten haben irgendwann begonnen, das Beste aus der Situation zu machen, Dinge zu beginnen, die das Leben erträglicher machten.

Für manche waren die Hygienebestimmung auch ein Segen

So mancher habe vielleicht zwangsläufig gelernt, besser zu kochen. Andere haben womöglich das Lesen für sich entdeckt, wieder andere das Joggen, Yoga oder das Spazierengehen. „Jetzt gibt’s die Chance, zu gucken, was tut mir gut, was nehme ich mit in den neuen Alltag.“ Ihr sei aber durchaus klar, dass gerade Senioren sowie Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien schwer belastet gewesen seien. Letztere besonders lange, durch die ausgedehnten Zeiten der Schulschließungen.

Und dennoch - auch hier, da ist sie sich sicher - wird es Positives zu finden geben. Kleiner Seitenschwenk - für ihre Patientinnen mit Zwangserkrankungen, beispielsweise mit einem Waschzwang - sei die Pandemie beziehungsweise deren Begleitumstände ein Segen gewesen. Endlich nämlich, so berichtet die Therapeutin, hätten diese Personen es geschafft, sich weniger häufig die Hände zu waschen. Einfach, weil es endlich alle anderen auch taten. Das könnte gerne so weiterlaufen, findet auch Pia Voss-Höge. Immerhin - so selten wie in der letzten Saison sei sie noch nie erkältet gewesen.

Auf Händeschütteln könnte sie künftig gut verzichten

Sie für ihren Teil könnte auch gut damit leben, wenn die Zeiten des Händeschüttelns inzwischen nun endgültig vorbei wären. „Ich muss das nicht mehr haben.“ Natürlich werde sie im therapeutischen Rahmen ab und an darauf zurückkommen, schließlich tut es hier vielen Klienten gut, auf solch einfache Art eine gewisse Nähe herzustellen. Sonst aber könne sie gut drauf verzichten.

Und Menschen, die sie so richtig gerne mag, die umarmt sie ohnehin lieber gleich. Selbst inzwischen zweifach durchgeimpft ist das zum Teil schon möglich. „Das erste Mal ist es noch ein wenig seltsam, aber schon das nächste Mal wird es einfacher“, da ist sich die Psychotherapeutin sicher. Sie rät, nicht den Blick auf das zu richten, was noch nicht geht, sondern darauf, was schon geht.

Resilienz ist ausschlaggebend

Grundsätzlich seien die Menschen leichter durch die Krise gekommen und würden sich jetzt auch bei der Wiedereingliederung ins Sozialleben leichter tun, deren Resilienz ausreichend gepolstert sei. „Resilienz, das ist quasi das Immunsystem unserer Psyche“, erklärt sie. Dazu gehörte zum einen die persönliche Einstellung, also, ob jemand pessimistisch oder optimistisch in die Welt blickt. Wem es gelingt, eine gewisse Akzeptanz von unlösbaren Fragen zu entwickeln, hat einen weiteren Vorteil. Wer dann noch über Humor verfügt und in schwierigen Situationen Witziges aufspüren kann, weiterhin lachen kann, hat wirklich gute Karten.

Aber das Beste fürs Immunsystem und unsere Gesundheit seien noch immer soziale Beziehungen. Je erfüllender sie seien, desto besser sei der jeweilige Mensch etwaigen Belastungen von außen gegenüber gewappnet. Drum: Raus aus der sozialen Selbstisolation, hinein in die Arme der Freunde. Stück für Stück, in der Geschwindigkeit, in der jeder Einzelne gehen kann.

Raus aus dem Lockdown, rein ins Leben? So einfach ist das aber gar nicht. Ein Ausflug in den Zoo, ein Besuch im Biergarten, Einkaufen im Einzelhandel - ganz ohne Registrierung. Was früher Alltag war, ganz normale Momente in einem Tagesablauf, das macht so manchem heute zu schaffen. Seien es ganz simpel die Menschenmengen, die überfordern oder der knappe Abstand, den die Bedienung am Tisch einhält – leicht gerät da ins Schwitzen, wer sich die ganzen Monate zuvor penibel an die Corona-Vorgaben

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