Remshalden

Selbstversuch: Praktikum in der Kita - wie anstrengend ist der Job als Erzieherin?

Kindergarten
Susanne Eccard (3.v.r.) leitet den Kindergarten an der Ernst-Heinkel-Straße. Hier im Morgenkreis mit Chefin des Tages links neben sich. © ALEXANDRA PALMIZI

Ein Freitagmorgen im September. Hübsch verschieden sind die 22 Kinder, die an diesem Freitag den Kindergarten an der Ernst-Heinkel-Straße in Remshalden unsicher machen. Es ist eine kleine Einrichtung, eine Gruppe, ein Raum, ein Garten, eine Garderobe, ein Badezimmer, fertig.

Eine Küchenzeile steht im großen Mehrzweckraum. Ein Teil kann zwischendrin für die Vorschüler abgetrennt werden. Susanne Eccard leitet die kleine Einrichtung seit fünf Jahren. Normalerweise sind zwei Erzieherinnen am Kind. Eine Integrationskraft kümmert sich zusätzlich intensiv um eines der Kinder. Dies aber nur zu bestimmten Zeiten. Fehlt sie, muss das besondere Kind trotzdem weiterbetreut werden.

Fragen von links, rechts, nebenbei Tränen trocknen

Nach und nach trudeln die Kinder ein. Überall ein großes Hallo. Ab 8.30 Uhr wird’s langsam lauter, die ersten Spielpartner finden sich. Nebenher haben Eltern Redebedarf. Hier eine kleine Info im Türrahmen ausgetauscht, da einen baldigen Gesprächstermin ausgemacht. Susanne Eccard rotiert.

Ein Mädchenduo verkrümelt sich mit einigen Spielsachen in einem Tipi, das mitten im Zimmer steht und eine kleine Ruheoase bietet. In der Spielküche geht’s zunehmend geschäftig zu, schließlich hatten die Puppenkinder noch immer kein Frühstück. Praktikantin Ellen Jansen zaubert zusammen mit einem kleinen Basteltalent die Einladungen für den nächsten Elternabend.

Und die hier schreibende Redakteurin macht heute auch mit. Jetzt ist ein Spiel mit Luna dran. „Geißlein, versteck dich.“ Und das kann ordentlich zicken.

Fragen von allen Seiten

Nach und nach kommen mehr Kinder dazu, die mitmachen wollen. Nebenan fangen zwei weitere Kinder ein Formen-Legespiel an. Auch da braucht’s ab und an Hilfe. „Du bist dran!“, heißt’s jetzt von links. „Ist das so jetzt richtig?“, fragt’s rechts. Ein kleines Mädel meldet sich auf die Toilette ab. „Alles klar, sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“

Nebenan verzweifelt ein strubbeliger Bub. Ein wichtiges Puzzlestück ist nicht aufzufinden. Auf dem Boden findet sich’s. Drum herum Gewusel und Gehopse. Willkommen im Kindi-Alltag.

Einsatz von Springerkräften, damit die Kitas nicht geschlossen werden müssen

Das Problem: Die Personaldecke ist dünn. So dünn, dass Integrationshelferin Ulrike Seybold, die eigentlich nur nach einem Kind gucken müsste, und Susanne Eccard, die als Einrichtungsleiterin eigentlich ihren Bürotag haben müsste, zusammen mit der neuen Praktikantin den Laden schmeißen müssen.

Und in der Woche drauf sieht es noch viel enger aus. Dann sind jeden Tag andere Vertretungskräfte in der Kita. Damit ist zwar die Betreuung gesichert - aber die Kinder kennen die Springerkräfte oft nicht oder nur oberflächlich. Dabei sind feste Bezugspersonen das A und O einer gelingenden Kindergartenzeit.

Individuelle Beobachtung braucht Raum und Zeit

Was in solch einer knappen Personalausstattung auf der Strecke bleibt, ist die 1:1-Betreuung. Diese Zeiten, in denen individuelle Förderung stattfinden könnte. In solchen Momenten beobachten die Pädagoginnen nämlich stets verschiedene Kompetenzbereiche. Sie machen sich dazu Notizen, übertragen sie später in eine Gesamtschau.

Sie möchten wahrnehmen, an welchen Stellen das Kind vielleicht noch Förderung gebrauchen kann, auf welche Themen noch geachtet werden kann, um den Kleinen einen guten Start ins weitere Leben zu ermöglichen – dies, indem die Stiftehaltung trainiert, Farben geübt oder die Konzentrationsfähigkeit mit Memory-Spielen trainiert werden.

Susanne Eccard wirbelt

Um 9 Uhr startet der Morgenkreis: singen, sprechen, zählen üben. Die Kleinen sind begeistert, machen fröhlich mit. Dann allerseits Händewaschen. Im kleinen Badezimmer drängelt sich beinahe die gesamte Kindergartenbelegschaft – Große und Kleine.  Susanne Eccard wirbelt währenddessen im Gruppenraum.

Der wird in Windeseile in ein kleines Bistro verwandelt. Auf den Puzzle-, Spiel- und Maltischen verteilt sie Wachstischdecken, Teller und Becher. Dann Teekochen, zwischendrin bimmelt der Amtsbote. Schnell, schnell, gleich biegen wieder die Kinder mit großem Hunger ums Eck.

Sozialkompetenz muss trainiert werden

Heute werden sogar zwei Geburtstage gefeiert. Und so jubeln alle: Es gibt Butterbrezeln und zum Nachtisch ein Eis. Danach: Teller und Becher abräumen, wieder Händewaschen, das Bistro wird wieder zum Spielbereich umgebaut, alle Brösel versorgt. Dann wird gespielt, gebastelt, geknetet, jeder wie er mag.

Schnell kommt es zum ersten Streit. „Die wollen mich nicht mitspielen lassen“, jault ein kleiner Junge in die Arme von Susanne Eccard hinein, während sie gerade eigentlich mit einem anderen Jungen „Tempo, kleine Schnecke“ zu spielen versucht. Sie geht zu der Kindergruppe, wirbt darum, alle mitspielen zu lassen.

„Einerseits möchten wir gerne, dass alle mitspielen dürfen“, erklärt sie. „Schließlich muss man auch später mit Menschen kooperieren, mit denen man nicht beste Freunde wird. Gleichzeitig sollen sie auch frei in der Wahl ihrer Spielpartner sein. Aber da gibt es auch den ausgeschlossenen Jungen, der in ein Spiel begleitet werden soll.“ Ein pädagogischer Balanceakt zwischen polternden Bauklötzen und straffem Rahmenprogramm.

Schreibtischarbeit muss die Leiterin oft noch im Nachgang erledigen

Und eigentlich sollte die Kindergartenleiterin jetzt gerade ganz woanders sitzen. An ihrem Schreibtisch nämlich. Sechs Stunden ist sie wöchentlich für Verwaltungsaufgaben freigestellt. Weil aber ständig Erzieherinnen krank sind und ausfallen, ist sie viel häufiger als geplant in der Gruppe.

Die Schreibtischarbeit hängt sie dann hintendran, wenn die Kinder längst wieder über alle Berge sind. Ihre Einrichtung ist nur bis 13.30 Uhr geöffnet. Da gehe das noch.

„Aber meine Kolleginnen in den Ganztagseinrichtungen können das natürlich nicht so einfach machen.“ Und so sei der Arbeitsalltag ein ständiger Spagat zwischen den verschiedenen Aufgaben und Verpflichtungen. Und der Stress soll natürlich nicht für die Kinder spürbar sein.

Logopädische und ergotherapeutische Themen

Schmerzlich vermisst man in dem kleinen Kindergarten auch eine Sprachförderkraft. Allerdings - die Vorstellung, dreimal pro Woche für zwei Stunden in die Kita zu kommen, schreckt die meisten infrage kommenden Pädagogen ab. Dabei wäre es wirklich hilfreich. Etliche Kinder haben einen Migrationshintergrund, berichtet die Kita-Leiterin. Viele sind in logopädischer oder ergotherapeutischer Behandlung.

11 Uhr. Schon ist die Spielzeit vorbei. Jetzt werden die beiden Geburtstage zelebriert. Feierlichkeit auf Knopfdruck. Schöne Musik, Geburtstagsständchen, Kerzenschein und der Besuch der Handpuppe Lotte machen es möglich. Und dann heißt’s, „ab nach draußen!“

28 Kinder müssen ausstaffiert werden: Gummistiefel, Jacke, Schal und Mütze. Hier ist der Ärmel auf links, da klemmt der Schuh. Wie ging das noch mal mit dem Reißverschluss? Schnell noch mal aufs Klo. Da kann man schon mal ins Schwitzen geraten.

Endlich an der frischen Luft: Einmal durchatmen

Dann, die Kinder sind draußen, können alle erst mal durchatmen. Unheimlich gern arbeite sie mit den Kindern. „Ich liebe meinen Beruf, auch weil er so vielfältig ist“, erzählt sie. Aber die Rahmenbedingungen seien teilweise schon hart. „Ich erlebe es als zunehmend anstrengend.“ Es gebe heutzutage einfach viel mehr Kinder mit höherem Betreuungsbedarf als früher. Würde der Personalschlüssel noch einmal verringert werden, es hätte schwerwiegende Folgen.

Heute übertrügen manche Eltern Teile der Erziehungsarbeit einfach an die Kita. „Ihr seid doch die Profis“, sagten sie. Dann müsse man versuchen, auszubügeln, was den Kindern zu Hause nicht mehr beigebracht würde. Aber: Je größer die Gruppen gleichzeitig würden, desto weniger Zeit bleibe, um solche Situationen aufzufangen.

„Schon jetzt sind viele Einrichtungen an der Belastungsgrenze und die pädagogischen Fachkräfte haben das Gefühl, den einzelnen Kindern und ihren Bedürfnissen nicht gerecht zu werden“, erklärt sie.

Mehr Kinder, mehr Abstriche

Mehr Kinder bedeuteten zwangsläufig, dass Abstriche gemacht werden müssten. „Beispielsweise das Turnen oder Ausflüge fallen dann weg, da sonst die Sicherheit der Kinder nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Kitas werden dann nach und nach nur noch „betreuen“ und es werden viele Pädagoginnen abwandern“, schätzt sie.

Dementsprechend kann sie schon heute feststellen, dass es durchaus schwieriger werde, Praktikanten zu finden. Weil es eben auch immer weniger junge Menschen gebe, die sich für den Beruf interessieren.

Ein Freitagmorgen im September. Hübsch verschieden sind die 22 Kinder, die an diesem Freitag den Kindergarten an der Ernst-Heinkel-Straße in Remshalden unsicher machen. Es ist eine kleine Einrichtung, eine Gruppe, ein Raum, ein Garten, eine Garderobe, ein Badezimmer, fertig.

Eine Küchenzeile steht im großen Mehrzweckraum. Ein Teil kann zwischendrin für die Vorschüler abgetrennt werden. Susanne Eccard leitet die kleine Einrichtung seit fünf Jahren. Normalerweise sind zwei Erzieherinnen

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