Remshalden

Smartwatches auch an Grundschulen: Das sagen Lehrer und Eltern zum digitalen Begleiter

Smartwatch Kind
Smartwatches – viele Kinder gehen morgens mit einer solchen Uhr aus dem Haus. © zinkevych - stock.adobe.com

Es klingelt! Schule aus! An allen Ecken und Enden purzeln Kinder aus den Grundschulen. Es quirlt und lacht und kichert. Die meisten trollen sich schnell Richtung Heimat. Aber da sind auch immer einige, die treten erst mal zur Seite, wühlen in ihrem Ranzen und schnallen sich ein leuchtendes Etwas um das Armgelenk. „Mama, ich bin jetzt fertig, holst du mich ab?“, ruft ein kleines mittelblondes Mädchen ihrem Handgelenk zu.

Smartwatches - sie schießen derzeit aus dem Boden wie die Wiesenchampignons im Herbst. Auch Katrin Ellwanger, Leiterin der Grundschule Geradstetten, kann feststellen, dass die kleinen Geräte mehr und mehr Einzug halten. Auch wenn Handys dieser Tage in Schultaschen noch häufiger vorkommen, sind die intelligenten Uhren ein Thema im Schulalltag – dazu ein umstrittenes.

Schränken die smarten Uhren die Freiheit der Kinder ein?

Zum einen gilt: Für die Kinder vorsichtiger Eltern könnte eine solche Uhr, die jederzeit per GPS den aktuellen Standort verrät, eine gewisse Freiheit bedeuten. Schließlich könnten sie womöglich Dinge erlaubt bekommen, die ohne diese Kontrolle eher tabu wären, schätzt die Rektorin.

Andererseits nehme man den Kindern mit der permanenten Möglichkeit, erreicht zu werden, die Räume, um Selbstständigkeit und Selbstorganisation einzuüben. Und wer in jedem Moment seine Eltern um Hilfe fragen kann, fängt womöglich gar nicht erst an, selbst zu denken.

Zudem ermöglichen die Uhren den Kindern nicht nur das Telefonieren. Auch das Surfen im Internet, das Erstellen von Fotos oder Tonaufnahmen sind damit möglich. Zudem lässt sich mit dem kleinen Kästchen am Arm spielen. Und spätestens da ist klar – eine solche Uhr am Handgelenk bietet viel, im Zweifel zu viel Ablenkung vom Schulalltag.

Etliche Schulen im Kreis haben deshalb bereits Handlungsanweisungen herausgegeben. Mobiltelefone und andere elektronische Endgeräte müssen ausgeschaltet bleiben. Das Aufnehmen von Bildern oder Tönen ist aus Datenschutzgründen streng verboten. Die ein oder andere Schule behält sich gar vor, die Polizei einzuschalten, wenn gegen dieses Verbot verstoßen wird.

Das halten unsere Leser von Smartwatches

Leserin Corinna F. hält gar nichts davon, Kinder mit solchen Uhren auszustatten. Stattdessen hat sie mit ihren Kinder besprochen, wie sie ins Haus kommen, wenn sie selbst noch nicht wieder zurück ist. Von der Schule gab es zuletzt dazu gar einen Elternbrief, da es schon vorgekommen war, dass im Unterricht fotografiert, zu Hause angerufen oder Gespräche aufgenommen wurden. „Ich finde es wichtig, den Kids was zuzutrauen und ihnen zu vertrauen! Denn nur so können sie selbstständig werden und wachsen.“

Ralf M. und seine Frau haben zwei Kinder. Der Große hat bereits ein Smartphone, der Kleine mit sieben Jahren hat noch kein digitales Endgerät. Die Eltern sind der Meinung, dass mehr Kontrollmöglichkeiten eher zu mehr Sorgen führen, statt diese auszuräumen. Schließlich können solche Uhren auch ausfallen.

Kontrolle per Uhr ist störanfällig

Mal gibt’s kein Netz, mal ist der Akku leer, mal werden sie irgendwo vergessen. Die Familie fährt deshalb eine andere Strategie. „Lieber einen Plan B zurechtlegen“, erklärt der Familienvater ihre Taktik. In der Familie ist klar, wohin die Kinder gehen können und sollen, wenn sich die Eltern beispielsweise beim Abholen vom Sporttraining mal verspäten sollten.

Die beiden älteren Kinder von Matthias M. aus Remshalden dagegen haben eine Telefonuhr, berichtet er. „Mit diesen können sie nur drei voreingestellte Nummern anrufen oder angerufen werden. GPS-Tracking ist nicht möglich. Spiele auch nicht.“ Die Uhren sollen den Kindern im Notfall helfen. „Mehr halte ich für ablenkend und überflüssig.“

Mutter Emilia A. hält nicht viel von Smartwatches. Sie befürchtet, die Kinder könnten so gar nicht erst lernen, sich an Absprachen zu halten, wenn sie sich daran gewöhnten, dass man sie immer orten und erreichen kann.“ Kinder sollten Selbstständigkeit lernen, sollten wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie beispielsweise in einen falschen Bus einsteigen oder die Eltern sich beim Abholen verspäten. Gewöhnen sie sich an eine Smartwatch, werden [sie] nur wissen, „ich muss Mama/Papa anrufen“.

Außerdem ist sie der Meinung, dass kleinere Kinder unter zehn Jahren ohnehin nicht viel in der Stadt oder woanders alleine zu suchen haben. Größere, die mehr alleine unterwegs seien, müssten die Selbstständigkeit und alles, was dazu gehört, lernen. „Dabei sollen die Erwachsenen ihre Kinder begleiten, aber nicht mit einer Uhr, sondern mit ihrer eigener Person.“ Nur so könnte man die Kinder darin stärken, sich sicher in der unsicheren Welt zu bewegen.

Recht auf Eigenständigkeit?

„Zudem haben Kinder meiner Ansicht nach ein Recht auf Eigenständigkeit. Wenn mein Sohn noch durch die Stadt bummeln will, meine Tochter sich mit Freundinnen auf dem Schulhof trifft, dann dürfen sie das, ohne dass ich sie per GPS orte oder ihnen hinterhertelefoniere.“

Viktoria M. hat da eine ganz andere Meinung: „Hätte ich damals diese Möglichkeit gehabt, dann wären meine Kinder damit ausgestattet worden.“ Sie gehöre selbst zu den Helikoptermüttern, gibt sie gerne zu. „Allerdings hätte ich diese Geräte nicht zur Überwachung, sondern zur Unterstützung genutzt, um meinen Kindern mehr zu erlauben.“

Mit Schulkindern Abmachungen treffen

Lissy W. hat zwei Töchter (acht und zehn Jahre). Beide haben weder Smartwatch noch Smartphone. „Ich bin sehr froh, wenn ich dies so lange wie möglich herauszögern kann. Kontrollieren möchte ich meine Kinder nicht. Ich hab ein hohes Vertrauen in meine Kinder und meine Umwelt.“

Allerdings, so fügt sie hinzu, arbeite sie von zu Hause aus und sei auf diese Weise immer erreichbar sowie vor Ort, wenn die Kinder mal früher oder später aus der Schule kommen. „Aber auch sonst, finde ich, kann man mit Schulkindern Verabredungen treffen und klare Regeln ausmachen.“ So könnten die Kinder lernen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und aus schwierigeren Situationen (Zug verpasst) selbst herauszukommen.

Diskussionen zuhauf, Uhren verkaufen sich aber bestens

Auch wenn Pädagogen und viele Eltern nur mäßig begeistert von den smarten Uhren am Handgelenk sind, ist die Nachfrage nach Smartwatches währenddessen ungebrochen groß. Während beim Spielzeuggeschäft E&E in Remshalden eher die verspielte Version verkauft wird, ist beim Schorndorfer Kaufhaus Bantel die erwachsene Variante zu erstehen. Und die wird bestens verkauft, weiß Christina Bantel-Wild.

Die Sozialpädagoginnen Edeltraud Egle-Illg und Annika Blickle haben sich an der Realschule Remshalden mit den Jugendlichen über das Thema unterhalten. Das Ergebnis ihrer kleinen Recherche: Den Schätzungen der Remshaldener Realschüler zufolge haben zwischen 20 bis 30 Prozent ihrer Schulkameraden eine solche Uhr.

„Die Smartwatch wird vor allen Dingen als Uhr verwendet“, berichtet Annika Blickle. Überraschend wenig Whatsapp wird offenbar auf dem kleinen Gerät genutzt, dafür messen viele der Schülerinnen und Schüler ihre Schritte, machen mit seiner Hilfe Bewegungsübungen, messen gar den Blutdruck. Häufig werde damit aber auch Musik gehört, Spiele und Apps sind ebenfalls beliebte Funktionen.

Das Problem aus Sicht der Pädagoginnen: „Man hat das Gerät permanent am Körper, es wird sogar am Körper genutzt.“ Damit muss man nicht einmal mehr das Gerät aus der Tasche holen wie ein Handy. Die Sorge: „Womöglich kann man so noch schneller in eine Abhängigkeit rutschen.“

Es klingelt! Schule aus! An allen Ecken und Enden purzeln Kinder aus den Grundschulen. Es quirlt und lacht und kichert. Die meisten trollen sich schnell Richtung Heimat. Aber da sind auch immer einige, die treten erst mal zur Seite, wühlen in ihrem Ranzen und schnallen sich ein leuchtendes Etwas um das Armgelenk. „Mama, ich bin jetzt fertig, holst du mich ab?“, ruft ein kleines mittelblondes Mädchen ihrem Handgelenk zu.

Smartwatches - sie schießen derzeit aus dem Boden wie die

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