Remshalden

Stahlbildhauer Gert Riel aus Remshalden: Braucht’s in Zeiten von Pandemie und Krieg noch Kunst?

Gert  Riel
Gert Riel in seiner Werkstatt, hinter ihm eine aktuelle Arbeit mit gespanntem Stahl, vorne Objekte einer früheren Phase, © Gabriel Habermann

Da sitzt Gert Riel an seinem hölzernen Esstisch zusammen mit seiner Frau Hatti. Ringsum im Raum Bücher in den Regalen bis unter die Decke, abstrakte Bilder, Radierungen an den Wänden, Blumen mit malerisch verwelkenden Tulpen auf einem Sideboard, das alte Zeichnungen beherbergt. Die trocknenden Blumen stehen extra noch da. Die dürfen das. Sollen das. Sein. Einfach so. Wie sie eben sind.

Zum Achtzigsten eine Rückschau? Nicht mit Riel

81 Jahre ist der Stahlbildhauer inzwischen. Wegen der Corona-Pandemie gehen die Ausstellungen zum Geburtstag, der sich 2020 gerundet hätte, erst jetzt zu Ende. Auch das Künstlerleben ist von der Pandemie durcheinandergeraten. Kaum noch Ausstellungen, kaum Besucher. Wenig Kontakt mit Künstlerkollegen. Das war für Riel, der als Mitglied des Deutschen Künstlerbundes bis heute viel ausstellt, viel im Austausch ist, etwa Neues.

Am Ende sei’s aber gar nicht so schlecht gewesen wie zunächst befürchtet, findet er. Endlich konnte er sich mal in Ruhe zurückziehen mit seinem Material – in seiner Werkstatt, die sich an sein altes, renoviertes Bauernhaus in Remshalden-Buoch anschließt. Hier hat er gearbeitet mit Schraubzwingen, Gurten und Ideen, unter anderem für die Ausstellung „Spannungsfelder“ anlässlich seines runden Geburtstags im Museum Art Plus, die jetzt in Donaueschingen zu Ende geht.

Besucher immer wieder in Sorge: „Hält das?“

Sein Material, das ist alles, aber nicht gefällig. Es ist brachial. Stahl. Schwerer geht’s ja kaum. Er bändigt es mit Muskelkraft und Spanngurten. Große Bleche in enormer Dicke zwingt er in die Biegung, stellt sie unter Spannung. Gerade so, dass nichts bricht. Würden die Gurte gelöst, schnappten die Flächen wieder auseinander in ihre Ausgangsformen.

Und diese Spannung, diesen Drang nach spontaner Entfaltung, die fühlt jeder, der vor seinen Werken steht. Und so wird ihm von Besuchern seiner Ausstellungen auch eine Frage immer wieder gestellt: „Hält das?“ Ja, das hält, das ist alles berechnet – mit reichlich Sicherheitspuffer, erklärt er dann immer wieder. Da passiert nichts. Immerhin seit Jahrzehnten arbeitet er jetzt mit Stahl, er kennt sich aus.

Riel probiert, studiert, baut Modelle

Der Stahl, der spricht mit ihm. Er hat ihm was zu sagen, mit seiner Struktur, mit seinen Farbabstufungen. Riel setzt sich dem in seiner Werkstatt aus, probiert, studiert, baut Modelle aus einer Pappe, die sich in kleinerem Maßstab 1:1 wie der Stahl verhält. Und dann lässt er sich treiben. Eine Arbeit führt zu anderen. Lässt die folgende zu neuen Polen streben. Und so war es für ihn völlig undenkbar für seine Jubiläumsschau in Donaueschingen, einfach längst abgeschlossene Stücke auszustellen. „Ich lass es doch nicht zum Achtzigsten hin einfach auslaufen! Im Gegenteil.“

Jetzt erst recht: Mit 80 noch mal Neues entdecken

Jetzt wollte er noch einmal einen Sprung machen, etwas wagen, eine neue Seite entdecken. „Noch nie habe ich so groß gearbeitet.“ Manche Objekte erstrecken sich über vier Meter. Die Extremzustände des Materials, die wollte er noch einmal im ganz Großen ausloten. Und das ist übrigens gar nicht so günstig. Die Stahlpreise haben sich in der letzten Zeit verdoppelt, nicht nur für die Industrie, auch für Künstler.
Aber er investierte. Genau diese Arbeiten mussten es sein.

Und so entstand im Untergeschoss des Museums eine Installation, die Riel einzig für diesen Raum konzipiert hatte. Neun etwa gleich große Stahlplatten sind einzeln gespannt - liegen nebeneinander. Spannungen in Beziehungen gesetzt.

Konkrete Kunst? Kategorien sind Riel zu eng

Riel wurde oft von Kritikern, Wissenschaftlern und sonstigen Rezipienten einsortiert in die Kategorie der Konkreten Kunst. Also in eine Kunstrichtung, die keine symbolischen Bedeutungen transportieren will, die nichts anderes zeigen soll als sich selbst. Und natürlich geht’s Riel um den Arbeitsprozess und um das Ding, den Stahl an sich. Um seine möglichen Extremzustände, ergänzt er. Aber doch steckt da mehr in seiner Arbeit. Assoziationen will er freisetzen, Spannungsfelder erlebbar machen und damit Sichtmöglichkeiten eröffnen. Auf den Zustand des Einzelnen, aber auch auf den Zustand der Welt.

Und so sei ihm nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges beinahe so, erklärt er, als müsste die Installation in Donaueschingen eigentlich noch einmal verändert werden, durcheinandergebracht werden, so wie die Welt sich ineinander verharkt hat und unter Druck steht. Mit bislang unvorhersehbarem Ende. Reißt alles auf? Oder lässt sich die Spannung auf Dauer bändigen?

Welche Aufgaben gibt’s für Künstler, in einer Welt, die aus den Fugen gerät?

Aber wozu braucht’s die Kunst in so einer Welt, die getrieben ist von Pandemie, Krieg und Elend? Gibt es angesichts all des Leids eine Daseinsberechtigung für solche physikalisch-künstlerischen Experimente? „Davon bin ich überzeugt“, sagt er und streicht mit seiner Hand über das weiche Holz des Tisches vor sich. Nicht umsonst sperrten autoritäre Staaten gerne Künstler ein: Bildhauer, Maler, Musiker, Autoren. „Die stören einfach, weisen auf Dinge hin, machen Dinge spürbar.“ Und so ist er sich sicher: „Die Kunst kann was, sie verändert was, macht aufmerksam.“

Er lebt für die Kunst - und von der Kunst

Gert Riel wurde 1941 in Prien am Chiemsee geboren, studierte Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Rudolf Hoflehner, machte sich in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland seit 1968 einen Namen, bekam etliche Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum, nahm an mehreren Symposien teil, arbeitet in öffentlichen und privaten Sammlungen, unterrichtete an der Abteilung für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bis 2005. Riel ist Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg und Verband Bildender Künstler sowie Mitglied im Deutschen Künstlerbund.

Er erhielt 1989 den Erich-Heckel-Preis des Künstlerbundes Baden-Württemberg. Bis heute lässt ihn die Kunst nicht los. Der Stahl lockt ihn immer wieder ins Atelier. „Es gibt so viele neue Möglichkeiten, so viele Modellarbeiten, die kann ich gar nicht abarbeiten.“

Da sitzt Gert Riel an seinem hölzernen Esstisch zusammen mit seiner Frau Hatti. Ringsum im Raum Bücher in den Regalen bis unter die Decke, abstrakte Bilder, Radierungen an den Wänden, Blumen mit malerisch verwelkenden Tulpen auf einem Sideboard, das alte Zeichnungen beherbergt. Die trocknenden Blumen stehen extra noch da. Die dürfen das. Sollen das. Sein. Einfach so. Wie sie eben sind.

Zum Achtzigsten eine Rückschau? Nicht mit Riel

81 Jahre ist der Stahlbildhauer inzwischen.

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