Remshalden

Urbach, Rudersberg, Plüderhausen, Winterbach und Remshalden wollen vorerst keine Luftfiltergeräte

Klassenzimmer lüften
Könnten Luftfilter Schulschließungen im Winter verhindern? Viele Kommunen sind nicht so ganz überzeugt. © ALEXANDRA PALMIZI

Schorndorf und Winnenden machen es vorerst nicht, Waiblingen wohl schon: So unterschiedlich wie die Bewertung der Technik in der Fachwelt sind die Entscheidungen der Städte und Gemeinden bei den mobilen Luftfiltern für Schulen und Kitas. Diese, so die Hoffnung bei vielen, könnten das kommende Schuljahr retten, falls die Corona-Zahlen im Herbst wieder steigen, sie könnten Schulschließungen vermeiden und in der kalten Jahreszeit das lästige Fensterlüften reduzieren. Was machen die Gemeinden rund um Schorndorf: Schaffen sie Geräte an? Nachgefragt in Urbach, Rudersberg, Plüderhausen, Winterbach und Remshalden.

Urbach hat in CO2-Ampeln investiert und setzt auf Stoßlüften

In der Urbacher Wittumschule sind laut der Bürgermeisterin Martina Fehrlen einige Räume bereits aufgrund der erst vor kurzem neu eingebauten Heizungs- und Abluftanlage mit geeigneten Luftfiltern ausgestattet. Es werde aktuell vor Ort geprüft, ob durch geänderte Belegungspläne diese Räume insbesondere für die Zielgruppe der Zwölf- bis 16-Jährigen genutzt werden könnten.

Generell werde die Gemeindeverwaltung mit den Rektoren und Rektorinnen der Schulen und dem Bauamt eine Konferenz zur Besprechung der Lüftungssituation durchführen. Die betreffenden Personen seien alle bereits informiert und erheben aktuell die Rahmenbedingungen vor Ort. Eine abschließende Bewertung zum Thema Luftfilter sei daher aktuell noch nicht möglich. „Das Problem an Luftfilteranlagen ist unter anderem, dass diese einen permanenten Geräuschpegel verursachen, der insbesondere die Schülerinnen und Schüler, die in der Nähe des Geräts sitzen, ablenkt und stört“, schreibt Martina Fehrlen auf Nachfrage. „Das Stoßlüften ist laut Expertenmeinung die effizientere Maßnahme, um den Aerosolgehalt in der Luft deutlich zu reduzieren.“ Auch steigere die frische Luft die Konzentrationsfähigkeit.

„Wir haben als Träger bereits im Winterhalbjahr alle Klassenzimmer der Wittumschule und der Atriumschule mit CO2-Ampeln ausgestattet“, schreibt Martina Fehrlen zudem. „Als Nächstes werden alle Gruppenräume unserer Kitas mit derartigen Ampeln ausgestattet.“ Mit den Ampeln habe die Gemeinde sehr gute Erfahrungen gemacht und nutze diese inzwischen auch im Servicebüro und im Besprechungsraum im Rathaus, wo zum Beispiel der Ältestenrat tage.

„Die Ampeln bewerten anhand der CO2-Konzentration die Qualität der Raumluft. Das Lichtband macht die Luftqualität in den Farben Grün, Gelb und Rot sichtbar und animiert somit zum Lüften“, erklärt Martina Fehrlen. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die Ampel auf Gelb springt.“ Das Lüften funktioniere auch im Winter gut. „Alle haben sich darauf eingestellt und zum Beispiel eine zusätzliche Strickjacke mitgebracht.“ Die Verwaltungschefin betont zudem, dass es laut Rückmeldung des Gesundheitsamtes bei der Entscheidung, ob eine Klasse in Quarantäne muss oder nicht, wohl keine Rolle spiele, ob ein Luftfilter vorhanden sei oder nicht.

Trotz Luftfilter weiterhin lüften, so die Erfahrung in Rudersberg

In Rudersberg prüft die Verwaltung gerade gemeinsam mit dem Schulzentrum, wie viele Klassenzimmer überhaupt im Rahmen des geplanten Förderprogramms einen Luftfilter bekommen könnten. Dieses sei nämlich bislang nur für Klassenräume der Stufen 1 bis 6 geplant, die nicht ideal belüftet werden können. Ganz überzeugt ist Bürgermeister Raimon Ahrens vom Nutzen der Geräte indes nicht, schließlich sei dieser auch unter Experten umstritten.

Außerdem können die Geräte das Lüften nicht ersetzen. „Das sind auch die Erfahrungen, die wir in Schlechtbach gemacht haben“, sagt Ahrens. Dort gibt es seit einer Spende der Rudersberger Firma ELT in der Grundschule ein solches Gerät. Und „die CO2-Ampeln schlagen auch bei Verwendung der Geräte nach einer bestimmten Zeit an, Lüften müssen wir trotzdem.“ Zudem machten die Luftfilter hörbare Geräusche. Das gelte es bei der Entscheidung zu bedenken. „Man muss ehrlicherweise auch sagen: Das Landesprogramm deckt nur 50 Prozent der Kosten für die Anschaffung.“ Für Wartung und Betrieb blieben daher „nicht unerhebliche Kosten“ bei den Kommunen hängen. Ahrens sagt deshalb: „Wo es Sinn macht und eine Verbesserung darstellt, sind wir bereit, schnell zu handeln.“ Man müsse sich das aber konkret im Einzelfall anschauen und das Kosten-Nutzen-Verhältnis betrachten.

Plüderhausen will zunächst abwarten auf Nachbarkommunen

Benjamin Treiber, seit kurzem Bürgermeister von Plüderhausen, hat sich mit der Schulleitung der Hohbergschule bereits über den Bedarf an Luftfiltern ausgetauscht. „Wir haben intensiv über das Thema debattiert und sind uns einig, dass wir zunächst abwarten wollen.“ Zum einen sei die Diskussion auf Landesebene noch nicht abgeschlossen – und zum anderen noch gar nicht sicher, wie groß der Nutzen der Geräte überhaupt sei. Der Gemeindetag habe deshalb auch keine Empfehlung zur Anschaffung ausgesprochen.

„Wir wollen uns in zwei, drei Wochen noch mal über das Thema unterhalten und als kleines Plüderhausen nicht Vorreiter sein. Wir waren uns einig, dass wir auf die großen Nachbarkommunen schauen und dann schnell reagieren.“ Finanziell seien Anschaffung und Wartung der Geräte nicht ohne, gibt Treiber zu bedenken – doch die Schule wisse um die klamme Haushaltssituation der Gemeinde. Und zum Glück könnten in Plüderhausen alle Klassenzimmer belüftet werden.

Winterbach: Neuere Gebäude der Schule haben Lüftungsanlage

In Winterbach ist die Lehenbachschule in der glücklichen Situation, dass zwei Gebäude, die erst vor wenigen Jahren neu gebaut beziehungsweise grundlegend saniert und umgebaut wurden, bereits mit einer Lüftungsanlage ausgestattet sind. Im Mensagebäude und das sogenannte Rektoratsgebäude, in dem auch Klassenzimmer und Fachräume sich befinden, tauschen sie die Luft aus, ohne dass ein Fenster geöffnet werden müsste. Die Schule hat sich bisher trotzdem an die vom Land vorgegebenen Regeln gehalten, in regelmäßigen Abständen während des Unterrichts die Klassenzimmer stoßzulüften.

Die Räumlichkeiten in den Gebäuden ohne Lüftungsanlage, was zum Beispiel die der Grundschule sind, könne man über die Fenster gut lüften, sagt Bürgermeister Sven Müller. Derzeit plant die Gemeinde nicht, mobile Luftfiltergeräte anzuschaffen. Man folge der Grundhaltung des Gemeindetags, sagt Müller: „Dass zu wenig Untersuchungen vorliegen, die die Sinnhaftigkeit bewahrheiten und beweisen.“ Deswegen warte man ab, ob sich an der Bewertung durch die Fachwelt noch etwas ändere.

Aus der Lehrer- und Elternschaft komme bei dem Thema aber auch kein Druck, sagt der Bürgermeister. Die Gemeinde sei in engem Austausch mit Vertretern von Schulen und Kitas.

Remshalden: Emotionen helfen nicht weiter, sagt Reinhard Molt

Remshaldens Bürgermeister Molt wünscht sich beim Thema Luftfilteranlagen in Schulen eine Versachlichung der Diskussion, „Emotionen helfen hier nicht weiter. Nach Aussagen von Virologen und Thermodynamikern kann der Einsatz von Luftreinigern nur eine Ergänzung zu den weiterhin anzuwendenden AHA+L-Regeln sein. Das Stoßlüften ist in sämtlichen Innenräumen das A und O. Spezialisten raten den Einsatz von Luftfiltern dort an, wo überhaupt nicht oder nur sehr schlecht gelüftet werden kann. Solche Räume, in denen sich Kinder dauerhaft aufhalten, gibt es nach meiner Kenntnis in Remshalden nicht. In anderen Räumen ist die nachgewiesene Wirkung von mobilen Luftfilteranlagen äußerst gering.“

Zu beachten sei in diesem Zusammenhang ebenfalls, dass im Falle der Infektion einer Schülerin oder eines Schülers mit dem Coronavirus, die ganze Schulklasse trotzdem in Quarantäne geschickt werde (Stand heute). Unabhängig davon, ob Luftfilter eingesetzt werden oder nicht. Vor diesem Hintergrund prüfe die Gemeinde Remshalden momentan ihre Klassenzimmer in den Schulgebäuden. Sollten sich entsprechende Defizite herausstellen, wird die weitere Vorgehensweise gemeinsam mit der Schulleitung besprochen. Im Einzelfall wird dann entschieden, ob Luftfilteranlagen installiert werden sollen.

Ferner müsse auch die Lärmbelastung für die Kinder bei der Diskussion beachtet werden. Diese Geräte erzeugen bei Volllast bis zu 60 Dezibel! Das sei die Lautstärke eines normalen Gesprächs oder eines leisen Radios und könne die Konzentration während des Unterrichts bereits stören.

„Mal wieder bin ich von den Fördermodalitäten des Landes enttäuscht. Erstens: Warum werden nur 50 Prozent der Kosten gefördert? Wer bestellt, der zahlt. Und zwar dauerhaft. Zweitens: Weder die Steuerkraft noch die finanziellen Rücklagen einer Kommune werden berücksichtigt. Somit werden mal wieder die großen und finanzstarken Kommunen den Kuchen unter sich aufteilen. Traurig!“

Schorndorf und Winnenden machen es vorerst nicht, Waiblingen wohl schon: So unterschiedlich wie die Bewertung der Technik in der Fachwelt sind die Entscheidungen der Städte und Gemeinden bei den mobilen Luftfiltern für Schulen und Kitas. Diese, so die Hoffnung bei vielen, könnten das kommende Schuljahr retten, falls die Corona-Zahlen im Herbst wieder steigen, sie könnten Schulschließungen vermeiden und in der kalten Jahreszeit das lästige Fensterlüften reduzieren. Was machen die Gemeinden

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