Remshalden

Von Remshalden nach Odessa: Phil Wouters holt 83-Jährige aus Ukraine-Krieg

WoutersOdessa
Phil Wouters, 27 Jahre alt, konnte nicht anders: Als er den Hilfeaufruf einer ehemaligen Kollegin las, wurde er sofort aktiv und reiste nach Odessa, um eine ihm bis dahin fremde 83-Jährige aus dem Krieg herauszuholen. © Gaby Schneider

Katy Maas' Oma ist 83 Jahre alt und wohnt eigentlich in Odessa. Alleine. Ihr Ehemann ist schon lange tot und auch der spätere Partner ist vor kurzem gestorben - an Corona. Jetzt plagt sie das nächste Elend. Der Krieg. Der eine Sohn in München, der andere in Kiew, die Enkelin in Frankfurt. Weg wollte Alla Maas aus ihrer Heimat, in der sie seit Jahrzehnten lebt, zunächst trotzdem nicht.

„Das Schicksal wird schon entscheiden“, sagte sie immer. Allerdings: Die zwei jungen Frauen, die sich stets um sie kümmerten, für sie einkaufen gingen, sie zu Arztbesuchen begleiteten, haben das Mehrfamilienhaus inzwischen verlassen. Dafür kamen zuletzt die Schüsse und mit ihnen der Krieg immer näher. Ganz in der Nähe ist ein Militärposten. Das ist in einem Krieg gefährlich. Alla Maas' Panik wuchs.

Phil Wouters fand auch den Fahrer übers Internet

„Man hat am Telefon gespürt, wie sie immer unruhiger und kraftloser wurde“, berichtet Enkelin Katy Maas. Und irgendwann stimmte ihre Großmutter zu. Wenn ihre Familie jemanden organisieren könnte, der sie aus Odessa rausholte, sie würde mitgehen. Sofort setzten ihre Familienmitglieder sämtliche Hebel in Bewegung,

Enkelin Katy vor allen Dingen die digitalen. Auf Instagram bat sie um Hilfe, eine Freundin teilte ihren Aufruf auf Facebook. Phil Wouters, ein ehemaliger Kollege dieser Freundin las das – und wurde aktiv. Obwohl er weder Katy noch ihre Oma kannte. „Ich hab irgendwie gespürt, dass ich da jetzt was machen muss“ erklärt er heute.

Der ehemalige DRKler, der aktuell beim SSB eine Umschulung zum Busfahrer macht, hatte aber zunächst keine Ahnung, wie das geschehen könnte. Aber Stück für Stück fügte sich eines zum anderen. Auf Ebay-Kleinanzeigen fand er einen Fahrer mitsamt einem Transporter: David Grimshandl aus Heidelberg. Er war auf der Gebrauchtwarenbörse im Internet ebenfalls auf der Suche nach jemanden gewesen, der mit ihm zusammen Hilfsgüter in Richtung Ukraine bringen würde.

Bei Minus zehn Grad an der ukrainischen Grenze übernachtet

Gemeinsam organisierten sie alles. Spenden wurden gesammelt. Nach vier, fünf Tagen ging‘s los. Ursprünglich hätte die alten Damen ihnen in der Grenzstadt Palanca (Moldawien) übergeben werden sollen. Das aber klappte plötzlich nicht mehr. „Dann haben wir gesagt, fahren wir eben nach Odessa rein“, erzählt Wouters. Das war am Freitagabend.

Wegen der Ausgangssperre, die in der Ukraine nachts gilt, wären sie um diese Zeit nicht mehr weit gekommen. Hätten Soldaten sie entdeckt, hätten sie ohne Vorwarnung beschossen werden können. Also entschieden sie, an der Grenze zu übernachten. Morgens wollten sie weiterfahren.

Zu wenig Platz im Auto: Spenden frühzeitig verteilt

Ein Problem allerdings gab es: Das Auto war bis unter die Decke mit Hilfsgütern vollgestopft. Im Auto gab es keinen Platz, um darin zu schlafen. Also gaben sie den Großteil ihrer Güter ab: Medikamente, Verbandsmaterial und Ähnliches. Alles konnte hier gut gebraucht oder weitervermittelt werden. Zwei Schlafsäcke und einige Decken behielten sie vorläufig für die Nacht.

Bei minus zehn Grad schliefen sie im Transitbereich der Grenze zwischen Moldawien und der Ukraine. Hier stehen zwei Zelte. In einem können sich die ukrainischen Flüchtlinge aufhalten, im anderen bekommen sie etwas zu essen. Dort lernten die deutschen Helfer vier Frauen kennen, die noch einmal zurück nach Odessa wollten. Sie hatten sich und ihre Familie in Sicherheit gebracht, wollten nun aber noch ein paar Habseligkeiten aus ihren Wohnungen holen, solange es möglich wäre.

Eine Hand wäscht die andere

Wouters und Grimshandl nahmen sie gerne mit, als sie am nächsten Morgen nach Odessa aufbrachen. Zum Glück, wie sich herausstellte.

Denn eine der Frauen konnte ihnen als Übersetzerin an diversen Checkpoints weiterhelfen. Dann schließlich gelangten sie in die Stadt. Auf einem Satellitenbild war markiert, in welchem Haus die Helfer Alla Maas finden konnten. „Es war ein siebenstöckiges Haus“, erinnert sich Phil Wouters. In einem Wohngebiet am Stadtrand.

Die Läden waren geöffnet, Busse und Bahnen fuhren. Mit einer PIN-Nummer konnten die beiden die Tür zu Alla Maas' Haus öffnen. Dann klingelten sie bei deren Nachbarin im ersten Stock. Und tatsächlich. Hier wartete die alte Dame auf sie. Aus Angst hatte sie die vergangenen Tage hier verbracht.

Nicht eine Nacht länger auf der Reise sein

Sie halfen ihr, die nach etlichen Schlaganfällen nicht mehr gut zu Fuß ist, heraus und in den VW-Bus. Traten sofort die Rückreise an. Sie wollten nicht noch eine Nacht länger hierbleiben. Auf dem Weg zur Grenze brachten sie noch die vier Frauen zu ihren Wohnungen, standen dann aber erst mal wieder stundenlang an der Grenze an. „Weil alles raus wollte“, berichtet Wouters.

Hier trafen sie wiederum auf zwei alte Frauen und einen alten Mann, die ebenfalls nach Deutschland wollten, um bei ihrer Verwandtschaft Zuflucht zu suchen. Sie stiegen zu und nahmen neben Alla Maas Platz. Alle jubelten, als sie die Grenze überquert hatten. Endlich in Sicherheit.

Große Dankbarkeit und Erleichterung, dass Alla Maas nun in Sicherheit ist

Als die ungewöhnliche Reisegruppe am darauffolgenden Tag gegen 22 Uhr in München ankam und Alla Maas bei ihren Kindern abgeben konnte, waren alle überwältigt vor Freude. „Es ist eine so große Beruhigung, dass sie jetzt in Sicherheit ist“, findet ihre Enkeltochter. „Und sie ist jetzt wieder voller Lebensfreude. Es ist ein Wunder, dass sie nun bei meinen Eltern sein kann.“

Die anderen drei betagten Flüchtlinge setzten Wouters und Grimshandl in die entsprechenden Züge, mit denen sie zu ihren Familien reisen konnten.

Warum die Mühe?

Warum Phil Wouters diese Mühen auf sich genommen hat? „Ich habe den Facebook-Post gesehen und irgendwas hat in mir gesagt: „Mach das!“ Was es letztendlich war, keine Ahnung.“ Aber als er dann recherchierte und herausfand, dass in Palanca kaum Hilfsangebote für Flüchtlinge vorhanden sind, zog er es einfach durch. Und ist auch im Rückblick einfach nur froh darüber.

Katy Maas' Oma ist 83 Jahre alt und wohnt eigentlich in Odessa. Alleine. Ihr Ehemann ist schon lange tot und auch der spätere Partner ist vor kurzem gestorben - an Corona. Jetzt plagt sie das nächste Elend. Der Krieg. Der eine Sohn in München, der andere in Kiew, die Enkelin in Frankfurt. Weg wollte Alla Maas aus ihrer Heimat, in der sie seit Jahrzehnten lebt, zunächst trotzdem nicht.

„Das Schicksal wird schon entscheiden“, sagte sie immer. Allerdings: Die zwei jungen Frauen, die sich

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper