Remshalden

Was Jugendliche in der Corona-Pandemie über Impfprivilegien denken: „Am Ende sind wir wieder die Deppen“

Jugendliche frustriert
Till Eisenbraun fehlen die lockeren Begegnungen mit Altersgenossen. © ALEXANDRA PALMIZI

Till Eisenbraun ist 15 und einigermaßen frustriert. Seit über einem Jahr ist sein Leben aus den Angeln gehoben. Statt sich mit seinen Freunden draußen zu treffen und zusammen mit den Kollegen von der Remshaldener Jugendfeuerwehr zu üben und Spaß zu haben, ist er auf sich selbst gestellt. Immerhin - ab kommenden Montag können die Schülerinnen und Schüler wieder etwas aufatmen. Die Inzidenz war anhaltend niedrig genug, der Wechselunterricht kann starten. Trotzdem – optimistisch ist Till noch nicht so recht.

DIe Motivation beim Homeschooling lässt nach

Klar war der Sommer 2020 besser. Klar kann er sich mit Freunden im Wald treffen. Grundsätzlich aber saß er in den letzten Monaten stundenlang vor dem Computer, um dort am Online-Unterricht teilzunehmen - und das wird auch während des Wechselunterrichtes noch häufig der Fall sein. Leider klappe das immer schlechter, je länger der Zustand anhalte, die Motivation werde einfach immer geringer. „Ich brauch zum Lernen einfach die Situation im Klassenzimmer, mit Lehrern und Mitschülern“, erklärt der Realschüler sein Tief. In seiner Freizeit, so erzählt er’s, guckt er Serien und Filme, schaut zu viel ins Handy, hängt viel rum. Nicht grade typisch für einen Jugendlichen am Anfang des Teenager-Tunnels.

Teenies: Sie sollen sich balgen und ausprobieren

Das findet auch Sozialpädagoge Matthias Wiedenmann. „Die müssen eigentlich raus, sich mit anderen balgen, miteinander Sport treiben“, erklärt er das Naturell von Teenagern. „Die brauchen Körperkontakt.“ Von zu Hause ablösen, das ist ihr Thema. Sich im Jugendhaus drei Tage vor dem Besuch schriftlich anmelden zu müssen, das passt nicht gut auf die Agenda von 13- bis 19-Jährigen. Freiheit, Ungezwungenheit, mal ein wenig Unvernunft, sich ausprobieren, in verschiedene Rollen schlüpfen – das steht auf der Tagesordnung dieser Altersgruppe ganz oben. Trotzdem, das ist die Erfahrung des Pädagogen, hätten die meisten der Jugendlichen sich vorbildlich an die Beschränkungen gehalten.

Till: Impfprivilegien sind auch ungerecht

Und auch Till hat alles gerne mitgetragen, sagt er, um zu helfen, das Coronavirus auszubremsen, um die Alten zu schützen. Jetzt aber wird er langsam ärgerlich. Denn: Während für die ältere Altersgruppe mit den Impfungen das altbekannte Leben wiederkehrt, bleibt für ihn noch vieles im Corona-Modus. Für ihn als 15-Jährigen gibt’s noch längst keine Aussicht auf die Normalität schenkende Impfung mit ihren Privilegien. Aktuell empfiehlt die Stiko Corona-Impfungen ab dem 16. Lebensjahr. Die Wirksamkeit sowie die empfohlene Dosierung für Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren sollen bis zum Herbst ausreichend getestet sein.

Wichtig, die Meistgefährdesten zuerst zu impfen

„Am Ende sind im Sommer alle geimpft, nur wir Jugendlichen sind wieder die Dummen und können im Sommer zu Hause sitzen, während alle anderen in Urlaub fahren“, ärgert sich Till.

Viktoria Koufalis kann den Ärger gut nachvollziehen. Natürlich sei es sinnvoll gewesen, zuerst die Menschen zu impfen, für die eine Corona-Infektion am gefährlichsten ist. Inzwischen aber würde auch sie sich wünschen, dass sie bald drankommt, die zur Risikogruppe zählende Oma wohnt nämlich mit im Haus. Immerhin ist Viktoria schon 17 Jahre alt, dürfte sich inzwischen also mit der Aufhebung der Priorisierungen für alle Impfstoffe auch um einen Impftermin bemühen. „Bis sie aber einen bekommt und dann auch wirklich durchgeimpft ist, wird das lange dauern“, schätzt Sozialpädagoge Wiedenmann.

Ungleichgewicht: Anforderungen an Unternehmen und Jugendliche

Matthias Wiedenmann sieht durchaus, dass Kinder und Jugendliche im Grunde die stärksten Einschränkungen in der Pandemie hinzunehmen hatten. Während die Unternehmen bundesweit lange nicht gezwungen waren, Home-Office-Arbeitsplätze anzubieten, saßen die Kinder schon längst einsam an ihren digitalen Endgeräten. Manches Kind im Fernlernunterricht hatte zu Beginn des ersten Lockdowns nicht einmal Zugang zum Internet, wenn es in dessen Familie an Ressourcen fehlte. Zudem war das Sozialleben der Kinder völlig ausgebremst: Sportunterricht, Gruppenmusikunterricht, Pfadfinderei, ungezwungene Treffen in großen Cliquen – alles, was ein Kinder- und Jugendlichenleben eben bunt macht, war gestrichen.

Auch Viktoria kann an sich selbst feststellen, wie die Motivation so langsam schwindet. Während anfangs noch alles neu und spannend war, ist der Online-Unterricht nur noch anstrengend. 40 Stunden saß die 17-Jährige zuletzt jede Woche vor dem PC. „Danach tun einem schon manchmal die Augen weg“, findet sie. Häufige Internet-Probleme machten die ganze Angelegenheit zusätzlich anstrengend.

Verzweifelte Suche nach sinnvoller Beschäftigung

Zum Ausgleich hat sie allerhand Neues probiert: Backen und Kochen wurden zeitweise ihr Hobby. Bis die anderen aus der Familie keine Lust mehr aufs Verkosten ihrer Experimente hatten, erzählt sie grinsend. Dann verlegte sie sich aufs Stricken, guckte viele Serien und Filme. „Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, was ich noch anfangen soll.“ Früher habe sie ihr Zimmer nur mit Hausaufgaben und Schlafen verbunden – heute spiele sich ihr ganzes Leben in den vier Wänden ab, die sie mit Herzchenbildern und ihr bedeutsamen Sprüchen dekoriert hat.

Großmutter gehört der Risikogruppe an

Und die anfängliche Hoffnung, dass bald alles gut wird, wenn man nur die Zähne zusammenbeißt, die sei inzwischen drastisch weniger geworden. Dazu habe die Angst sie stark belastet. Die Großmutter, die der Risikogruppe angehört, wohnt mit im Haus, darum hat Viktoria sich stets penibel an alle Vorgaben gehalten, hat sich keine Ausnahmen geleistet. Andere haben das schon getan. Das weiß die 17-Jährige. Und auch wenn sie es falsch findet, sie kann’s verstehen. Für sie selbst stand es aber nie zur Debatte. Dazu komme ein großes Unwohlgefühl, wenn sie beim Einkaufen auf größere Menschenmengen treffe, um solche Situationen mache sie stets einen großen Bogen. Zu groß ist die Sorge um die Oma. „Jemand in meinem Alter sollte nicht so viel Angst haben müssen“, findet sie.

Angst, dass die Jugend zwischen den Fingern zerrinnt

Sie hat auch noch eine andere Angst: Angst, ihre Jugend zu verpassen. Während andere Generationen von Teenies rauschende 16. Geburtstage gefeiert haben, sah man im letzten Jahr zum Jubeltag vielleicht ein paar Freunde auf Abstand.

Viktoria guckt in die Zukunft: Bald muss sie fürs Abi lernen, dann folgen Studium und Beruf. Da bleibe wenig Zeit für Freiheit und Ungebundenheit. Sie hat das Gefühl, ihre Jugend zerlaufe ihr zwischen den Fingern. Statt mit Freundinnen Erinnerungen zu schaffen, die sie ihr Leben lang begleiten werden, hat sie sich in den letzten Monaten oft alleine gefühlt. Gerade Treffen im größeren Freundeskreis vermisse sie sehr.

Treffen mit der Clique?  "Vielleicht hab ich das schon verlernt"

Videotelefonate mit Freundinnen, Spaziergänge mit einzelnen Bekannten hätten dann geholfen. Aber ein richtiger Ersatz sei das auch nicht. „Vielleicht hab ich das auch schon verlernt“, überlegt sie. „Ich glaub, da muss man sich wieder langsam rantasten, bis man wieder so offen sein kann, wie man mal war.“ Aktuell kann sie sich jedenfalls nicht vorstellen, jemals wieder eine Sprudelflasche mit einer Freundin zu teilen, früher war das ganz normal.

Pandemie hat manche Jugendliche verändert

Trotzdem kann sie der Pandemie auch Positives abgewinnen „Ich habe eine andere Weltsicht entwickelt. Und nehme mehr Rücksicht auf meine Mitmenschen.“ So sei es ganz normal, an Engstellen Abstand zu halten, so dass andere sich nicht bedrängt fühlten. Muss sie wegen ihrer Pollenallergie niesen, tut sie das möglichst so, dass sich niemand erschreckt.

Sie frage mehr nach, wie es anderen gehe, und hat etwas Wichtiges übers Leben gelernt; „Jeder hat mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen.“ Sie fände es gut, wenn die Menschen häufiger drüber reden würden, schließlich könne man nur dann auch helfen.

Till Eisenbraun ist 15 und einigermaßen frustriert. Seit über einem Jahr ist sein Leben aus den Angeln gehoben. Statt sich mit seinen Freunden draußen zu treffen und zusammen mit den Kollegen von der Remshaldener Jugendfeuerwehr zu üben und Spaß zu haben, ist er auf sich selbst gestellt. Immerhin - ab kommenden Montag können die Schülerinnen und Schüler wieder etwas aufatmen. Die Inzidenz war anhaltend niedrig genug, der Wechselunterricht kann starten. Trotzdem – optimistisch ist Till noch

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