Remshalden

Was stärkt die Psyche in der Pandemie: Expertin gibt in Remshalden Tipps

Voss-Höge
Sich selbst häufiger auf die Schulter klopfen: Psychologin und Psychotherapeutin Pia Voss-Höge ermutigte dazu bei den Landfrauen. © Benjamin Büttner

Als wären zwei Jahre Pandemie-Erfahrung nicht genug. Jetzt schauen wir fassungslos auf die neue Bedrohungslage durch den Krieg in der Ukraine. Das geht jedem an die Substanz. Wie wir psychisch gesund bleiben können, dafür hat die Psychologin und Psychotherapeutin Pia Voss-Höge einige alltagstaugliche und lebensnahe Ansätze. „Wir dürfen uns ruhig öfter loben dafür, noch das Beste aus der Situation gemacht zu haben“, macht Pia Voss-Höge den Zuhörerinnen Mut, sich selbst häufiger auf die Schulter zu klopfen und als Erstes den Spruch „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ in die „Mülltonne“ zu verbannen. Denn zwei Jahre Corona haben unseren Seelen zugesetzt, so die Psychologin und Psychotherapeutin.

„Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben, es geht nicht weg“

Jeder werde damit unterschiedlich fertig. Während die einen die Krise besser wegstecken können, ist die Psyche bei anderen an ihrer Belastungsgrenze angelangt – oder sie tragen schlimmstenfalls sogar eine psychische Erkrankung davon. Grund dafür ist die unterschiedlich stark ausgeprägte Resilienz. Damit ist in Fachkreisen unsere psychische Widerstandskraft gemeint. Die braucht jetzt viel „Futter“, um wieder auf Touren zu kommen, nachdem Kontaktsperren, Besuchsverbote in Altenheimen und nicht zuletzt das stillgelegte Sozialleben an uns gezehrt haben und der Spuk trotz angekündigter Lockerungen noch nicht vorüber sei. „Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben, es geht nicht weg.“ Sie kenne viele, die nach wie vor aus Angst vor Menschenmengen aufs Ausgehen verzichten, ungern in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen und den lange gehegten Kinobesuch vor sich herschieben.

„Die psychischen Erschütterungen waren heftig“

Sie bekomme eine „große Verunsicherung“ in ihrer Praxis in Grunbach sowie im privaten Umfeld mit. „Die psychischen Erschütterungen waren heftig, ich kenne niemanden mehr, der sagt, es habe keine Spuren hinterlassen.“ Wir sollten gut für uns sorgen, unsere Bedürfnisse kennen. Wohltuendes umsetzen und die inneren Prioritäten beachten. Unserer Psyche im Alltag einen Erholungsurlaub gönnen und stattdessen den „Willi“ aus den Ferien zurückholen. Willi, wer ist das denn? „Der Willi ist in Ferien, hieß es doch oft als Kind, wenn man etwas wollte“, so Pia Voss-Höge. Man musste „möchte“ sagen. Das klang irgendwie höflicher, sei aber als Werkzeug zum Resilienz-Aufbau zu „luschig“ und zu kraftlos. Den „Willi“ aus der Versenkung holen, er helfe uns, zu erkennen: Wovon träume ich? Was will ich? „Das Ergebnis dann so stehenlassen, denn wenn ich etwas will, dann ist es gut.“

Schritt zwei: das Glück genießen, wenn es da ist. Und sei es auch noch so klein und unbeachtet. Mal überlegen, was vielleicht ganz gut während der Corona-Zeit war. Die Umwelt habe sich erholt, viele hätten sich einen Garten zugelegt und mehr im Freien gemacht.

Home-Office habe auch seine guten Seiten. Sie könne inzwischen Therapiestunden auch per Video oder Telefon geben, was zuvor nicht gestattet gewesen sei.

Bei allem den kühlen Kopf und Humor behalten

Lohnenswert bei der Abwehr psychischer Durchhänger sei zudem ein positiver Blick zurück auf zahlreiche private Initiativen und die vielen kreativen Einfälle, um trotz Kontaktverbot in Verbindung zu bleiben. „Die Solidarität ist stärker geworden“, so die Referentin. Nicht vergessen: bei allem den kühlen Kopf und Humor behalten. Zum Kopflüften ab in den Wald. Zur Humorförderung das von Voss-Höge empfohlene Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ lesen. „Sieh dir Bäume an“, rät darin der Autor Matt Haig und gibt Tipps wie „Hüte dich vor Dienstagen und vor Oktober“.

„Humor gehört zu den Grundbedürfnissen der Menschen“

Da schwingt eine leichte, schmunzelnde Seite mit, die elementar wichtig sei, so Voss-Höge. „Humor gehört zu den Grundbedürfnissen der Menschen.“ Dazu zähle auch das Bedürfnis nach Spaß, den sie aber klar abgrenzt von sinnfreier Bespaßung. Man könne sich am selbst gemachten Kartoffelsalat freuen, der sehr gut geschmeckt hat, oder zur Freundin sagen, dass das Telefonat mit ihr gutgetan hat. Ein Spaßbringer könne auch ein fordernder Tag mit Gartenarbeit sein, selbst, wenn er abends mit schmerzendem Rücken endet: „Aber man kann sich sagen, ich habe eine Freude daran, dass jetzt alle Radiesle gepflanzt sind.“

Die gebeutelte Resilienz freue sich auch über mehr Gelassenheit. Voss-Höge rät zur Aussöhnung und ruft dazu auf, Konflikte mal loszulassen. Zwar nichts unter den Teppich kehren, aber „sich einfach mal wieder aussöhnen, gemeinsam lachen“, und zwar unabhängig vom Impfstatus. Das Thema nicht mehr diskutieren. „Es gibt hier nicht nur den einen richtigen Weg, lieber über etwas anderes reden.“

Die größte Aufgabe, die jeder für sich bewältigen muss, lautet: raus aus der Selbstisolation. Das sagt sich so leicht angesichts jetzt bevorstehender Lockerungen, aber sind wir dazu, zu diesem „Zurück ins pralle Leben“, nach zwei Jahren „unter dem Diktat der Pandemie“ überhaupt noch imstande? „Was früher Alltag war, ganz normale Momente in einem Tagesablauf, das macht vielen Menschen jetzt zu schaffen“, sagte Angela Illg von den Landfrauen in ihrer Begrüßung.

Als wären zwei Jahre Pandemie-Erfahrung nicht genug. Jetzt schauen wir fassungslos auf die neue Bedrohungslage durch den Krieg in der Ukraine. Das geht jedem an die Substanz. Wie wir psychisch gesund bleiben können, dafür hat die Psychologin und Psychotherapeutin Pia Voss-Höge einige alltagstaugliche und lebensnahe Ansätze. „Wir dürfen uns ruhig öfter loben dafür, noch das Beste aus der Situation gemacht zu haben“, macht Pia Voss-Höge den Zuhörerinnen Mut, sich selbst häufiger auf die

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