Remshalden

Weingut Mayerle in Remshalden: Frischer Wind für die „Best Ager“-Reben

Weingut Mayerle Remshalden
Nina Mayerle mit Mann Matthias und Tochter Lena. © Gabriel Habermann

Man sieht es optisch und baulich, dass die junge Generation ein neues Kapitel im Weingut Mayerle in Remshalden aufgeschlagen hat. Der Generationenwechsel lässt sich auch an anderer, an einer vinologischen Stelle ablesen: Dabei spielt eine traditionelle, indigene schwäbische Rebsorte eine entscheidende Rolle.

Stil der "Orange Wine" auf Traditionssorte übertragen

Die Weißweinsorte Kerner ist so ein Traditionsding, das sich nicht mehr so recht verkaufen lassen wollte. Sie wächst im Weingut Mayerle seit Jahrzehnten, auf inzwischen 30 Jahre alten Lagen, die schon die Eltern von Nina Mayerle - Vater Theodor und Mutter Marianne - bewirtschaftet haben. Inzwischen gelten sie weinsprachlich als Alte-Reben-Lagen, sind also „Best Ager“-Rebflächen im besten Sinne. Nina Mayerle und ihr Ehemann und Winzer Matthias Mayerle gingen mit neuen Ideen an die Rebsorte ran. „Wir haben den neuen Stil der Orange Wine auf die Traditionssorte übertragen“, stellen sie ihr Konzept vor. „Orange Wine“ heißt: Statt als Saft werden die Trauben maischevergoren und trocken im Holzfass ausgebaut. So wurde aus dem Brot- und Butter-Vesperwein „Kerner halbtrocken“ in der Literflasche ein Kulturwein im Dreiviertelliter-Gebinde, ein feiner Tropfen mit frischer Säure und raffinierter Gelbfruchtaromatik, aber nicht zu opulent fruchtbetont.

Doch es blieb ein feiner Tropfen auf dem heißen Stein, die Nachfrage sei verhalten gewesen. Zumindest nicht mutmachend genug, um an dem Plan festzuhalten, den Kerner in der Genussriege zu etablieren. Was nicht am Wein gelegen habe, sondern am Image der Rebsorte. Matthias Mayerle bekam häufig Sätze zu hören wie „Kerner, das hat doch der Großvater getrunken“. Festgemeißelte Vokabeln lösen bei vielen Weintrinkern zunächst „Abwehrreaktionen“ aus. Dabei müsste der Kerner geschmacklich eigentlich „voll ins Schwarze“ treffen, findet Nina Mayerle: „Die Gäste sagen oft, sie hätten gern einen Weißwein, fruchtig soll er sein und nicht zu viel Säure haben, das sind eigentlich exakt die Kerneigenschaften des Kerners“, erzählt sie.

Richtige Balance finden zwischen Innovation und Tradition

Trotzdem wurde der Ausbau des reinsortigen Kerners nach dem einmaligen Versuch mit dem Jahrgang 2016 wieder eingestellt. Inzwischen verleiht ihr Kerner aber vielen Weißweincuvées eine prägende, frische Fruchtnote. So findet er sich in Gesellschaft von Grauburgunder und Sauvignon blanc im „Mayerle weiß“ wieder, der beim Weinpublikum hervorragend ankomme. „Würde Kerner auf dem Etikett stehen, würden es viele wahrscheinlich nicht bestellen“, fügt sie hinzu. Für die Winzer war der „Kerner-Testballon“ eine „gute, lehrreiche Erfahrung“, da er zentrale Aspekte der Generationenübergabe thematisiert habe, die auch bei ihnen seit der Betriebsübernahme im Jahr 2012 die tägliche Arbeit prägen: „Man muss die Balance finden zwischen einerseits Innovationsgeist spielen lassen, andererseits nicht alles umkrempeln, was die Alten machten“, fasst Nina Mayerle die Herausforderungen für die Winzergeneration von morgen zusammen.

Das Winzerehepaar probiert viel aus, damit die in der schwäbischen Rebsorten-DNA fest verankerten Weinsorten in den jahrzehntealten Weinbergen der Vorfahren eine Zukunft haben. Ihre dynamische kreative Handschrift bringen sie rein, indem sie mit neuen Anbauformen, Lagenweinen und innovativen Stilistiken experimentieren.

Entscheidung für Mengenreduktion und Maischevergärung

Das Rad können sie nicht neu erfinden, sie wollen es aber auf neue Gleise setzen. Stets verwurzelt im heimischen Boden der vorangegangenen Generationen, lassen sie Muskelarbeit im Weinberg spielen, machen vieles wieder von Hand, achten auf Gärführung, legen blütenreiche Begrünungen an und richten ihre Arbeit auf die Verantwortung gegenüber der Natur aus. Mit der Entscheidung für Mengenreduktion und Maischevergärung setzen sie auf eine geschmackliche Vielfalt abseits des gängigen Weingeschmacks. „Das Publikum ist reif und bereit für Weine mit Charakter und legt Wert auf Qualität“, sagt Nina Mayerle.

Schon ihr Vater habe begonnen, aus den hellroten Trollingertrauben einen tiefdunklen gehaltvollen Rotwein in noblem Rubinton zu machen. Bei den Junior-Mayerles landen weiterhin Trauben vom Trollinger und Lemberger im Holzfass und reifen zu charaktervollen Rotweinen mit mediterraner Fülle und Eleganz. Auch ihr Lemberger wandert ins Holz - unter anderem kommt er als reinsortiger „Rosé blaufränkisch“ in die Gläser. Nur beim Kerner belassen sie es vorläufig bei der Cuvée-Begleitung.

„Wir wollen neue Akzente setzen mit den traditionellen Sachen“

Mit Pfiff, Verstand, Können und Leidenschaft für den Wein meistern Mayerles den Prozess des Übergangs gut, an dessen Ende heimische Weine für jeden Geschmack stehen sollen. Vom Brot- und Butter-Vesperwein in der Literflasche bis zu den Delikatessen der Weinberglagen „Götzenn“, „Melchior“ und „Zülnhardt“ auf qualitativ hohem Niveau. „Wir wollen neue Akzente setzen mit den traditionellen Sachen“, sagen sie. Wichtigste Botschaft, die ihnen die Eltern mitgegeben haben: „Man darf das Grundprodukt nie vergessen, die Traube ist immer noch das Allerwichtigste für den Wein“, so Matthias Mayerle.

Die Arbeit des Winzers beginne daher im Kopf - mit einer Konzentration auf das Wesentliche, auf die Weinberge. „Sie sind für sich genommen generationenübergreifend, jede Rebfläche ist eine Dauerkultur, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.“ Dessen muss sich der Winzer bewusst sein, sagt Matthias Mayerle: „Die Flächen, die wir heute anlegen, sind bereits für die nächste Generation bestimmt und jene, die wir bewirtschaften, haben unsere Vorfahren für uns angelegt“, so Matthias Mayerle.

Auszeichnung mit dem „Fair’n Green“-Siegel

Mayerles haben sich im Garten der Eltern neu aufgestellt, den Besen und die Vinothek eingerichtet für neue Möglichkeiten der Vermarktung, für Events und Weinproben. Bei ihrem Vater seien die Weine im ehemaligen umgebauten Kuh- und Schweinestall verkostet worden, urig, gemütlich, maximal 16 Personen hatten Platz. Heute können größere Events, Familienfeiern und Feste für bis zu 70 Personen organisiert werden. 2012 wurden Logo und Webseite geändert und überarbeitet, auch, um der Kundschaft vor Augen zu führen, dass ein Wandel stattfindet. 2019 kam der Onlineshop hinzu.

Vinologisch aber mussten sie den Acker der Eltern nicht umpflügen. Schon die Eltern dachten fortschrittlich und haben die Weinbergarbeit und Kellerarbeit auf Ertragsminderung ausgerichtet. Diese geleistete wertvolle Vorarbeit für nachhaltigen Weinbau haben Mayerles dann aber weiter optimiert und wurden für ihr Engagement als erstes Weingut im Remstal mit dem „Fair’n Green“-Siegel ausgezeichnet. Dem Gaumen des Publikums entsprechend haben sie neue Sorten wie Cabernet franc und Auxerrois angepflanzt, ansonsten aber nicht viel an der Sortenvielfalt gedreht. „Wir zehren von den Entscheidungen meines Vaters“, sagt Nina Mayerle. Dazu gehört auch ein sympathisches, rührendes und wunderbares Ritual: Der erste Jahrgang des Cabernet franc wurde 2018 gepflanzt. Im Herbst 2022 sei er gelesen worden - in dem Jahr, als ihre Tochter Lena und damit die dritte Generation zur Welt kam. Der Wein befindet sich nun zwei Jahre zur Reife im Holzfass. „Es wird Lenas Geburtswein. Dieser Familienbrauch gehört ab jetzt zu uns.“

Dieser Artikel ist zuerst am Donnerstag, 15. Dezember, in unserer Beilage "So stark ist der Rems-Murr-Kreis - die nächste Generation" erschienen.

Man sieht es optisch und baulich, dass die junge Generation ein neues Kapitel im Weingut Mayerle in Remshalden aufgeschlagen hat. Der Generationenwechsel lässt sich auch an anderer, an einer vinologischen Stelle ablesen: Dabei spielt eine traditionelle, indigene schwäbische Rebsorte eine entscheidende Rolle.

Stil der "Orange Wine" auf Traditionssorte übertragen

Die Weißweinsorte Kerner ist so ein Traditionsding, das sich nicht mehr so recht verkaufen lassen wollte. Sie wächst

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