Remshalden

Wie junge Familien mit der Corona-Situation umgehen und wovor sie jetzt Angst haben

Familienlockdown
Zum Glück sind die Spielplätze im zweiten Lockdown offen. Bei gutem Wetter ist der am Bürgerpark in Remshalden sehr beliebt. © Gaby Schneider

Noch haben Kindergärten und Schulen geöffnet, aber wie lange noch? Vielen Eltern bereitet die Ungewissheit Unbehagen.

Die fünfjährige Ronja hat ihren Lieblingsplatz okkupiert. Die Tochter von Thomas Baschuritsch aus Schorndorf-Weiler schaukelt vergnügt und in Rückenlage in der Nestschaukel. „Sie ist ein totales Spielplatzkind, sie will immer raus, raus, draußen sein“, sagt der Vater. „Für Kinder ist es sehr schade, dass das Freizeitangebot immer mehr abnimmt und es meistens damit endet, dass sie daheim vor dem Fernseher sitzen.“ Um dem Lagerkoller zu entgehen, vertreiben sie sich den Samstag bei schönstem Herbstwetter auf dem Spielplatz und in der Natur.

An den ersten Lockdown erinnert sich der Elektromechaniker, der bis auf weiteres in Kurzarbeit ist, ungern. „Als der Kindergarten geschlossen war, hatte man oft Mühe, dass das Kind die Aufgaben daheim macht.“ Ronja habe zu Hause oft gebockt. „In der Gruppe ist es etwas völlig anderes“, so der Vater. Ein Glücksfall, dass die Zeit „relativ glimpflich“ abgelaufen sei, weil Ronjas Mutter daheim war. Ronja habe auch im Kindergarten nach der Pause wieder gut in den Rhythmus reingefunden. Trotzdem hoffe er, dass das alles kein Dauerzustand bleibt.

Zukunftssorgen: Seit fünf Monaten in Kurzarbeit

„Am meisten Sorgen macht mir meine berufliche Zukunft“, gesteht er. Seit fünf Monaten zu 100 Prozent in Kurzarbeit, als Zeitarbeiter bei einem Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie – seine Lage ist alles andere als rosig. „Da geht grad nichts, da steht alles still, man weiß nicht, wo es hinläuft.“ Dies einem Kind erklären zu müssen, sei belastend. „Ich muss ihr sagen, dass wir das und jenes gerade nicht kaufen können, das ist nicht so schön.“ Vor Corona sei alles gut gelaufen, seine Übernahme in eine Festanstellung habe unmittelbar bevorgestanden. Dann kam der Lockdown. „Wenn es blöd läuft, fange ich als Zeitarbeiter nach Ende der Kurzarbeit wieder bei null an.“

Ihn trifft es besonders hart, weil auch sein Nebenjob derzeit keinen Trost bietet: Für eine regionale Band leistet er bei deren über das Jahr verteilten Gigs technischen Support, doch auch die Veranstaltungsbranche liegt ja am Boden. „Eine Zeit lang habe ich dazu verdient und hatte genug, um eine Familie zu ernähren.“ Jetzt wackeln beide Standbeine: „Es ist nicht abzusehen, wann die Veranstaltungszahlen wieder nach oben gehen, ich muss aber trotzdem meine monatlichen Belastungen bezahlen und Lebensmittel auf den Tisch bringen.“ Darum hofft er - wie viele - auf eine schnelle Eindämmung der Pandemie. „Ob die strengeren Maßnahmen angemessen sind, wird sich in vier Wochen zeigen“, sagt er.

Beunruhigend findet er die Sorglosigkeit mancher Menschen. „Wir haben gefährliche Zahlen, aber viele kümmert es nicht und sie feiern ihre Partys.“ Es müsse jetzt in jedermanns Interesse sein, die Intensivstationen nicht zu überlasten. „Ich möchte es mir nicht ausmalen, wenn die Lage kippt und wir in den Krankenhäusern keine Betten haben.“ Dass sich die Lage „zu 100 Prozent“ normalisieren könnte, daran glaube er momentan nicht. „Ich glaube, es wird uns noch lange begleiten.“

Manuela Kalbe (48) aus Göppingen wünscht sich nichts mehr, als dass die Spielplätze offen bleiben. „Es ist grad die einzige Möglichkeit, dass man die Kids überhaupt noch rauskriegt.“ Wenn das Wetter nicht mitspiele, bleibe nicht viel anderes als daheim zu bleiben: „Wir haben keinen schönen Garten zum Ausweichen“, sagt die Tochter Natascha Kalbe, Mutter einer 17 Monate alten und einer fünfjährigen Tochter. Aus Hygienegründen gebe es aus ihrer Sicht keinen Grund, Spielplätze wieder zu schließen. „Wir haben hier immer so viel Platz, dass man sich gut ausweichen kann“.

„Die Regelungen sind nicht richtig durchdacht“

Den Lockdown vom Frühjahr bräuchten sie kein zweites Mal: „Ohne meine Mutter wäre ich aufgeschmissen gewesen“, sagt Natascha. „Alles fällt daheim an, Beschäftigungstherapie für die Kleine, Haushalt, es hat sich geballt.“ Mutter Manuela Kalbe ist selbst Risikopatientin. „Ich versuche, sie zu unterstützen nach besten Kräften, aber es ist nicht immer so einfach.“ Aktuell gehe sie keiner Arbeit nach, doch ab 2021 will sie wieder halbtags arbeiten. „Solange der Lockdown im Raum steht, weiß ich nicht, ob ich überhaupt eine Stelle suchen soll.“ Die Regelungen seien „nicht richtig durchdacht“. Denn: „Welcher Chef macht es mit, dass ich ab und zu daheim bleiben muss, weil der Kindergarten wieder schließt und ich für die Tochter einspringen muss.“

Catrin und Martin Gerhold sind mit den zwei achtjährigen Zwillingen und dem 14-jährigen Sohn aus München zu Besuch bei der Oma in Remshalden – in Bayern waren bis gestern Ferien. „Wir haben noch relativ Glück gehabt“, meint Catrin Gerhold. Als Erzieherin arbeitet sie in einem systemrelevanten Beruf. „Die Kleinen gingen in die Not- und Mittagsbetreuung, der Große ist schon sehr selbstständig.“ Auch ihr Garten sei ein wertvoller Rückzugsort gewesen. „Aber jetzt kommt die kalte Jahreszeit, da ist alles anders.“

Sie bekomme die Lage von vielen Eltern mit. „Die Anspannung, die auf ihnen lastet, allem gerecht zu werden, ist enorm.“ Auf dem Gymnasium bei ihrem Sohn seien die Sorgen groß, dass die Kinder abgehängt werden und den Stoff nicht mehr aufholen können. „Damit sie den Faden nicht verlieren, wollen viele das Home-Schooling absolut perfekt machen, dabei übernehmen sie sich und stehen unter Druck.“

Noch haben Kindergärten und Schulen geöffnet, aber wie lange noch? Vielen Eltern bereitet die Ungewissheit Unbehagen.

Die fünfjährige Ronja hat ihren Lieblingsplatz okkupiert. Die Tochter von Thomas Baschuritsch aus Schorndorf-Weiler schaukelt vergnügt und in Rückenlage in der Nestschaukel. „Sie ist ein totales Spielplatzkind, sie will immer raus, raus, draußen sein“, sagt der Vater. „Für Kinder ist es sehr schade, dass das Freizeitangebot immer mehr abnimmt und es meistens damit

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