Remshalden

Wie man 100 Jahre alt wird? „Nicht jammern!“, sagt Gerda Renkewitz aus Remshalden

Gerda Renkewitz 100
Gerda Renkewitz (100) ist von Grunbach aus mit dem Seniorenpass für Bus und Bahn gern im ganzen Remstal unterwegs. © Benjamin Büttner

Nein, das kann nicht sein! Die Dame, die da mit schnellen, leichten Schritten die Treppe von ihrer Wohnung in der Seniorenanlage Kelterstraße herunterkommt, soll 100 Jahre alt sein? Nie und nimmer. Ist aber so!

Heute vor einem Jahrhundert, am 3. Dezember 1920, ist Frau Renkewitz als Gerda Kappler im im Kreis Liegnitz/Schlesien gelegenen Barschdorf geboren worden. Die Eltern betrieben eine Landwirtschaft. Ihre ersten Kindheitserinnerungen sind unbeschwerte Spiele mit den Dorfkindern. Und, wenn die Eltern bei der Arbeit waren, musste die kleine Gerda das Butterfass so lange drehen, bis die Butter fest war.

Schicksalshafte Spuren der verheerenden Weltkriege

Aber das Mädchen war gerade sechs Jahre alt, als ihr Vater an den Spätfolgen einer schweren Kriegsverletzung starb und sie mit ihren beiden Geschwistern und der Mutter zurückließ. Es sind wie in ihrer ganzen Generation auch bei Gerda Renkewitz die beiden verheerenden Weltkriege, die schicksalhafte Spuren in ihrer Biografie hinterlassen haben. Und zudem kam dann die Arbeit, durch die sie mit den Härten des Lebens bekannt wurde.

Gleich nach ihrer Konfirmation -„als einziges Mädchen hatte ich ein schönes weißes Kleid, das mir meine Mutter nähte“, freut sie sich noch heute - begann sie 1935 eine zweijährige Ausbildung in der Haushaltungsschule Bethanien in Breslau. In der Küche, in der Bäckerei: „Das hieß um zwei Uhr früh aufstehen und in die Backstube.“ Es gefiel ihr dort, sie lernte bei Diakonissen und wollte selbst eine werden. Doch eine der Oberinnen nahm sie einmal beiseite und meinte: „Du willst doch Kinder haben, dann kannst du nicht Diakonisse werden.“

Januar 1945: „Wir wollten nur fliehen, wussten aber nicht wohin.“

Es folgte eine Arbeitsstelle in einem Pfarrhaushalt. „Das war schwierig“, erinnert sie sich. „Morgens im Zimmer war das Wasser zum Waschen eingefroren“, so kalt war es im Winter. Ab 1940, der 2. Weltkrieg war am Wüten, machte Gerda Renkewitz dann eine Kurzausbildung zur Säuglingsschwester und Schwesternhelferin. Eingesetzt wurde sie in Orten im von Deutschland besetzten Polen und Tschechien. Im Oktober heiratete sie ihren ersten Mann, der danach wieder ins Feld musste. „Im November galt er schon als vermisst. Er kam nicht wieder.“

Dann das Kriegsende. Die Front rückte näher, „aber bis zuletzt hatte es geheißen, ihr müsst aushalten, ihr dürft nicht weggehen!“ Am 5. Januar 1945, „erst im allerletzten Moment“, konnte sie mit einer befreundeten deutschen Müllerfamilie auf der Pferdekutsche zum nächsten Bahnhof ziehen. Aber dort gab es keine Verbindung mehr.

Eine Ortschaft weiter stand noch ein Soldatentransport mit einem angehängten Waggon für Flüchtlinge, der sie aufnahm. „Wir wollten nur fliehen, wussten aber nicht wohin.“ Nach vielen Zwischenstopps war es dann schließlich „Isny im Allgäu, wo die Gleise endgültig endeten“.

Im Jahr darauf wurde sie dort Pflegerin in einem Versehrtenheim für verwundete und heimatlose Soldaten und kümmerte sich um Schwerverletzte. Einarmige, Blinde, was der Krieg so übrig gelassen hatte. In diesem Umfeld lernte sie auch ihren zweiten Mann kennen. Fritz Renkewitz aus Ostpreußen, ein Zimmermann, der mit nur einem Bein aus dem Krieg zurückkehrte. Die beiden heirateten 1949, bekamen drei Kinder und bauten sich zuerst in Isny, dann in Ravensburg eine Existenz auf.

Einen weiteren Schicksalsschlag gab es 1954, während Gerda Renkewitz’ dritter Schwangerschaft. Tuberkulose, die eine zum Glück nur halbjährige, aber schmerzliche Trennung von ihrer Familie bedeutete.

„Die Jahre sind vergangen“, sagt die nun Hundertjährige im Strudel ihrer sprudelnden Erinnerungen. Und nie ist da bei ihr ein Klageton, eine Bitternis oder gar ein Opfergefühl zu spüren. Bewundernswert.

„Wenn man nur daheimbleibt, kommt man nicht rum!“

Nach über 50 Jahren Ehe ist dann 1999 ihr Mann verstorben. Tochter Elke, die 26 Jahre Schulsekretärin an der Grund- und Hauptschule Geradstetten war, hat ihre Mutter dann 2012 nach Grunbach geholt, wo sie seitdem aus dem Seniorenwohnheim Kelterstraße ihre Ausflüge unternimmt. „Gut aufgenommen, schöne Wohnung und morgens von der Sonne wachgeküsst“, wie sie strahlend sagt.

„Gleich zu Anfang habe ich einen Seniorenpass für Bus und Bahn beantragt und nutze ihn bis heute. Denn, wenn man nur daheimbleibt, kommt man nicht rum! Und man muss sprechen mit den Leuten!“ Und so kann man sie denn an der Haltestelle vor ihrer Wohnung in den Bus einsteigen sehen und zum Fahrer sagen hören: „Ich will nach Grunbach zum Bahnhof, aber ich fahre mit Ihnen eine Runde.“ Die landschaftlich schöne Strecke über Rohrbronn. Einmal hatte sie ihren Stock am Bahnhof liegen lassen. Der Busfahrer fuhr zurück und holte ihn ihr!

Das geplante große Familienfest mit den Kindern, sieben Enkeln und 15 Urenkeln kann so nicht stattfinden. Nur die drei Kinder werden da sein. Doch es wird eine große Überraschung geben.

Aber wie wird man 100, wollten wir wissen. Und Gerda Renkewitz lacht und sagt aus Erfahrung: „Nicht jammern!“

Nein, das kann nicht sein! Die Dame, die da mit schnellen, leichten Schritten die Treppe von ihrer Wohnung in der Seniorenanlage Kelterstraße herunterkommt, soll 100 Jahre alt sein? Nie und nimmer. Ist aber so!

Heute vor einem Jahrhundert, am 3. Dezember 1920, ist Frau Renkewitz als Gerda Kappler im im Kreis Liegnitz/Schlesien gelegenen Barschdorf geboren worden. Die Eltern betrieben eine Landwirtschaft. Ihre ersten Kindheitserinnerungen sind unbeschwerte Spiele mit den Dorfkindern.

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper